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Karl Stutz

Der Büchermacher Karl Stutz ist am Montag in Passau im Alter von nur 61 Jahren gestorben. Gerhard Beckmann erinnert an seinen Freund, einen “ einen engagiertenund bedeutenden Kleinverleger , der aus dem Buchhandel kam und dessen Engagement das geistige Leben der Provinz und Weltliteratur, Kunst und Wissenschaft umspannte:

Autoren, Buchhändler, Kollegen und Freunde versammeln sich am Sonntag um 17 Uhr im Passsauer Café Unterhaus zum Gedenken an Karl Stutz, der am vergangenen Wochenende – er starb nach langem schweren Leiden im Alter von nur 61 Jahren an Lungenkrebs – an seinem Geburtsort Altreichenau im Bayerischen Wald zur letzten Ruhe gebettet wurde.
Karl Stutz war so etwas wie die zeitgenössische Verkörperung eines klassischen deutschen Verlegertyps. Er verband ein leidenschaftliches Engagement für die aufklärerischen Köpfe und schöpferischen Impulse seiner Region mit einem wagemutigen Einsatz für Weltliteratur.
Ohne seinen Gestaltungswillen, der Kräfte bündelte und zur Geltung brachte, die dank der neugegründeten Universität nach Passau zuzogen und mit der aufrührerisch genialen Kabarettistik Sigi Zimmerschieds lebendig wurden, der skandalöse Missstände und Persönlichkeiten vor Ort mit ätzender Schärfe beim Namen nannte, wäre der Wandel des erzkatholisch, erzkonservativ dumpfen, korrupten alten Passau zu einer modernen, weltoffeneren Stadt kaum möglich gewesen.. Und Karl Stutz hatte das Glück, dass das Scharfrichterhaus für das Neue die nötigen kulturell sozialen Freiräume und Resonanzböden schuf .
Karl Stutz hat aber nicht nur die ersten Bücher von Sigi Zimmerschied, wichtige Titel von Uwe Dick und Anna Rosmus`Buch Verfolgung und Widerstandverlegt, das die Aufarbeitung der braunen Vergangenheit in der Region zur Pflicht machte.. (Die Autorin wurde dafür 1985 mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet.). Und Karl Stutz war auch keineswegs bloß Passau und seiner bayerwaldlerischen Heimat verbunden. Stets ist ihm seine familiäre Herkunft aus dem Böhmerwald, aus Tschechien gewärtig gewesen, wo seine Vorfahren gelebt hatten. Holzfäller waren sie gewesen, die, wie er mir erklärte, mit den Glasbläsern, ein Kernelement der deutschen Sozialdemokratie i m Sudetenland bildeten. Dem fühlte er sich zugehörig. Und im tschechischen Winterberg – ein ehemals über die österreichischen Grenzen hinaus wirkendes Verlagszentrum des k. u.. k. –Reichs – hat er seine Bücher drucken lassen. Den deutsch-schreibenden tschechischen Autor Karel Klostermann hat er wiederentdeckt, übersetzen lassen und mit großem Erfolg so breit durchgesetzt, dass Klostermann dann sogar in Tschechien neu herausgebracht wurde. Karl Stutz hat Mittel- und Osteuropa geliebt, seine Kulturen geachtet und viel dafür getan, dass sie im deutschen Sprachraum bekannt wurden – so ist beispielsweise mit einer Anthologie ukrainischer Gegenwartsliteratur, die der Jesuit Robert Hotz, Slawist an der Hochschule St. Gallen . einer der profundesten Kenner jener Kulturwelt, als exemplarisch bezeichnet hat..
Wie ein Junge aus einfachsten Verhältnissen im damaligen Armenhaus Deutschlands zu solch einem verlegerischen rocher de bronce der Kultur werden? Am, Aang stand das Lesen , stand die Literatur, die den Schulbubrn in ihren Bann zog. Förderlich war ine gute Schule – obgleich er das Maristengymnasium in Fürstenzell schon mit der Mittleren Reife verließ.tscheidend .wurde der Beruf des Buchhändlers, den er bei dem unvergessenen Münchner Urgestein Wilhelm Unverhau und bei dem ebenfalls ü ber Bayern hinaus hochangesehenen Passauer Sortimenter Josef Neuefeind erlernte. Eine große Karierre soll ihm offengestanden haben, sogar bei Hugendubel in München . Doch um 1980 beschloss er, Verleger zu werden – um einer größeren persönlichen Unabhängigkeit willen, die er konsequent pflegte. Er war (in Arbeiterkluft mit entsprechenden Galosche) bis in kleine Details des äußeren Erscheinungsbildes, ein Original.
