In seinem Buch Die digitale Transformation (Vahlen) beschreibt Tim Cole, wie die Digitalisierung die Arbeitsabläufe in Betrieben verändert und verändern muss.
BuchMarkt hat bei ihm nachgefragt, wie das im Bezug auf den Buchhandel aussieht.

Sie haben das Buch „Digitale Transformation“ geschrieben, um die Notwendigkeit derselben in den Betrieben zu verdeutlichen, richtig? Sind sie wirklich der Ansicht, dass ein Betrieb, der sich darauf nicht einlässt zwangsläufig dem Untergang geweiht ist?
In den USA sind durch die Digitalisierung seit dem Jahr 2000 die Hälfte der Fortune-500-Firmen verschwunden, also die ehemals umsatzstärksten Unternehmen Amerikas.Gleichzeitig heißt es in einer Studie, die vomBundeswirtschaftsministerium zusammen mit TNS Infratest und dem ZEW Mannheim durchgeführt wurde, dass die Digitalwirtschaft in China inzwischen an Deutschland vorbeigezogen ist. Wir liegen nur noch auf Platz sechs hinter Ländern wie die USA und Großbritannien, aber auch Südkorea. Das sind für mich alles deutliche Alarmzeichen: Wenn nicht bald ein Ruck durch Deutschland geht, werden wir womöglich in die Rolle eines digitalen Drittweltstaates zurückfallen. Es sind also nicht nur einzelne Unternehmen, die bedroht sind: Es ist der Wirtschaftsstandort Deutschland, also wir alle!
Wie sieht das im Buchhandel aus? Gerade dort ist doch die Transformation schon sehr weit?
Der Buchhandel in Deutschland boomt – dank Digitaltechnik! Ja, die Buchbranche schloss laut Börsenverein das vergangene Jahr insgesamt mit einem leichten Minus ab, aber eBooks sind um 7,6 Prozent gewachsen. Die gleiche Entwicklung lässt sich überall im Handel sehen: Online wächst ungebremst, der stationäre Handel ist von der Krise gebeutelt und verzeichnet seit Jahren sinkende Umsätze. Das zwingt immer mehr klassische Händler, sich gegenüber dem Internet zu öffnen und auf hybride Modelle zu setzen: Online und Offline aus einer Hand! Wobei das Wachstum in Zukunft vom Onlinegeschäft kommen wird.
Reicht es, wenn der Handel neben seinem stationären Geschäft eine Homepage betreibt? Was sollte man dabei unbedingt beachten?
Nein. Der stationäre Händler muss versuchen, sich einen Teil vom Online-Kuchen zu holen. Dabei wird es vor allem darauf ankommen, beide Geschäftsmodelle miteinander zu verzahnen. 62%
der Online-Shopper wünschen sich laut einer Studie von UPS, im Internet bestellte Waren bei Nichtgefallen im Laden des Anbieters zurückgeben zu können – was allerdings bis heute nur wenige Händler anbieten.44%würden gerne online Bestelltes im Ladengeschäft abholen. Das ist eine große Chance für den stationären Handel: Wer nach Feierabend vorbeikommt, um die Onlinebestellung abzuholen, dem fällt garantiert noch etwas ein, was er vergessen hat – und er geht in den Laden, um es zu holen. Online kann so zu einem Umsatzplus beim Offlinehandel führen.
Sie nennen Amazon als DEN Online-Riesen, wenn es um Buchbestellungen geht. Heißt das, eine Homepage eines Buchladens oder die diversen Gegenspieler (z.B. buchhandel.de oder geniallokal.de) haben dagegen keine Chance? Warum nicht?
Amazon kontrolliert ein Viertel des deutschen Web-Handels. Aber Jeff Bezos ist ja nicht angetreten, um der größte Buchhändler der Welt zu werden; Er möchte der größte Händler der Welt werden, punkt! Amazon verkauft alles von Babywäsche bis zu Damenmode, von Elektronik bis Gartenmöbel. Da haben es andere natürlich schwer. Das heißt aber nicht, dass man nicht Nischenmärkte besetzen kann, so wie beispielsweise Thalia oder buecher.de es mit Hörbüchern und eBooks recht erfolgreich getan haben.
Vielleicht sollte der Buchhandel Amazon nicht nur als Gegner sehen, sondern als möglicher Kooperationspartner, zum Beispiel über das Programm „Verkaufen bei Amazon“. Und man könnte als Buchhändler vielleicht auch einiges bei Amazon angucken: Warum bietet bis heute kein einziger großer deutscher Buchhändler bietet eine Self-Publishing-Plattform an?

