
Akkreditierung, Taschenkontrolle, die Kamera bitte auslösen. Ein Trinkflasche dabei? Bitte davon etwas trinken. Ein grünes Sicherheitsbändchen für die Kamera, nach dem erfolgreichen Gang durch die Sicherheitsschleuse ein schwarzes fürs Handgelenk.
Die Sicherheitsvorkehrungen zur Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse waren immens. Überall wichtige Leute mit Knopf im Ohr. Alles wegen Salman Rushdie.
Der berühmte Autor kommt tatsächlich, durch eine andere Tür als die Medienvertreter. Auf einem nochmals mit einem Trennband abgeteilten Podium sitzt er neben Messedirektor Juergen Boos und muss ein minutenlanges Blitzlichtgewitter über sich ergehen lassen. Er trägt es gelassen.
„Bitte, wir wollen jetzt mit der Pressekonferenz anfangen“, weist Boos die Fotografen in die Schranken. Er freue sich besonders, neben Salman Rushdie zu sitzen, erinnere sich noch an das Jahr 1988, als Salman Rushdies Roman Die satanischen Verse zuerst im US-amerikanischen Verlag Viking Press/Penguin erschien und im Februar 1989 der iranische Ajatollah Chomeini eine Fatwa gegenüber Rushdie aussprach.
Am selben Monat wurde in Deutschland der Artikel 19 Verlag gegründet, um Die satanischen Verse auf Deutsch zu veröffentlichen.
Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Heinrich Riethmüller ging auf diese Situation ein: „Die Todesdrohung gegen Salman Rushdie darf nicht vergessen werden. Wir sind stolz, Sie heute hier zu haben“, wandte er sich an den Autor.
Gegenwärtig seien Hunderttausende Menschen weltweit auf der Flucht. „Der Börsenverein tritt ein für das Recht auf Freiheit und Demokratie, Literatur gelingt nur in Freiheit und steht für Freiheit“, betonte Riethmüller. Verleger, Buchhändler und Publizisten hätten eine große Verantwortung, die auch die Frage, wie viel Selbstzensur in den Köpfen steckt, mit einschließe.
Zu den Zahlen im deutschen Buchmarkt: Bis Ende September gebe es ein leichtes Umsatzminus in Höhe von 2,5 Prozent. „Das sehen wir mit relativer Gelassenheit“, kommentierte Riethmüller. Im Sachbuchbereich sei ein Plus von 0,6 Prozent zu verzeichnen. Der Anteil von E-Books am Gesamtumsatz, der bei etwa 9,4 Milliarden Euro liege, betrage 5,6 Prozent. In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren würden etwa zehn bis fünfzehn Prozentanteile in diesem Segment erwartet. „Die Themen E-Books und Online-Handel sind keine Aufreger mehr“, konstatierte Riethmüller. Der Markt habe sich verändert, die Kernkompetenzen seien geblieben. Inzwischen hätten etwa 2000 Buchhandlungen eigene Online-Shops.
Der Vorsteher verwies zudem auf die speziell zur Buchmesse entwickelte App hin: Eine Kooperation zwischen buchhandel.de und der Messe ermöglicht mit dieser App an allen Messetagen und darüber hinaus den Kauf deutschsprachiger Bücher. Wer die App installiert hat, scannt den ISBN-Code des gewünschten Buches und kann das Buch bei mehr als 900 Partner-Buchhandlungen abholen.
Außerdem vermeldete Riethmüller, dass der Tolino-Reader inzwischen 45 Prozent Anteil am Umsatz von Lesegeräten hat, der Kindle nur noch 39 Prozent.
„Der Börsenverein sieht sich als Katalysator für Altes und Neues“, bemerkte der Vorsteher. So sei beispielsweise zur Frankfurter Buchmesse das House of Startups neu während der Buchmesse eingerichtet worden.
Juergen Boos hielt zu Beginn seiner Rede Bücher in die Höhe: „Das sind wichtige Bücher. Zur Geschichte der Frankfurter Buchmesse beispielsweise von meinem Vorgänger Peter Weidhaas, der ebenfalls im Publikum sitzt. Er beschrieb die Situation der Buchmesse im Zusammenhang mit der Fatwa.“ Natürlich gehören auch Salman Rushdies Bücher für Boos zu den wichtigen Werken.
Über den Boykott des Irans sei Boos nicht froh. Dennoch seien iranische Verleger und Autoren da, nur eben nicht als Vertreter ihrer Regierung.
