An der Spitze der KrimiZEIT-Bestenliste Oktober 2015 finden Sie zum zweiten Mal auf Platz 1: Der namenlose Tag von Friedrich Ani. Mit dem Wechsel zu Suhrkamp hat Friedrich Ani (*1959, mehrfacher Deutscher Krimipreis) nach Tabor Süden und Polonius Fischer einen neuen Ermittler erfunden:
Jakob Franck ist pensionierter Kommissar, ehemals Mordkommission. In den letzten Dienstjahren ergab es sich, dass immer er ausgewählt wurde, um den Angehörigen die Todesnachrichten zu überbringen. Jetzt sitzen die Toten bei ihm am Tisch. Als Franck vom überlebenden Vater einer Familie, in der sich Mutter und Tochter umgebracht haben, gebeten wird, nachträglich einen Schudigen zu finden, erschließt er die Geschichte eines ungeheuren Verschweigens in dieser Familie. Schweigen als Verbrechen und Verbrechen als verhinderte Kommunikation darzustellen, war schon immer ein zentrales Thema Friedrich Anis. Doch mit Der namenlose Tag erreicht Ani eine neue Intensität.
„Wie nur bei wenigen Autoren des Genres „Spannungsroman“ meint man bei Friedrich Ani (…) wahrzunehmen, dass er genau das schreibt, was er schreiben will. Wenn man etwas über die Menschen erfahren will und wie sie durchs Leben schlingern, weil’s halt besser nicht geht, dann muss man Friedrich Ani lesen.“ (Sylvia Staude, FR)
„Nichts hat bei den Winthers gestimmt, das begreift man sofort. Was allerdings in dieser kaputten Mittelschichts-Familie genau nicht funktioniert hat, ist durch den Grauschleier der Alltagssprache zunächst nur zu erahnen. Ein Mordfall oder einfach nur die traurige Geschichte eines verzweifelten Teenagers? Um das herauszufinden braucht’s keinen Ermittler, sondern einen, der zuhört. Und natürlich einen, der’s aufschreibt. Jakob Franck und Friedrich Ani. Passt.“ (Kolja Mensing, Deutschlandradio Kultur)
Neu auf der KrimiZEIT-Bestenliste Oktober finden Sie diesmal sechs Titel: einen schottischen, einen amerikanischen, einen schwedischen, einen mexikanischen, einen irischen und einen schweizerischen:
Auf Platz 3: Fremde Treue von William McIlvanney (original 1991: Strange Loyalties)
Mit Fremde Treue – wie immer bravourös übersetzt von Conny Lösch – ist jetzt die Laidlaw-Trilogie des schottischen Autors William McIlvanney (*1936 in Kilmarnock) erstmals vollständig auf Deutsch erhältlich – ein Meilenstein der europäischen Kriminalliteratur.Ähnlich wie die beiden seelenverwandten Autoren Friedrich Ani und Åke Edwardson beschreibt er Verbrechen als Symptom einer entfremdeten Gesellschaft. Und ähnlich wie sie sieht er Verbrechen nicht allein durch das Strafgesetzbuch definiert, sondern als Krankheit: als gescheiterte Kommunikation.In Fremde Treue erforscht DI Jack Laidlaw, was im Leben seines Bruders schiefgelaufen ist. Der Profi trauert, indem er nachbohrt. Das Auto, in das der Bruder betrunken gelaufen ist, war kein Mordwerkzeug, sondern ein schlechtes Ende. Das allerdings auch nicht besser wird durch das, was Laidlaw herausfindet. Der Brüder war als Künstler gescheitert, sein Idealismus war schon in jungen Jahren angeknabbert durch die Ratte Schuld. Fremde Treue – der unglücklich formulierte deutsche Titel gibt das nicht gut wieder – handelt von Verpflichtungen, die aus einem jungen Idealisten einen angepassten Trinker machen, von Ehrbegriffen, die hohl sind und von den Selbsttäuschungen einer ganzen Generation – dies alles in oft aphoristisch zugespitzter Sprache.