(Vahlen)
Sie geben an, dass die Big 4 darauf setzen, den Kunden „anzufixen“ u.a. durch eine breite Produktpalette und entsprechende Serviceangebote. Kann das ein kleiner oder mittelständischer Buchhandel überhaupt leisten – und wie könnte das in der Praxis aussehen?
Die „Big Four“ – eigentlich müssten sie die „Big Five“ heißen, denn man vergisst neben Apple, Google, Facebook und Amazon ja gerne Microsoft, das immer noch ein Wirtschaftsriese ist – sind alles digitale Unternehmen, und Deutschland hat dem nichts entgegen zu setzen. Sie sind in ihren jeweiligen Branchen Quasi-Monopolisten, und sie sind nicht zufällig dahin gekommen, sondern weil sie etwas richtig machen. Sie bieten den Leuten nämlich genau das, was sie wollen, und sie bieten perfekten Service. Warum sollte ich woanders hingehen, wenn ich doch zufrieden bin und alles bekomme, was ich brauche? Ich denke, ein Händler, der seine Kunden gut kennt, ihnen überdurchschnittlichen Service anbietet und auch noch faire Preise, der kann durchaus seine Nische finden, auch im Zeitalter der Big Four. Er muss sich aber etwas einfallen lassen und bereit sein, neue Wege zu gehen.
Wie sieht es mit den Mitarbeitern aus? Welche Fähigkeiten sind Ihrer Meinung nach für die digitale Transformation unverzichtbar und warum? Muss jetzt jeder in der Lage sein, eigene Webseiten oder gar Apps zu programmieren?
Der Mitarbeiter muss in der Lage sein, wie ein Fisch im Strom der Informationen zu schwimmen und nicht darin unterzugehen. Das Leben im Digitalzeitalter wird zwar komplexer, aber deshalb nicht komplizierter werden – im Gegenteil! Digitale Systeme werden immer einfacher und intuitiver bedienbar sein. Jedes Kind kann einen iPad bedienen! Niemand muss seine eigene Website oder App programmieren – es sei denn, er hat Spaß daran. Wenn nicht, empfehle ich immer: Fragen Sie Ihren Neffen oder die Enkelkinder. Die können sowas!
Oft werden digitale Medien und Möglichkeiten gegenüber dem gedruckten Buch skeptisch betrachtet oder gar verteufelt. Stimmt das? Welche Möglichkeiten eröffnen sich dadurch, die man vorher nicht anbieten konnte?
Digitale Leser sind anders. Ich ertappe mich beim Lesen eine eBooks immer wieder, dass ich einzelne Begriffe im digitalen Wörterbuch nachschlage oder Wikipedia aufrufe, um Zusatzinfos zu bekommen. Solches Lesen hat weniger mit einem linearen Prozess und mehr mit dem Browsen im Web zu tun. Aber ich nehme auch immer wieder gerne ein richtiges gedrucktes Buch in die Hand, weil ich das haptische Erlebnis und die Entschleunigung schätze, die ich beim „alten“ Lesen empfinde. Am Ende des Tages entscheidet das jeder Kunde selbst. Unsere Aufgabe ist es, ihm das zu geben, was er haben will.
Apropos gedrucktes Buch: Sie haben Ihren Titel als Hardcover veröffentlicht – wollten Sie damit die Digitalskeptiker mit der analogen Haptik locken? Welchen Stellenwert haben Ihrer Meinung nach die „analogen“ Medien und auch Möglichkeiten?
Es hat großen Ärger gegeben, weil mein neues Buch zunächst nur auf Papier erhältlich war. Ich habe Dutzende von teilweise hämischen oder sogar bitterböse Mails und Facebook-Posts bekommen, nach dem Motto: „Sie wollen etwas über Digitale Transformation sagen“, schaffen es aber selbst nicht, ihr Buch digital anzubieten?“ Es gibt viele Menschen heutzutage, die Bücher nur noch digital kaufen. Wer das nicht anbietet, kommt als Händler nicht in Frage. In meinem Fall war die elektronische Ausgabe schon erschienen, aber bei Amazon hat man es nur im Kindle-Shop gefunden, nicht auf der regulären Buchseite. Das war erstens ärgerlich und zweitens geschäftsschädlich, und es hat Wochen gedauert, bis es abgestellt war. Mir war das eine Lehre: Du musst das eine tun, ohne das andere zu lassen, sonst bestraft dich der Markt, und zwar erbarmungslos!
Die Fragen stellte FvD







