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Navid Kermani: Autor mit iranischen Wurzeln erhält Friedenspreis und Iran boykottiert Messe

Navid Kermani

„Wir freuen uns extrem über die Entscheidung des Stiftungsrates, Navid Kermani, einen großen Romancier, engagierten Journalisten und kenntnisreichen Islam-Wissenschaftler, mit dem diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels auszuzeichnen“, eröffnete Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, die Pressekonferenz am heutigen Vormittag.

Er würdigte Kermani als einen Schriftsteller und Reporter, der nicht vom Schreibtisch aus agiert, sondern sich aktiv einmischt für ein friedliches, an den Menschen orientiertes Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen.

Kermani berichtete von dem Moment, als er von seiner Wahl zum Friedenspreisträger 2015 erfuhr: „Es war im Auto auf einer Reise nach Frankreich. Meine Frau ging an mein Handy und wollte Herrn Riethmüller eigentlich abwimmeln. Aber dann haben wir doch angehalten; es musste wohl etwas Wichtiges sein“, sagte der Autor lächelnd.

Er sei praktisch mit dem Friedenspreis aufgewachsen; „der erste Preisträger, an den ich mich erinnere, war Ernesto Cardenal, der den Preis 1980 erhielt – da war ich kaum 13 Jahre alt“. Bereits als Gymnasiast sei er, 1967 in Siegen als Sohn iranischer Eltern geboren, zur Buchmesse nach Frankfurt gefahren. „Ich komme mir ein bisschen vor wie Manuel Neuer – eben noch im Fanblock von Schalke und wenig später zwischen den Pfosten in Gelsenkirchen“, schilderte Kermani seine Empfindungen. „Es ist wunderbar, ich brauche keine Eintrittskarte für die Buchmesse und wohne im Frankfurter Hof“, scherzte er.

Auf die Frage, warum er trotz der Nachricht von der Preisverleihung auf Europareise ging, um zu recherchieren, und nicht vielmehr für Interviews zur Verfügung stand, antwortete Kermani: „Statements sind nicht meine Aufgabe. Deshalb habe ich lieber weiter gearbeitet, mit dem Notizblock durch Europa zu reisen war mir wichtiger.“ Es freue ihn besonders, dass er die Auszeichnung auch für seine Reportagen erhalte.
Er fügte hinzu: „Meine Tochter wurde, als sie noch klein war, einmal gefragt, welchen Beruf ihr Vater habe. Sie sagte: Er ist eine Lese-Schreiber. Genau das trifft es, für mich ist Lesen genauso wichtig wie Schreiben.“

Er sei kein Anstifter ideologischer Auseinandersetzungen, sondern verleihe bereits vorhandenen Stimmen Ausdruck. Sein 2009 erstmals veröffentlichtes Buch Wer ist Wir? Deutschland und seine Muslime gibt eine optimistische Sicht auf die Entwicklung wider. „Ich spürte, dass sich das Land verändert. Lange vor der Entscheidung Angela Merkels zur Aufnahme von Flüchtlingen hat sich die Lage gewandelt. Die jungen Leute haben heute weniger Angst vor Einwanderung als vor Re-Nationalisierung. In Siegen gab es zu meiner Schulzeit Klassen für Ausländer, weil man dachte, dass die sowieso wieder in ihre Heimat zurückgehen. So etwas ist heute undenkbar.“

Natürlich gebe es auch die andere Seite, eben hin zur Re-Nationalisierung. „Das betrachte ich mit Sorge“, gestand Kermani. Europa sei zerstritten – keine positive Tendenz. Aber: „Wenn ich nicht glauben könnte, dass die Offenheit gewinnt, könnte ich gleich aufhören. Es hat sich aufgrund engagierter Menschen schon viel verändert“, erklärte er.

Kermani bekenne sich zu Deutschland. „Allerdings ist der Besuch eines iranischen Standes für mich etwas Anderes, weil ich die Sprache und Kultur kenne“, sagte er. Im übrigen sei Mehrsprachigkeit eher das Normale, homogene Städte seien die Ausnahme. „Ich erlebe Mehrsprachigkeit als Selbstverständlichkeit.“
Über den Boykott des Irans sei Kermani traurig. „Deshalb möchte ich umso mehr auf die iranischen Verlage hinweisen, die gekommen sind. Ich werde sie besuchen.“ Es sei schon seltsam, dass ausgerechnet ein Autor mit einem iranischen Pass im Jahr des Messe-Boykotts des Irans den Friedenspreis erhält.

Zum Thema Flüchtlinge erklärte Kermani: „Die Integration wird keine einfache Aufgabe, sondern bedarf gewaltiger Anstrengungen.“ Wichtig sei ein humanes Flüchtlingsrecht in Europa. Die politische Haltung Deutschlands habe sich geändert, Europa sehe Deutschland seit der Aufnahme tausender Flüchtlinge in einem neuen Licht. „Die Dublin-Regelung war von Anfang an zum Scheitern verurteilt“, bemerkte der Autor.

Das System von Einwanderung und Asyl müsse grundlegend verändert werden, es zwinge zur Illegalität, um Asyl zu beantragen. „Asylrecht ist kein Grundrecht mehr“, beklagte Kermani und zeigte sich gleichfalls enttäuscht von der ungerechten Verteilung der Flüchtlinge in Europa. „Die größte Reklame für Schlepper macht die Europäische Union“, unterstrich er. Die wenigsten Flüchtlinge kennten sich mit Visaangelegenheiten aus, es sei äußerst schwierig, in die Botschaften zu gelangen und Anträge zu stellen. Engagierte Organisationen hätten nur wenige Kontingente, um Flüchtlingen die legale Einreise zu ermöglichen.

Zu Salman Rushdie bemerkte Kermani, dass der mit der Fatwa belegte Schriftsteller nur einer von vielen Autoren sei, die in den Jahren 1988/89 bedroht wurden. Es habe in jenen Jahren viele Hinrichtungen und Bücherverbote gegeben – und es gebe sie auch heute noch.

JF

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