
Eine doppelte Premiere fand heute in Frankfurt statt. Erstmals veranstaltete der Verlag Vittorio Klostermann eine Pressekonferenz im Editionshaus, um ein neues Buch zu präsentieren – Logbuch Deutsch – Wie wir sprechen, wie wir schreiben von Roland Kaehlbrandt.
„Eigentlich wird in diesem Raum gearbeitet, nun findet hier erstmals ein Pressegespräch statt“, verriet Verlagsleiter Vittorio Klostermann. Sein Vater, ebenfalls mit Vornamen Vittorio, gründete 1930 den geisteswissenschaftlichen Verlag mit philosophischem Schwerpunkt in Frankfurt. Seit 1969 hat das Haus seinen Sitz in der Frauenlobstraße.
Zur Zusammenarbeit mit dem Autor sei es nach einer Mitgliederversammlung gekommen – Klostermann und Kaehlbrandt stellten gemeinsam fest, dass der Gebrauch der deutschen Sprache in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik äußerst eingeschränkt ist. „Darüber müsste man schreiben“, sagte der Verleger. „Ich habe schon ein Manuskript“, äußerte der Autor.
„So begann unsere Zusammenarbeit. Die langen Gesichter der Verlagsmitarbeiter, die das Manuskript eines weiteren humorlosen Sprachschützers vermuteten, hellten sich beim Lesen schnell auf; Roland Kaehlbrandt sieht Sprache wesentlich differenzierter und ganz und gar nicht humorlos“, erklärte Klostermann.
Nur die Titelsuche habe sich als mühsam erwiesen: Weißbuch der deutschen Sprache? Ging nicht. Schwarzbuch erst recht nicht. So kam der Werbefachmann des Verlages auf Logbuch. „Wir befinden uns damit zwar nicht auf hoher See, loten aber die Untiefen des Sprachgebrauchs aus“, kommentierte der Verleger. Im Übrigen sei ein bisschen Weißbuch geblieben: Obwohl Band 78 der Roten Reihe ist das Cover des Logbuchs weiß.
Autor Roland Kaehlbrandt verwies auf seinen Geburtsort Köln: „Ich bin dort zweisprachig aufgewachsen, das ging nicht anders am Rhein.“ Als Student in Frankreich habe er das Sprachbewusstsein des Nachbarlandes bewundert und Interesse für die deutsche Sprache entwickelt. „In Frankreich gibt es viele Sprachbücher, in Deutschland nur wenige“, stellte Kaehlbrandt fest. Er selbst steuerte bereits mehrere Titel bei.
„Unsere deutsche Sprache ist genial, wird aber unterschätzt. Das hat negative Folgen“, erklärte der Autor.
Wichtige Vorzüge des Deutschen seien die Fähigkeit zur Wortschöpfung durch einen leicht kombinierbaren Wortschatz – es gibt fünf Millionen Wörter im Deutschen; der elastische Satzbau ermögliche feinste Ausdrucksnuancen; die Genauigkeit im Raum und die Fähigkeit zu angemessener Kontaktaufnahme seien für eine höflich-freundliche Kommunikation hilfreich.
Deutsch ist eine überregionale Sprache – eine der wenigen von 6000 Sprachen der Welt, wird in sieben Staaten als nationale oder regionale Amtssprache verwendet und befindet sich auf Platz zehn der am meisten gesprochenen Weltsprachen. Als Hochsprache besitzt Deutsch kodifizierte Grammatik, Wortschatz, Rechtschreibung und nominierte Aussprache. Das Deutsche wurde von Humanisten und Aufklärern im Widerstand gegen französisch sprechende Fürstenhöfe und lateinisch dominierte Wissenschaften ausgebaut. „Es gibt einen Überlieferungszusammenhang, das ist wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, erläuterte Kaehlbrandt.
Wenn entscheidende gesellschaftliche Bereiche zunehmend ans Englische abgegeben werden, sieht der Autor Risiken für die Weiterentwicklung der deutschen Sprache, die eher verflacht. An deutschen Universitäten finden Studiengänge immer häufiger auf Englisch statt. Deshalb klingt Kaehlbrandts schlussfolgernde Frage: „Wird dann irgendwann Germanistik in Englisch studiert?“, gar nicht mehr so absurd.
Bei Managern treffe man oft auf „Imponierdeutsch“ , in dem beispielsweise von kooperativer Zusammenarbeit und intermodularen Potentialen die Rede ist.
Andererseits werde in der „Hallogesellschaft“ „Lockerdeutsch“ gesprochen, eine „Scheinprivatheit“ inszeniert.
„Mit beiden Varianten werden eine falsche Einstellung zur deutschen Sprache und der Eindruck, dass Sprache zweitrangig sei, vermittelt“, sagte Kaehlbrandt.
Es werde heute so viel geschrieben, wie noch nie – aber auch so viel falsch, wie noch nie. Die mangelnde Sprachbeherrschung sei bedenklich.
Deshalb sei es notwendig, in den Wissenschaften auch Deutschkurse anzubieten, Deutsch als Zweitsprache bei allen Lehrern einzufordern, Sprachbewusstsein in der Öffentlichkeit zu entwickeln.
„Fragen der Sprachnorm, der Sprachplanung … und der Sprachverbreitung sollten in einer Institution wie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, am besten im Schulterschluss mit dem renommierten Institut für Deutsche Sprache in Mannheim und weiteren Akteuren, gebündelt behandelt werden“, schlug Roland Kaehlbrandt vor.
Karin Hechler, ehemalige Leiterin des Gymnasiums Schillerschule in Frankfurt, ergänzte dazu: „Roland Kaehlbrandt hat ein paar steile Thesen in seinem Buch aufgestellt. Aber wer macht sich stark für die deutsche Sprache? Das muss in der Bildung geschehen“, forderte sie genauso wie der Autor. Selbstabwertung und Gleichmacherei werde in der Sprache sichtbar. Deshalb sollte auch in der Familie mehr Achtsamkeit auf Sprache gelegt werden. „Sprache hat mit individueller und kollektiver Souveränität zu tun“, unterstrich Hechler.
Sie zitierte aus der Rede des Büchner-Preisträgers Rainald Goetz: „Was muss ich denken, um richtig zu verstehen, was ich fühle, wenn ich sehe, was passiert?“, fragte der Schriftsteller. Ohne Sprache ist das alles schwer vorstellbar.
JF