
Gestern Abend fand zum achten Mal die Lesung der Shortlist-Autoren des Deutschen Buchpreises im Frankfurter Literaturhaus statt. Die Veranstaltung war nach ihrer Ankündigung im Internet innerhalb von sieben Minuten ausverkauft.
Die sechs Autorinnen und Autoren stellten ihre Romane in Gesprächen vor und lasen Auszüge. Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses, begrüßte vorab das Publikum und äußerte sich zu einer Veranstaltung, die am 17. September in Frankfurt stattgefunden hatte: „Die Verleihung des Buchhandlungspreises hat mich schwer beeindruckt.“ [mehr…]
Hückstädt weiter: „Die 108 ausgezeichneten Buchhandlungen sind alles kleine Widerstandsnester, die sich mit Qualität behaupten.“
Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth stellte in seiner Begrüßung fest: „Ihre Anwesenheit zeigt: Man muss nicht ständig kulturpessimistisch denken.“ Er schätze die Diskussion über den Deutschen Buchpreis, die er in diesem Jahr als „vergleichsweise friedlich“ empfunden habe.
Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, würdigte die Shortlist-Lesung als „einen der zauberhaftesten Abende im Jahr“.
Auf Hückstädts Bemerkungen zum Buchhandlungspreis eingehend, sagte Skipis: „Buchhandlungen sind erfolgreich dank des Interesses der Leser. Das noch bestehende deutsche Urheberrecht, die Buchpreisbindung und der reduzierte Mehrwertsteuersatz sind wichtig für die gesamte Branche und bilden ein filigranes System, das uns sehr viel wert ist.“ Buchhändler seien Menschen mit zwei Professionen; sie müssten gute Kaufleute und gleichzeitig Engagierte in Sachen Kultur sein.
Den Shortlist-Reigen eröffnete Jenny Erpenbeck. Im Gespräch mit Alf Mentzer, hr2-kultur, stellte sie ihren Roman Gehen, ging, gegangen, erschienen im Knaus Verlag, vor. „Als ich mit dem Schreiben begann, hatte das Flüchtlingsthema noch nicht diese Ausmaße wie heute“, erklärte Erpenbeck. Sie interessierte vor allem, was mit den Menschen passiere, die alles verlieren. Die Initialzündung zum Buch sei die Reaktion auf ein Bootsunglück im Herbst 2013 gewesen. In einem Kommentar habe sie gelesen, dass dieses Unglück schlimm sei, aber nicht alle könnten zu uns kommen. Diese Bewertung sei für sie äußerst befremdlich gewesen. Dann sei die Autorin der Frage nachgegangen, wie wir mit den Überlebenden umgehen. „Also bin ich losgezogen, habe mir Dolmetscher gesucht, einen Fragenkatalog ausgearbeitet und gleich bei den ersten Gesprächen gemerkt: Die Geschichten der Flüchtlinge setzen diesen Katalog außer Kraft.“ Sie habe nicht nur mit den Flüchtlingen, die sich freiwillig auf diese Gespräche einließen, geredet, sondern auch sich selbst beobachtet.
„Geschichten werden nicht ohne weiteres erzählt. Es ist schwer, über Verlorenes zu reden. Manche Begegnung kann nicht in Sprache übersetzt werden“, äußerte die Schriftstellerin. „Die jungen Männer können nicht alles Leben hinter sich lassen, weil sie warten müssen und für sie noch kein neues Leben angefangen hat.“ Bei ihren Recherchen sei sie auf merkwürdige Vorschriften wie beispielsweise die „Fiktionsbestätigung“ gestoßen, ein seltsames Dokument.
Auf Nachfrage bestätigte die Autorin: Ja, die Berichte der Flüchtlinge hätten sie an die Deportationen von Juden in der NS-Zeit erinnert.
Die nächste Runde bestritten Rolf Lappert und Gert Scobel, 3sat. Das Motiv Fundstücke, bemerkte der Moderator, ziehe sich durch den Roman Über den Winter, publiziert im Carl Hanser Verlag. Im Mittelpunkt steht ein Konzeptkünstler, der ein totes Baby am Uferrand findet. Dieses Erlebnis lässt ihn nicht mehr los. Der Roman sei die Lebensbilanz eines 50-Jährigen, der unzufrieden mit seiner Situation ist. Im Buch stoße das Flüchtlingsproblem auf die individuellen Lebensprobleme eines gut situierten Sohnes und eines alternden Vaters. Die Verbindung eines „Vulkanforschers mit einer Eiskönigin“ (Scobel) könne eigentlich nicht gut gehen. Lappert bestätigte das und verallgemeinerte: „Wenn sich Menschen nicht öffnen, funktioniert Zusammenleben nicht.“ Sein Buch sei ein Familienroman, und keiner dieses Genres komme ohne ein düsteres Geheimnis aus. „Ich schreibe filmisch, sehe die Geschichten als Filmszenen“, erklärte der Autor. Auf die Frage, ob das Buch auch ein Statement zum gegenwärtigen Kunstbetrieb sei, antwortete Lappert: „Wir bewegen uns oft in Parallelwelten.“ So koexistierten eine Vernissage und der Untergang eines Bootes.
Monique Schwitter und Felicitas von Lovenberg, F.A.Z., saßen anschließend auf dem Podium. Im Fokus stand Schwitters Roman Eins im Andern, Droschl Literaturverlag. „Zwölf Männer, zwölf Kapitel, zwölf Apostel – sehen Sie die Liebe als Passionsweg?“, fragte von Lovenberg. „Ja, vielleicht auch“, sagte die Autorin. Zwei Jahre habe sie an dem Buch gearbeitet. Die Apostel stünden für die Liebe als transzendentes Phänomen, das schwierig zu beschreiben sei. Auch Verrat, den die Apostelgeschichte enthält, schwinge als Kategorie mit. Zudem gebe es in der Bibel widersprüchliche Beschreibungen der Apostel.
