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Peter Prange (60)

Peter Prange
© Gaby Gerster 2014

Der Autor Peter Prange wird heute 60 Jahre alt. Ihm gratuliert sein Agent Roman Hocke:

Der Vergleich mit Wein und Käse ist natürlich kein ganz taufrischer – zur Einschätzung von Freundschaften drängt er sich jedoch auf: Nicht wenige werden mit den Jahren sauer oder ranzig, andere beginnen zu ermüden, weil sie langsam, aber sicher ihre Geheimnisse preisgeben. Die seltenen hochklassigen dagegen nutzen Zeit, um ihre Facetten zu entfalten, und ihr stets neues Bukett hört nie auf zu verblüffen.
Auf dieser Grundlage ist es eine Ehrung, keine Herabsetzung, wenn ich Peter Prange heute nicht nur als alten Freund, sondern darüber hinaus als meinen ältesten Autor feiere.
Beim Wein steht und fällt ja alles mit der Lagerung. Ruhig liegen soll er, nicht erschüttert, sondern still an einer Stelle aufbewahrt werden. Peter Pranges Erfolgsrezept scheint auf den ersten Blick gegenläufig: Seine naturgegebene Geschmeidigkeit stärkt sich im Wechsel, und um die eigene Vielseitigkeit zu erproben, scheut er vor Umlagerung nicht zurück. „Epochenhopper“ ist er deshalb nicht ohne Häme genannt worden und ordentlich denkende Kritiker fragten sich, ob jemand, der sich auf kein Zeitalter der Geschichte „spezialisieren“ wolle, überhaupt in der Lage sei, eines bis in die Tiefen auszuloten. Für Peter Prange, der jeden seiner Romane als Reise in seine eigenen Tiefen bezeichnet, ist aber eben diese Wendigkeit Konzept.
Wer hinsieht, entdeckt, dass seine historischen Romane, die in der Tat tausend Jahre umspannen, samt und sonders an einem solchen Wendepunkt der Geschichte spielen. Sie erzählen ein Jahrtausend europäischer Geistesgeschichte in ihren Gegensätzen und Umbrüchen, und da Peter Prange nicht zu den Bäckern kleiner Brötchen gehört, nennt er diese zehn Romane mit dem ihm eigenen schüchternen Größenwahn die ‚Dekalogie der Weltenbauer‘.
Hierbei handelt es sich eindeutig um eine Prangesche Spezialität, denn so definiert er sein Europa: Der Europäer ist anders als der Amerikaner einer, der den Gegensatz, die mögliche Kehrtwende in jedem Konzept, ja sogar in jedem Gedanken bereits mitdenkt. Die Dialektik gehört zu dem Wesen des Europäers – vor allem aber auch zu dem von Peter Prange. Und damit ist er sein eigener Prototyp, einer, den auch in der eigenen Biographie keine Wende, kein Neubeginn schreckt.
Ich selbst durfte mehrere solcher Wendepunkte in seinem Leben begleiten, ebenso wie er mich durch entscheidende Umbrüche begleitet hat. Kennengelernt haben wir uns 1981, das für uns beide eine Weiche darstellte: Ich nahm meine Tätigkeit als Lektor für die Edition Weitbrecht im Thienemann Verlag auf, und er kam von einem Studienaufenthalt in Paris zurück nach Tübingen, ins Zentrum der Weltabgeschiedenheit mit der höchsten Professorendichte, wie er es heute gerne nennt. Ich brauchte einen Gutachter für fremdsprachige Bücher, und er, dessen polyglotte Begabung Teil seiner Vielseitigkeit ist, bewährte sich zugleich als Übersetzer. Gewieft verstand er es, mir in seinen Gutachten just die Werke ans Herz zu legen, die er später zu übersetzen hoffte. So paarte er kreative Begabung mit kühlem Geschäftssinn – ein weiterer Beweis dafür, dass unvereinbare Gegensätze für ihn schlicht nicht existieren – und er diese ganz dialektisch zu einer originellen Synthese brachte.
Mit Werken wie Serge Bramlys „Tanz des Wolfes“ feierten wir den ersten gemeinsamen Erfolg, bis ich fand, unsere Zusammenarbeit sei reif für den nächsten Schritt. Ich brannte darauf, nach Peter Prange, dem Gutachter und Übersetzer, endlich Peter Prange, den Autor, zu erleben, und mit den 600 Seiten der „Strauß-Dynastie“ trat er diesen neuen Weg an, wie es seinem Wesen entspricht: in großem Stil. Ich durfte mir zurechnen, ein Talent entdeckt zu haben, und falls Sie gerade einen Prange-Roman genießen, wissen Sie jetzt, wem Sie dafür zu danken haben!
