Amos Oz und Mirjam Pressler sind die Preisträger des 7. Internationalen Literaturpreises – Haus der Kulturen der Welt (HKW). Wie das HKW in dieser Woche bekanntgab [mehr…], werden sie für Oz‘ Roman Judas ausgezeichnet, der in diesem Jahr in der Übersetzung von Mirjam Pressler im Suhrkamp Verlag erschienen ist.
Wir sprachen mit dem Intendanten Prof. Dr. Bernd Scherer über die Bedeutung des Preises.

BuchMarkt: Der Internationale Literaturpreis zeichnet jeweils einen Titel der aktuellen internationalen Erzählliteratur aus, der ins Deutsche übersetzt wurde. Am kommenden Mittwoch wird er zum siebten Mal verliehen. Wie ist die Idee entstanden, diesen Literaturpreis ins Leben zu rufen?
Bernd M. Scherer: Das Thema des Übersetzens beschäftigt das HKW seit seinen Anfängen und damit verbunden die Frage was ist Weltliteratur heute in der globalisierten Welt. Als dann Jan Szlovak von der Stiftung Elementarteilchen zu uns kam und uns die Möglichkeit offerierte, einen Preis auszuloben, fiel uns die Entscheidung leicht. Ein Grundanliegen des HKW verband sich also mit der Großzügigkeit und Weltoffenheit eines Stifters.
Was möchten Sie mit dem Preis bewirken?
Der Preis verfolgt zwei Ziele: wir möchten deutlich machen, dass zur deutschen Literatur auch die übersetzte Literatur gehört. Wer sich heute in der eigenen Gesellschaft verstehen will, die ja sowohl über Migration aber auch Wirtschaft, Politik und Kultur aufs Engste mit anderen Teilen der Welt verflochten ist, sieht sich gezwungen, Literatur aus allen Teilen der Welt zu lesen, den nationalen literarischen Kanon hierfür zu öffnen. Weltverständnis setzt ein Verständnis internationaler Literatur voraus. Da wir aber nicht alle Sprachen selbst beherrschen, sind wir auf Übersetzungen angewiesen.
Mit 35.000 Euro ist der ILP ansehnlich dotiert. 25.000 Euro gehen an den Schriftsteller und 10. 000 Euro an den Übersetzer. Warum?
Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus dem zuvor Gesagten. Wir möchten andere, nicht deutsche Stimmen, eigene neue Perspektiven auf die Welt und aus der Welt vorstellen, und honorieren diese mit einem Teil des Preises. Wir möchten aber auch die große Leistung der Übersetzer würdigen. Ohne sie, ohne ihr Sprachgefühl und –verständnis, bliebe uns diese andere Welt verschlossen und Übersetzung ist heute mehr denn je eine zentrale Kulturtechnik.
In diesem Jahr haben 73 deutschsprachige Verlage 136 Titel eingereicht. Übersetzt wurden sie aus 23 Sprachen. Welche Kriterien müssen die Titel erfüllen?
Die Bücher werden von den Verlagen eingereicht. Die Jurymitglieder können Titel nachnominieren. Mein Eindruck ist, dass die Verlage sehr genau unsere Shortlist und dann auch die Preisvergaben verfolgen und sich bei ihren Einreichungen immer präziser am Grundprofil des Preises orientieren.
Internationalität ist das Kennzeichen des Preises. Achten Sie auf eine ausgewogene Verteilung der Herkunftsländer der Titel?
Nationale Bezüge der Literatur spielen eigentlich keine Rolle, eher Sprachräume, größere Regionen. Aber auch da geht es nicht um Ausgewogenheit als Selbstzweck. Im Zentrum des Auswahlprozesses steht die literarische Qualität. Aber auf dem Weg zur Shortlist stellt die Jury immer wieder auch die Frage, was wird mit dieser Auswahl über die Welt ausgesagt, müssen bestimmte Bücher noch einmal in die Hand genommen werden? Gibt es Bücher, die, aus welchen Gründen auch immer, von den Verlagen nicht vorgeschlagen wurden etc.
In diesem Jahr gehören der Jury Leila Chammaa, Michael Krüger, Marko Martin, Sabine Peschel, Jörg Plath, Iris Radisch und Sabine Scholl an. Wer entscheidet über die Zusammensetzung der Jury?
Es gibt ein Kuratorium, das die Mitglieder der Jury vorschlägt.
Nach welchen Kriterien beurteilt die Jury die eingereichten Titel?