„Es gibt den einen zentralen Aspekt der menschlichen Zivilisation, der für mich nicht verhandelbar ist. Das ist die Freiheit des Wortes, die freie Meinungsäußerung“, betonte der Messedirektor. Eine Idee, eine Haltung sei sowieso nicht totzukriegen. Sie verschwinde nicht, selbst wenn man denjenigen, der sie formuliert, umbringe. Was einzig bleibe, sei das Reden.
„Die Freiheit des Wortes befindet sich zurzeit in einem sehr fragilen Zustand“, äußerte Boos weiter, „sie ist im wahrsten Sinne des Wortes unter Beschuss. Wir erleben eine Zeit, die von gewaltsamen Konflikten geprägt ist, in der die Spirale der Gewalt sich scheinbar immer nur in eine, in die falsche, Richtung dreht.“ Die wichtigste Aufgabe für Literatur und Verleger sei deshalb, hinauszugehen und zu stören. „Kontroverse ist wichtig. Höflich, aber hart in der Sache. Doch wir müssen mit Literatur nicht nur stören, wir müssen auch Brücken bauen.“
Die Frankfurter Buchmesse, Welthauptstadt der Ideen, könne einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass man sich mit der Unterschiedlichkeit des Andersdenkenden auseinandersetze und dann klar Stellung beziehe – für die Freiheit des Wortes.
Juergen Boos wünsche sich, dass Kunden und Besucher nach einer Woche Buchmesse mit mehr als 7000 Ausstellern und über 4000 Veranstaltungen mit einer neuen Perspektive nach Hause gehen.
Nach 1989 ist Salman Rushdie zum zweiten Mal auf der Frankfurter Buchmesse – diesmal allerdings nur für wenige Stunden. „Der erste Besuch erstaunte mich, ich spürte den großen Optimismus der Welt der Worte. Das hat mich ermutigt“, erinnerte sich der Autor. Die Buchbranche sei nicht nur eine große Industrie, sondern auch Wächter der Meinungsfreiheit.
„Verleger setzten sich vielfach für mich ein, dass ist für Verleger in unfreien Ländern nicht einfach“, stellte Rushdie fest.
Für ihn hatte es früher den Anschein, dass der Kampf für die Freiheit des Wortes vor mehreren hundert Jahren positiv entschieden wurde. Tatsächlich zeige es sich, dass die Gefahr für kritische Autoren gewachsen ist. „Unser friedliches Geschäft fühlt sich an wie Krieg, aber wir haben keine Waffen und keine Panzer. Wir stehen nur aufrecht da“, sagte Rushdie. Die freie Meinungsäußerung sei jedoch nicht nur in Diktaturen, sondern auch in Demokratien bedroht, erklärte Rushdie und verwies auf Beispiele von Homophobie und Antisemitismus. Das sei beängstigend.
„Wir sind das Geschichten erzählende Tier“, stellte Rushdie fest. Das sei der Unterschied menschlichen Lebens und der Grund, einander zu verstehen – unabhängig von Sprache, Religion, Ideologie.
„Ein Autor ist auch ein Bürger, vielleicht einer mit einem Megaphon, was er ab und zu nutzen sollte“, meinte der Schriftsteller. Zwar seien die 1960er Jahre stupide gewesen, aber sie gaben den Anstoß dafür, dass die Menschen nicht mehr alles hilflos und ergeben hinnahmen.
Die Kluft zwischen öffentlichem und privatem Leben schließe sich zunehmend. Das bedeute auch eine Änderung des Verhältnisses zwischen Autor und Leser. Während die Autoren im 19. Jahrhundert sich darauf verlassen konnten, dass die Leser ihre realistischen Geschichten verstehen würden, ist das heute anders, weil jeder die Welt, die sich schnell verändert, anders sieht. „Wenn jedoch Menschen über die Geschichten herrschen wollen, wird es gefährlich“, warnte Rushdie. Die Literatur, so zeige die Entwicklungsgeschichte, überlebe die Kämpfe, selbst wenn die Menschen, die diese Literatur schufen, sterben. „Die Autoren sind gefährdet, aber ihre Literatur bleibt“, konstatierte Rushdie. Deshalb sollten Autoren geschützt werden, damit sie schreiben können, denn ohne die Meinungsfreiheit fehlten auch andere wichtige Freiheiten.
Zeit für Interviews, auf die sich einige Kollegen bereits vorbereitet hatten, blieb leider nicht – Salman Rushdie verschwand nach seiner beeindruckenden und engagiert vorgetragenen Rede wieder durch die Seitentür. Und flog zurück nach London. Was blieb, war sein neues Buch Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte, C. Bertelsmann – das konnten die Medienvertreter als Rezensionsexemplar mitnehmen.
JF