Auch an seinen Überzeugungen hielt er unbeirrbar fest. Politisch stand er klipp und klar links. Im Umgang freilich war er bei aller Klarheit konziliant. Es mag an seinem Humor gelegen haben, und damit, dass er, wie viele Menschen mit einem ausgeprägten Sinn für Humor, sein privates Leben privatissime führte. Auf jeden Fall war diese Eigenschaft ein Elementseiner hohen Toleranz sowie der Fähigkeit, Kritik üben zu können, ohne zu verletzen. So hatte er viele Freunde – zu denen eminente Anglisten, Germanisten, Kulturwissenschaftler, Romanisten, Slawisten oder Soziologen wie Manfred Pfister, Michael Titzmann, Klaus P. Hansen, Manfred Hinz, Alois Woldan oder Maurizio Bach zählten.
Die Wissenschaftler schätzten ihn als den grundsoliden kompetenten Lektor, der in etablierten größeren Häusern ausgestorben schien , und als Verleger, der ihre Bücher zu erschwinglichen Preisen verkaufte. Wie er davon zu leben und seinen Verlag über die Runden zu bringen vermochte, ist mir ein Rätsel, zumal die wissenschaftlichen Titel gewiss mehr als die Hälfte seines Umsatzes ausmachten, der bei bis zu zwanzig Neuerscheinungen selbst in dem besten Jahren alle höchstens auf dreihunderttausend Euro zugehen mochte.
Die Professorenfreunde haben allerdings nicht nur sein Wissenschaftsprogramm bereichert. Sie haben in langen persönlichen Gesprächen seinen Horizont erweitert – und er den ihren. Und weil sie keineswegs bloß Fachkoryphäen, sondern intellektuell und Literaten waren, ist Stutz so immer wieder zu bedeutsamen Titeln der Weltliteratur gekommnen.
Ich möchte hier nur drei seiner für mich besonders wertvollen Bücher nennen. So hat Karl Stutz den berührendsten. in der Beobachtung genauesten und lyrisch überzeugendsten Tierzyklus der letzten zwei Jahrzehnte verlegt, den Band Leo von Franz Xaver Hofer, der die Beziehung von „Herr und Hund“ zeitgemäß und auf ganz neue Weise thematisiert. Dank Stutz bin ich mit dem m.E. zur Zeit herausragenden Lyriker Frankreichs bekannt geworden : mit Jacques Réda und seinen Ruinen von Paris,der den traurigen Zauber des heutigen Ensembles einer Metropolen-Hypermoderne mit den (fast schon verborgen) zerfallenden Überresten einer großen urbanen Vergangenheit beschwört. Und durch die Erzählung Ein Tag ins Regensburgvon Joseph Opatoshu – einem hier zu Lande nicht einmal Experten mehr vertrauten Großen der jiddischen Literatur – ist mir eine verlorene Kultur in ihrer historischen deutschen Verwurzelung nahe gekommen. Der Tag in Regensburg erzählt nämlich von dem Hochzeitsfest des Jahres 1519, das endlich alte Animositäten zwischen den im süddeutschen Raum führenden jüdischen Gemeinden von Worms und Regensburg beenden sollte – doch über die ausgelassene Stimmung breiten sich bereits die Schatten neuer Verfolgungen..
Ich erinnere mich an die vielen gemeinsamen Spaziergänge und Wanderungen, an die vielen abendlichen Kneipengespräche, in denen Stutz vom einem Buch immer wieder neuer, mir unbekannter AutorInnen sprach. Er machte nie viele Worte, und es waren schlichte Worte,
die den Wunsch weckten, den Autor kennen zu lernen, das neue Buch lesen zu wollen- so wie er auch mit den Buchhändlern sprach, die er ja persönlich besuchte. Und es war fast jedes Mal ein Werk, das einen Lebenskulturkosmos sichtbar werden ließ.- auch deshalb nun das Gedenken an Karl Stutz , auch als Hinweis auf die ganz besondere, unersetzliche Arbeit, Leistung und Bedeutung kleiner unabhängiger Verleger, wie sie sich im aktuellen BUCHMARKT-Heft mit ihren Büchern vorstellen. Gerhard Beckmann

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