Auf Platz 4: Glut und Asche von James Lee Burke (original 2011: Feast Day of Fools)
Der ebenfalls 1936 geborene James Lee Burke hat sich die namenlose Gegend in West-Texas in der Nähe des Big-Bend-Nationalparks, wo die Romane um den alten Sheriff Hackberry Holland spielen, ausgesucht, um noch einmal einen großen Mythos zu schreiben. Eine einsame Natur, Gewalt und bizarres menschliches Verhalten kulminieren hier – oft bei Blitz und Donner – zu einer Art Urknall-Szenerie amerikanischer Männlichkeit.Im dritten Band seiner Reihe über Hackberry Holland (1971: Lay Down my Sword and Shield, 2009: Rain Gods, 2011: Feast Day of Fools) sind die Wunden, die das Massaker an einer Gruppe junger Asiatinnen (Rain Gods) schlug, nicht verheilt. Sie reißen erneut auf, als ein mexikanischer Polizist im Grenzland zu Tode gefoltert wird, und ein zweites Opfer fliehen kann. Preacher, der soziopathische Mörder, spielt im Trubel konkurrierender Mobster, Waffenschieber, Auftragskiller und Politiker die Rolle des Tricksters, bringt die Fronten durcheinander und irritiert die kriegs-, liebes- und alkoholgestählte Entschlossenheit des alten Sheriffs. Burke selbst hält es für sein stärkstes Buch, es ist mindestens so gut wie Regengötter.
Auf Platz 5: Marconipark von Åke Edwardson (original 2013: Marconi Park)
Zwischen 1997 und 2008 erschienen die ersten zehn Kriminalromane um Kommissar Erik Winter. Nach Erfüllung des klassischen schwedischen Dekalogs mit Der letzte Winter machte Åke Edwardson (*1953) ein paar Jahre Pause, um Jugendbücher zu schreiben, bis er 2012 sein Alter Ego Erik Winter reaktivierte. Marconipark ist Nr. 2 der zweiten Zehn. Der Vergleich zu David Lagercrantz‘ Verschnitt von Stieg Larsson macht die Klasse Edwardsons deutlich: Melancholisch ohne Rührseligkeit, gedankenstark und stilistisch imstande, feinsten Zwischentönen zum Ausdruck zu verhelfen. Selbst im Fall des Mehrfachmörders (Achtung: kein Serienmörder!), der seine Opfer in Sichtnähe ihrer Wohnungen sowie des früheren Sportplatzes Marconipark ablegt und mit einem Buchstaben markiert, vermeidet Edwardson jede Sensationshascherei. Im Gegenteil, die sehr schleppenden und ergebnisarmen Untersuchungen Winters und seines Teams sind Lehrstücke sanft-eindringlicher Vernehmungstechnik, im Mittelpunkt steht das Wiedererwecken verdrängter und verschütteter Erinnerungen – auch bei Winter selbst.
Auf Platz 6: Die Verbrannten von Antonio Ortuño (original 2013: La Fila India)
Die Aktualität dieses Romans ist bestechend: An der südlichen Grenze Mexikos werden in der kleinen (fiktiven) Stadt Santa Rita vierzig Migranten aus den noch ärmeren südlichen Ländern Mittelamerikas verbrannt. Schreckliches Vorbild dieses Massakers war das von Taumalipas, bei dem 2010 Killer des Drogenkartells Los Zetas 72 Menschen ermordete. Die Motive waren ähnlich verworren wie im Roman: eine Mischung von Schlepperbandenkrieg, Abschreckung unbotmäßiger Migranten und terroristischer Einschüchterung, Sadismus, Bereicherung etc.
