Hugendubel hat eine neue digitale Strategie, die deutlich wurde an der Übernahme von ebook.de und deren Fusion mit Hugendubel.de . Das war Anlass für Fagen an Nina Hugendubel.
Die Unternehmerin betont aber auch: „Die Buchhandlungen vor Ort sind unsere Herkunft und unsere Zukunft“.

„Die Buchhandlungen vor Ort sind unsere Herkunft und unsere Zukunft“
BuchMarkt: Verläuft die Übernahme von ebook.de nach Plan?
Nina Hugendubel: Es war immer unser Ziel, das E-Book-Geschäft in eigener Regie zu betreiben. Die bisherige Zusammenarbeit mit buecher.de basiert auf einem Dienstleistungsverhältnis mit beschränktem Einfluss von Hugendubel. Durch die Fusion mit ebook.de sind wir wieder selbst die Unternehmer. Ab 29. Juli fungiert im Hintergrund von hugendubel.de dieselbe Infrastruktur wie bei ebook.de. Wir nutzen die bewährte Expertise des Teams um Per Dalheimer in Hamburg.
Ist nach diesem Schritt Ihr Claim »Die Welt der Bücher« überhaupt noch passend?
Wir haben diesen Claim gelegentlich in Frage gestellt – uns aber jedes Mal wieder bewusst dafür entschieden. »Die Welt der Bücher« deckt viel mehr ab als nur das gedruckte Buch und das, was man sich im ersten Moment darunter vorstellt. Wir denken an die Welt der Geschichten, der Erzählungen, der Fantasie und auch der Information und des Wissens. Denn wir kommen von der Inhaltsseite, und das Buch ist ein schönes Synonym für Inhalte jeder Richtung: für Sachinformation genauso wie für das Sich-in-fremde-Welten-ziehen-lassen. Das ist der Überbau.
»Die Welt der Medien« schien Ihnen nicht angemessener?
Das war vor zehn Jahren mal ein Thema. Lassen Sie mich unser Geschäftsmodell erklären. Wir vergleichen unser Unternehmen gern mit einem Haus. Das ist jetzt fertig gebaut. Die Basis, das Fundament sind die Filialen. Das Dach ist die Marke Hugendubel. Dazwischen liegen die Stockwerke Hugendubel Fachinformation (HFI), Hugendubel online und Hugendubel digital. Stephan Roppel hat jetzt in der Geschäftsführung die Aufgabe, insbesondere online und digital voranzutreiben und schließlich alle Stockwerke für den Kunden noch mehr zu verbinden, besser: zu vernetzen.
Das Wachstum der E-Books in USA hat sich stark abgeschwächt und pendelt sich bei einem Umsatzanteil von 15% ein. Welchen Marktanteil trauen Sie dem E-Book in Deutschland zu?
Bei uns wächst es noch, allerdings langsamer, wir liegen derzeit zwischen 4% und 5%. Die digitalen Medien werden immer mehr in den alltäglichen Gebrauch einziehen; 15% halte ich für möglich, aber niemand weiß, wie schnell wir dahin kommen.
Was ist Ihr Interesse am rasant wachsenden Markt der Self-Publisher – a) gedruckt und b) digital?
Wir bieten es ja auch selbst an als Dienstleistung bei tolino media. Dort erleben wir enormen Zuspruch von Autoren. Was als reines E-Book beginnt, kann als print-on-demand oder bei noch größerer Nachfrage sogar als herkömmlich gedrucktes Buch erscheinen. Das können wir dann in die stationären Sortimente der tolino-Partner bringen. Damit wollen wir nicht zum Verlag werden, die Autoren behalten ihre Rechte. Mancher von ihnen bringt danach sein nächstes Buch bei einem Verlag heraus. Somit leisten wir Vorarbeit für Verlage. Dieser Geschäftszweig von tolino fungiert als Dienstleister und Vertrieb.
Geben Sie Kombinations-Produkten wie LeYo! (illustrierte Kinderbücher, denen mit Hilfe von Smartphones weitere Informationen entlockt werden) von Carlsen eine gute Zukunft?
Grundsätzlich finde ich toll, wenn jeder Branchenteilnehmer sich mit Innovation beschäftigt. Wir entwickeln unser Filialsystem weiter – die Verlage überlegen, was es für neue Produkte geben kann. Kinder sind heute umgeben von Medien. Ich finde alles gut, bei dem ausprobiert wird, wie man Medien und Bücher sinnvoll zusammenführt. Ich begrüße jede Initiative, anders zu denken. Tiptoi hat sich inzwischen bewährt. LeYo! ist gerade erst gestartet. Daher ist es noch zu früh, um LeYo! zu bewerten.
Machen Sie mit E-book-only-Formaten wie HANSER-BOX (Große Autoren/Kleines Format/Nur als E-Book/Preisgruppen € 2.99 bis 4.99) gute Erfahrungen?
Innovationen sind wichtig für die Branche. Wir wollen gemeinsam mit den Verlagen lernen, das Angebot weiterzuentwickeln. Der Inhalt muss stimmen, dann erst kommt der Preis.