Die Jury entscheidet auf der Grundlage der Kriterien, die wir vorgegeben haben, und den je subjektiven Leseerfahrungen der einzelnen Jurymitglieder. Alle Jurymitglieder beschäftigen sich ja seit Jahrzehnten mit Literatur und verfügen deshalb über eine hohe Kennerschaft und ein differenziertes Urteilsvermögen.
Welche Kriterien geben sie vor?
Die beiden von uns vorgegebenen Kriterien sind literarische Qualität verbunden mit Welthaltigkeit. Wir suchen Bücher, die für grundlegende Themen unserer Zeit eine eigene literarische Form gefunden haben.
Beurteilt die Jury auch die Qualität der Übersetzung?
Die Übersetzung spielt in allen Schritten des Auswahlprozesses eine wichtige Rolle. Implizit schon bei der ersten Orientierung, weil ohne eine gute Übersetzung die literarischen Qualitäten eines Buches gar nicht erkennbar werden. Ein Titel, dessen literarische und sprachliche Qualität in der deutschen Übersetzung nicht eingelöst wird, scheidet somit also aus. Explizit wird die Qualität der Übersetzung dann auch bei der Festlegung der Shortlist und der Wahl des Preisträger-Duos diskutiert.
Sprechen die Jurymitglieder die Herkunftssprache?
In der Regel gibt es zumindest ein Jurymitglied, das die Originalsprache eines Textes spricht.
In den vergangenen Jahren wurden beispielsweise mit Daniel Alarcón (Übersetzerin: Friederike Meltendorf) und Teju Cole (Übersetzerin: Christine Richter-Nilsson) hierzulande noch unbekannte Autoren ausgezeichnet. In diesem Jahr ist das anders. Mirjam Pressler wurde für ihre Übersetzung bereits mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Wie beurteilen Sie die Entscheidung der Jury?
Ich begrüße die Entscheidung der Jury, weil sie deutlich macht, dass jenseits des Interesses, weniger bekannte Autoren für das Publikum zu entdecken, die literarische Qualität des Buches im Mittelpunkt steht. Der Bekanntheitsgrad eines Schriftstellers ist dabei ein nachgeordneter Gesichtspunkt. Er kann in der Gesamtbewertung eine Rolle spielen, aber nicht die ausschließliche.
Seit einigen Jahren findet die Preisverleihung im Rahmen einer Langen Nacht der Shortlist statt, bei der alle Nominierten gefeiert werden. Werden in diesem Jahr die prominenten Preisträger im Mittelpunkt stehen?
Für uns ist die Vorstellung der Shortlist in der langen Nacht der Literatur mindestens genauso wichtig wie die Preisvergabe. Hier gelingt es ja erst, die vielen verschiedenen Stimmen aus ganz unterschiedlichen Sprachen – dieses Jahr von Kroatisch und Ungarisch bis hin zu Englisch und Hebräisch – hörbar zu machen. Dies ist der Ort mit den Autoren und Übersetzern, die aktuellen Themen von Literatur und Weltgeschehen zu besprechen. Der Preis ermöglicht es uns, dieses Gespräch mit der Welt der Literatur und zwar im Gespräch mit den Autoren und Übersetzern herzustellen.
Wie ist das Feedback der Verlage auf den Internationalen Literaturpreis?
Obwohl wir uns explizit nicht als Branchenpreis verstehen, ist die Unterstützung der Verlage natürlich für den Preis wichtig. Hier scheint sich der Preis auch fest etabliert zu haben. Die Zahl der Verlage, die Titel einreichen, ist in den letzten Jahren konstant geblieben und die Verlage verfolgen aufmerksam die jeweilige Vergabe und unterstützen auch unser Anliegen, mit der Langen Nacht der Shortist und der Preisverleihung die hervorragenden literarischen Stimmen und Übersetzungen einem großen Publikum zugänglich zu machen.
Schlagen sich die Auszeichnungen im Buchverkauf nieder?
Ja, insbesondere die Preisträger-Verlage können dies bestätigen. Für die Shortlist-nominierten Titel gilt das nicht im gleichen Maße, wobei wir uns auch das wünschen würden.
Wie wird der Preis in der Öffentlichkeit wahrgenommen?
Das Publikum hat seit der ersten Verleihung des Preises immer großes Interesse gezeigt. Die Lange Nacht der Shortlist, die wir erstmals vor zwei Jahren veranstaltet haben, hat dieses sogar noch verstärkt. Insbesondere im Feld der Übersetzer wird dieser Preis mit großem Wohlwollen und Unterstützung begleitet und auch die mediale Aufmerksamkeit ist in den letzten Jahren stetig gewachsen.
Die Fragen stellte Margit Lesemann