Ortuño (*1976) schildert in seine ersten ins Deutsche übersetzten Roman die Vorgänge aus mehreren Perspektiven quasi-dokumentarisch. Im Zentrum steht die alleinerziehende Mutter Irma, genannt Negra, die sich als Beamtin der Nationalkommission für Migration um die Betreuung der wenigen Überlebenden und der nachgereisten Verwandten kümmern soll. Dieser außenstehenden Privilegierten, die sich an der Südgrenze vor allem der Ehe mit einem sadistischen Lehrer (die bis an die Ekelgrenze sarkastisch genau wiedergegebene Stimme der „gebildeten“ Mitte und Mehrheit) entziehen will, erkennt nach und nach und eher gegen ihren Willen, was in Santa Rita los ist. Hier hat der inhärente Rassismus der sich als reinen Blutes betrachtenden spanischen Minderheit ein widerliches Geschwür gebildet, das nach und nach alle und alles in Santa Rita zerfrisst.Absolut erschütternd und großartig, ein Meisterwerk, das weit über Mexiko hinaus jede Art von Sentimentalität durch kristalline Wut zum Schweigen bringt.
Auf Platz 9: Spielarten der Rache von Seamus Smyth (original 2010: Red Dock)
So eine bösartige Rückhand hat das katholische Missbrauchs-Syndikat in Irland verdient. Organisierte Kriminalität unter dem Deckmantel kirchlicher Fürsorge, so skizziert es Verleger und Herausgeber „Pulp Master“ Frank Nowatzki in seinem Vorwort, war das System der „Betreuung“ weggegebener und verwaister Kinder durch die „Christian Brothers“ und die „Sisters of Mercy“, 1995 in „States of Fear“ dokumentiert. Seamus Smyth, 1952 in Belfast geboren, hat es gesehen und verstanden, den Opfern eine Stimme zu geben, die so schrill und treffend ist, dass sie immer noch nach Weihwasserbecken-Blech klingt. Pures Entsetzen. Smyth hat weder in Irland noch in UK bisher einen Verlag, aber in Frankreih und Japan hohe Anerkennung gefunden.
“Mit Seamus Smyth hat ein weiterer nordirischer Autor die deutschsprachige Krimilandschaft betreten, der eine sehr eigene Stimme hat. Sein Roman (…) nutzt (…) die Fakten, um eine vor Wut und Raffinesse nur so strotzende Fiktion zu schaffen. Ein mitreißendes, brutales Buch!“ (Sonja Hartl, Zeilenkino)
Auf Platz 10: Simeliberg von Michael Fehr
Nichts an diesem Buch ist gewöhnlicher Krimi: Handlung, Sprache, Topologie. Ein Rezensent sprach von „Erzähl-Kernen“, die der schweizer Dichter Fehr (*1982) in seine dunkle Rhapsodie einbringt, in der ein „Gemeindsverwalter“ einen alten Sonderling der Fürsorge zuweist, dabei auf einen Haufen Geld stößt und auf eine Bubenbande, auf Vorbereitungen zu einer Mars-Expedition und auch auf einen Sprengstoffanschlag. „Es ist merkwürdig, es ist ohne Beispiel, es ist grandios, es ist Weltliteratur. Anders ausgedrückt. Für dieses Buch allein haben sich die letzten 200 Jahre Literaturgeschichte gelohnt!“ (Andreas Ammer, Deutschlandfunk)
Unsere Dauerchampions: Zum dritten Mal (!) stehen Friedrich Ani mit Der namenlose Tag und Dror Mishani mit Die Möglichkeit eines Verbrechens auf der KrimiZEIT-Bestenliste.
Merle Kröger wurde für Havarie mit dem Bremer Krimipreis aus gezeichnet, Michael Robotham bekam für Um Leben und Tod den Gold-Dagger der britischen CWA.
Hier können Sie die KrimiZEIT-Bestenliste Oktober 2015 aus der Wochenzeitung DIE ZEIT downloaden: download(10-KrimiZEIT_Bestenliste_Oktober_2015.pdf) und als Plakat ausdrucken.