„Die ewige Liebe gibt es doch gar nicht mehr. Laut Statistik hält die Liebe zwischen zehn und zwölf Jahre, so lang wie ein Hundeleben“, bemerkte Schwitter. Auf die Frage nach autobiografischen Zügen antwortete die Autorin: „Wenn ich mich hinsetze und über mich schreiben will, erfinde ich mir gleich eine Großmutter. Außerdem wird mir immer Autobiografisches unterstellt.“ Im Gegensatz zu ihrem Kollegen Rolf Lappert schreibe Schwitter „mit dem Ohr“. Nein, eine Bühnensprache habe sie nicht entwickeln wollen: „Wissen Sie, meine Karriere als Schauspielerin hat mich durch das gesamte 3sat-Sendegebiet geführt. Ich liebe die unterschiedlichen Dialekte.“
Mit Frank Witzel unterhielt sich Alf Mentzer. „Der Roman Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969, Verlag Matthes & Seitz Berlin, spielt in Wiesbaden-Biebrich. Dort haben Sie ihrer Kindheit und Jugend verbracht“, begann Mentzer das Gespräch über den „längsten Titel, der jemals auf der Shortlist stand“. Witzel bestätigte das und erklärte: „Das Verhalten des Teenagers wird von außen pathologisiert. 1969 ist eine Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs, in die ein Dreizehneinhalbjähriger hineinwächst. Zeitgeschichte und individuelle Entwicklung überkreuzen sich. In der Welt des Teenagers ist noch viel aus den 1950er und 1960er Jahren.“ Zum langen Titel bemerkte Witzel lapidar: „Er ist präzise.“
Der Teenager lebe in einer phantasievollen Welt, werde aber immer wieder gezwungen, sich der Realität zu stellen. Er werde mit seinen Vorstellungen allein gelassen in Umfeld einer nicht bewältigten Vergangenheit und zwischen Kirche und Schule.
Die Popmusik sei wie ein Schlaglicht, das in den düsteren Alltag hereinbreche. Die Platte Rubber Soul der Beatles ist der Favorit des Teenagers. „Heute ist das unvorstellbar, doch damals war eine verpasste Fernsehsendung unwiederbringlich vorbei. Musik wurde mit Mikrofon vor dem Radio aufgenommen“, erinnerte Witzel.
Mentzer stellte fest, dass der Roman Züge der Ikonografie christlicher Kultur trage. Ein Zufall, dass das Register dreizehneinhalb Seiten lang ist? „Nein, es ist auch kein Zufall, dass die Type in Fleischmann gesetzt ist“, bekannte Witzel.
Über den Roman Wie Ihr wollt, Berlin Verlag, unterhielt sich Felicitas von Lovenberg mit der Autorin Inger-Maria Mahlke. „Warum haben Sie keinen historischen Roman geschrieben?“, fragte von Lovenberg. „Das war nicht mein Ziel. Aber die Person Mary Grey ist historisch verbürgt“, antwortete Mahlke. Sie sei bei Wikipedia auf Mary Grey, die kleinwüchsige Cousine von Elisabeth I., gestoßen, habe sich mit Primär- und Sekundärliteratur sowie mit Archäologie auf YouTube beschäftigt, um die Zeit der Tudors um 1571 zu erfassen. „Es war interessant, weil es eine Scharnierzeit war – ähnlich wie heute“, erklärte Mahlke. Der Roman sei sowohl die Geschichte einer gescheiterten Emanzipation bei Mary Grey als auch die einer gelungenen bei der Zofe Ellen. „Macht und Abhängigkeit waren damals wohl nicht viel anders als heute“, meinte Mahlke. „Mächtige Frauen inszenieren sich, Männer in Machtpositionen müssen das nicht.“ Die Autorin hoffe, dass ihr Buch ins Englische übersetzt werde.
In der abschließenden Runde sprachen Ulrich Peltzer und Gert Scobel über den Roman Das bessere Leben, erschienen im S. Fischer Verlag. Das Datum 4. Mai 1970 spielt eine große Rolle im Buch. Damals wurden bei Protesten an der Kent State University gegen die Invasion der USA in Kambodscha vier Studenten erschossen und weitere schwer verletzt. Neil Young schrieb daraufhin den Song Ohio. „Der Leser wird auf den ersten 200 Seiten in die Irre geführt und kann kaum zwischen Realität und Fiktion unterscheiden“, bemerkte Scobel. „Das Buch hat schon eine Chronologie, aber die Ereignisse überkreuzen sich“, sagte Peltzer. „Der Roman erzählt, wie drei Figuren zueinander kommen. Aber es kann ein bisschen dauern, bis der Leser dahinter kommt.“ Es werde untersucht, wie Ereignisse zusammenhängen. „Die Logik der Geschichte und die der eigenen Entwicklung steht auf schwankendem Grund“, behauptete der Autor. Schließlich solle der Leser angeregt werden, darüber nachzudenken, was die Kämpfe um ein besseres Leben mit ihm selbst zu tun haben. Cesare Pavese habe gesagt, man solle ohne Illusionen leben. Es stelle sich schlussendlich die Frage, ob man Gast im eigenen Leben sei.
Philosophischer Abschluss einer interessanten langen Lese- und Gesprächsnacht.
JF







