Der protestantisch-nüchterne Ziegel- und Betonbau der Kreuzkirche in München-Schwabing konnte den Andrang am Dienstagabend trotz ihrer 600 Sitzplätze nicht bewältigen. Viele Interessierte mussten stehen oder draußen bleiben. Das Eintrittsgeld von 15 €, etliche Spenden sowie das Honorar von Navid Kermani gingen komplett an die aktuelle Flüchtlingshilfe in München.
Gesprächspartnerin für Kermani war Jutta Höcht-Stöhr, Leiterin der Evangelischen Stadtakademie München; diese hatte zusammen mit dem Verlag C.H. Beck und der interkulturellen Kolibri-Stiftung e.V. zur Buchpremiere eingeladen. Die Verleger Wolfgang und Hans Beck waren mit ihren Ehefrauen anwesend.

Es ist keine weltfremde Entscheidung, die der Börsenverein mit der Friedenspreis-Auszeichnung für Kermani getroffen hat. Die Bandbreite des habilitierten Orientalisten, Mitglieds der Akademie der Deutschen Sprache, vielfach ausgezeichneten Autors ist beachtlich: Vor einem guten Jahr hat er – als einer von uns – uns Deutschen den Wert unseres Grundgesetzes vor Augen geführt: »Wie froh müssen wir sein, dass am Anfang der Bundesrepublik Politiker standen, die ihr Handeln nicht nach Umfragen, sondern nach Überzeugungen ausrichteten.«
Auf einer Gedenk- und Protestveranstaltung zu Ehren der Opfer der Anschläge in Paris vom Januar in Köln fand er die richtigen Worte, indem er daran erinnerte, dass die Errungenschaften der Französischen Revolution ein Menschenrecht sind: »Nicht weniger, sondern mehr Freiheit! Nicht Ausgrenzung, sondern gerade jetzt Gleichheit! Und vor allem: Nicht Feindschaft, sondern Brüderlichkeit!«
In diesen Tagen ist bei C.H. Beck mit Ungläubiges Staunen ein Buch erschienen, das die Bildbetrachtungen thematisch zusammenfasst, die auf seinen vielen Reisen entstanden sind. Es enthält 49 farbige Abbildungen von Altmeistern wie Caravaggio bis zum Foto einer betenden Frau in der armenisch-apostolischen Kirche in Isfahan/Iran, aber auch Gerhard Richters Glasfenster im Kölner Dom. Kermani hat kein Buch mit kunsthistorischem Anspruch geschrieben; er nennt seine Bildbetrachtungen »frei assoziierende Meditation, ein Staunen eben«, um dem Christentum näher, noch näher zu kommen – und viel näher, als es den meisten unserer säkularisierten Zeitgenossen jemals gelingt. Aber er hebt damit nicht ab, er erhebt sich damit nicht über uns, sondern er lädt ein, uns gemeinsam mit ihm gewissermaßen in die Bilder zu versenken, die er auf seinen zahlreichen Reisen in Kirchen, Klöster und Museen gesehen hat.
Auf die Frage, warum er sich dem Christentum über die Ästhetik nähere, antwortet er gelassen: »Unsere ersten Erfahrungen sind ästhetisch – z. B. die Zärtlichkeit von Mutter und Vater. Die religiöse Erfahrung ist keine des Verstandes, sondern der Sinne, der Empfindungen, des Gemüts.«
Diese Frage aber ist hochpolitisch und aktuell, denn »in den arabischen Ländern breitet sich eine Ideologie aus, die Schönheit nicht gelten lässt«. Was sich als besonders korantreu ausgibt – so auch die von Saudi-Arabien ausgehende »wahabitische Welle« – ist eine Misinterpretation, denn der Koran ist kein rigider Gesetzestext, sondern ein Werk der Poesie. Und als solches erlaubt, verlangt er geradezu verschiedene Deutungen. Unterschlagen wird von den Fundamentalisten auch, dass Jesus eine große Rolle im Koran spielt, vor allem als jemand, der die Feindesliebe lehrt und vorlebt. Immer wieder wird unsere Welt und unser Denken von den falschen Vereinfachern bedroht, deshalb können wir Kermani dankbar sein, dass er in seinem Buch Persönlichkeiten wie Pater Paolo Dall´Oglio porträtiert, der in der syrischen Wüste ein Kloster wiederaufgebaut hat um »in der Liebe zum Islam, im Glauben an Jesus« zu leben. Der Pater wurde vom IS entführt und ist bis heute verschollen. Seine Brüder und Schwestern sind in die Stadt geflüchtet und betreiben dort eine Herberge für Flüchtlinge.
Navid Kermani versucht das Christentum von innen zu verstehen, wie es der frühere Bischof Wolfgang Huber in seiner Besprechung des Buches in der FAZ vom 22. August geschrieben hat, auch wenn er dadurch keiner ist oder wird oder werden will: »Der eigene Glauben wird bereichert, wenn man andere Formen des Glaubens kennenlernt. Und wenn wir nicht neugierig sind, sehen wir nur das Eigene und fürchten uns davor, die eigene Haltung einmal von außen zu sehen.«
Ein designierter Friedenspreisträger, dessen Bücher sich auf den aktuellen Tischen jeder gut sortierten Buchhandlung gut verkaufen lassen – und von denen viele noch Jahre später zum Grundangebot gehören werden. Heute Abend tritt Navid Kermani beim Internationalen Literaturfestival in Berlin auf – und er wird auf einer langen Lesereise bis kurz vor Weihnachten in vielen Städten zu Gast sein.
Ulrich Störiko-Blume