Zu jedem hochkarätigen Talent findet sich jedoch nur allzu rasch ein hochkarätiger Headhunter: Peter Prange, der wohl der Ansicht war, es sei wieder einmal Zeit für eine Wende, begab sich unter die Fittiche von Prof. Kasimir Magyar und fand den Weg in die Unternehmensberatung. Sein Charisma und sein undogmatischer Ansatz füllten Säle mit über 800 Zuhörern, und nach der unsicheren Existenz des „armen Poeten“ genoss er es, auf einmal zu den Großverdienern zu gehören. Aber schon bald schmeckte die Wohltat schal, und die nächste Umlagerung stand an, um den Wein näher zu sich selbst zu bringen – die Wende schlechthin:
Am 9. November 1989, während Peter vor dem Fernsehschirm die Menschenscharen verfolgte, die durch die geöffneten Mauer-Übergänge in die Freiheit strömten, befreite sich auch etwas in ihm: der Wunsch, zu schreiben, eine Geschichte zu verfassen, die in den Bildern auf dem Bildschirm gipfelte. Sein Fazit bestach durch Klarheit: „Das Leben ist zu kurz, um es mit Geldverdienen zu verplempern.“ Mit der Triebkraft des Künstlers und der Disziplin des Geschäftsmannes machte er sich daran, seinen Traum umzusetzen.
Damit die Disziplin keinem Schweinehund zu Opfer fiel, gewöhnten wir uns irgendwann einmal an, einander täglich um Punkt neun Uhr anzurufen, um zu kontrollieren, ob wir auch tatsächlich beide am Schreibtisch saßen, und um uns den Weg in den Tag mit einem kurzen Abgleich samt einem Motto des Tages zu erleichtern: „Bist du noch da? Ja? Gut, ich auch.“ So etwas verleiht Festigkeit in sämtlichen Wendungen. Das Ritual zwischen Stuttgart und Tübingen war mir ausgesprochen behilflich, selbst eine Wende zu wagen und die Gründung meiner Agentur von Rom aus zu verwirklichen, und es begleitete Peter Prange auf dem Weg zu seinem ersten Bestseller: Aus dem Traum der Wendenacht erstand „Das Bernstein-Amulett“, seine große deutsch-deutsche Familiensaga, die kurz darauf von Regina Ziegler erfolgreich verfilmt wurde und den Auftakt einer Reihe grandioser Erfolge bildete.
Diese Reihe – der sich inzwischen auch drei höchst bemerkenswerte Sachbücher zugesellt haben – ist natürlich beileibe nicht am Ende. Zwar fehlen Peter Prange in seiner Weltenbauer-Dekalogie, nach der er – wie er vollmundig behauptet – beruhigt ins kühle Grab sinken will, nur noch zwei Bände, doch ich bin sicher, das mit dem Grab überlegt er sich noch einmal. Der Wein ist mittlerweile gut abgelagert, aber er ist noch lange nicht leer geschenkt und für so manche Überraschung gut. Für das nächste Jahr hat Peter Prange wohl deshalb auch die Arbeit an einem anderen, zeitnahen Stoff aufgenommen, den er zur schöpferischen Abwechslung und geistigen Erfrischung erzählen will. Ich vermute allerdings, er will die 10 nicht so schnell voll machen und sich selbst mit Neuem ins Staunen versetzen.
Zudem sorgen seine türkische Ehefrau Serpil und seine Tochter Coco, das Schriftstellerkind, das keine Bücher liest, auch im privaten Bereich dafür, dass es in seinem Leben so schnell keinen Stillstand gibt.
Freunde wie Peter Prange halten jung, ohne Lebensjahre zu verleugnen – wenn wir das Glas auf seinen sechzigsten Geburtstag erheben, trinken wir auf Neugier, Lebensmut und auf geistige, dialektische Regsamkeit: Herzlichen Glückwunsch, lieber Peter!

Wer auch gratulieren möchte: peter.prange@ava-international.de

Möchten auch Sie jemandem aus Ihrer Buchhandlung/Ihrem Verlag zum „Runden Geburtstag“ gratulieren? Dann mailen Sie uns einen kleinen Text und ein Foto des Jubilars/der Jubilarin: redaktion@buchmarkt.de, Stichwort: Runde Geburtstage}

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