Bundestagspräsident Norbert Lammert hat auf den Buchtagen 2006 gesagt: „Die Buchpreisbindung ist nicht von der Politik bedroht, sondern von der Branche. Und wenn sie nicht Bestand haben sollte, suchen Sie die Ursachen in den eigenen Reihen.“ Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat bei den diesjährigen Buchtagen im Hinblick auf TTIP erklärt, dass die Bundesregierung keinem Abkommen zustimmen werde, das die Preisbindung gefährde. Die Sorgen der Branche, dass dies durch irgendeinen intransparenten Deal doch geschehen könnte, hat er quasi zur Hysterie erklärt. Wie sehen Sie die Zukunft der Preisbindung?
Grundsätzlich sind wir Verfechter der Buchpreisbindung und sehen keinen Mehrwert in deren Aufhebung und einer Einführung von Mindestpreisen. Die Buchpreisbindung erhält die Titelvielfalt und garantiert dem Kunden in Zeiten von Multichannel online wie offline einheitliche Buchpreise.
Werden Sie bei ebook.de auch Flatrate-Modelle anbieten?
Daran ist zur Zeit nicht gedacht.
Ist das E-Book nicht im Grunde ein Produkt, dessen Markt eigentlich nur online gut funktionieren kann?
Wir verbinden online und stationär. Wir sind stolz, dass wir es hingekriegt haben, uns mit großen Wettbewerbern zur tolino-Allianz zusammenzuschließen. Wir haben einem drohenden Monopol die Stirn geboten und uns im Marktanteil vor Amazon gesetzt. Dieser Erfolg beflügelt die Allianz. Kunden, die bei uns einen tolino gekauft haben, genießen eine Art Vollpension. Sie können immer in die Buchhandlung kommen, sich von unseren geschulten Buchhändlern E-Books herunterladen lassen und alle möglichen Hilfen erwarten.
Welche Rolle spielt denn das Filialnetz in Ihrer heutigen Strategie?
Die Buchhandlungen vor Ort sind unsere Herkunft und unsere Zukunft. Die Filialen sind und bleiben die Basis unseres Geschäfts. Da wird mal eine geschlossen, eine umgebaut oder umgezogen, mal eine neue eröffnet – das ist immer das Ergebnis einer genauen Prüfung der Situation vor Ort. Das ist kein »Sterben auf Raten«, wie schon geunkt wurde, sondern im Gegenteil: Wir folgen den Kundenwünschen.
Befürchten Sie nicht auch eine Verödung der Innenstädte?
Wir tun etwas dagegen, auch wenn 1a-Lagen extrem teuer sind und von uns enorme Kraftakte verlangen. Wir

„Wir backen die Brötchen,
die der Kunde wünscht“
hören den Kunden zu. Sie sind anders als vor zwei, drei Jahren, und ganz anders als vor zehn Jahren. Aber sie suchen die Nähe, den Austausch, die Beratung. Eine Verödung der Innenstädte wollen sie nicht. Deshalb fahren wir gut mit kleineren Filialen von 300 – 600 qm in Toplagen, eben da, wo die Kunden sind.
Backen Sie also kleinere Brötchen?
Wir backen die Brötchen, die der Kunde wünscht. Wir pflegen auch die ganz großen Filialen als Leuchttürme der »Welt der Bücher« wie am Marienplatz in München oder am Steinweg in Frankfurt. In Darmstadt in der Luisenstraße haben wir am 16. Juli eine 600 qm-Fläche eröffnet – da spielt die lokale Komponente eine große Rolle. Als Beispiel: Der Aufstieg des SV Darmstadt 98 in die 1. Bundesliga bewegt die Menschen in Darmstadt sehr. Wir haben für einen kurzen Zeitraum den exklusiven Vertrieb der Merchandising- und Fan-Artikel übernommen, anschließend wird es diese auch in anderen Shops geben. Da kann man natürlich fragen, was Fußball mit Büchern zu tun hat – aber das ist genau ein Beispiel dafür, wie wir neue Kunden gewinnen. Wir setzen darauf, jedem einzelnen Standort den Raum für Individualität und lokale Ausrichtung zu geben, bei gleichzeitiger Unterstützung durch unsere spezialisierten Abteilungen in der Zentrale…
: … weil Sie die Bildungsbürger als Kunden verloren haben?
Wir haben uns noch nie auf bestimmte Kundengruppen beschränkt. Wir kennen die Sinus-Milieus, aber das hält uns nicht davon ab, alle Kunden einzuladen, zu uns zu kommen und bei uns zu verweilen. Deshalb gibt es die Leseecken, und auch die Kinderwelt, weil wir die jungen Leser begeistern und ans Lesen heranführen wollen. Wir hören oft, dass die Kinder ihren Eltern sagen: Da will ich hin. Das bieten wir gern den Verlagen an: Nutzt unsere attraktiven Verkaufslagen – wir können hier gemeinsam Aktionen erfinden und durchführen, die Kunden an ihre Bücher heranführen. Denn in den Buchhandlungen sind unsere Mitarbeiter unser größtes Potenzial und der Hauptunterschied zum Internet …
… weil sie Buchhändler sind?
Ja, wir beschäftigen – bis auf Zusatzkräfte für Spitzenbelastungen – gut ausgebildete Buchhändler. Und wir organisieren die internen Prozesse jetzt so, das sie ihre Zeit fast ausschließlich auf den Kontakt mit dem Kunden verwenden. Dass wir an die Zukunftsfähigkeit des Buchhändler-Berufs glauben, erkennen Sie auch daran, dass wir verstärkt Buchhandels-Auszubildende einstellen.
Die Fragen stellte Ulrich Störiko-Blume