
Über einen ungebrochenen Besucherandrang konnte sich Organisator Florian Koch am Sonntag, 22. Februar, beim 12. Langen Tag der Bücher im Frankfurter Haus am Dom freuen [mehr…]
Bereits zum Start des Lesemarathons um 11 Uhr war der große Saal voll – von Stunde zu Stunde kamen weitere Interessenten, viele blieben über mehrere Gespräche und Lesungen, stöberten am Büchertisch des Literaturbetriebs, in den Verlagsvorschauen und in den Kisten der fünf Antiquare.
„Der seit 2004 stattfindende Lange Tag der Bücher ist ein gutes Beispiel der Kooperation von Kulturamt, Institutionen und Verlagen. Die Moderatoren wirken dabei honorarfrei mit, alle Frankfurter Tageszeitungen sowie hr2-kultur sind Medienpartner“, unterstrich Koch in seiner Begrüßung. Seit 12 Jahren spricht die zehnstündige Veranstaltung ein breites Publikum an, stellen Frankfurter Verlage diesem Publikum auf unterhaltsame Art ihre Novitäten vor.
Der Stroemfeld Verlag eröffnete den Lesemarathon mit einem Gespräch zwischen Autor Klaus Heinrich Kohrs und dem Soziologen Ulrich Oevermann über Und alles wandelt sich ins Gegenteil, der Untertitel Hector Berlioz’ kontrafaktische Szenen weist darauf hin, um was es im dritten Band der Berlioz-Trilogie von Kohrs geht.
Die Musik des Komponisten Berlioz ist hochaggressiv, er möchte damit, wie er selbst schrieb, „eine Salve auf die Zuhörer“ abfeuern. War die missglückte Beziehung zur Mutter Ursache solcher Kompositionen? „Die Zerstörungswut, die in seiner Musik deutlich wird, richtet sich nicht nur gegen andere, sondern auch gegen sich selbst“, erklärte Kohrs und erläuterte das an Musikbeispielen. Berlioz’ Novelle Euphonia greift die Thematik Untreue und Rache literarisch auf, Horrorvorstellungen und Höllenmaschinen beherrschen die Szenerie.
„Und alles wandelt sich ins Gegenteil – ein Shakespeare-Zitat aus Romeo und Julia – besteht allerdings nicht nur aus Höllenszenen. Berlioz’ über 900 Rezensionen sind leichtfüßig und witzig, ein paar Beispiele befinden sich im Buch“, beschwichtigte Kohrs, den nicht biografische Fakten interessieren, sondern Strukturen und Zusammenhänge.
Erstmals beim Langen Tag der Bücher dabei waren die Henrich Editionen. Seit 1901 besteht in Frankfurt die Henrich Druckerei, seit vier Jahren erscheinen Bücher bei den Henrich Editionen. Nun startet der Verlag mit Der Stadtschultheiß von Frankfurt von Otto Müller die neue Reihe Frankfurter Zeitbibliothek, in der alte Texte neu aufgelegt werden – das Buch erschien erstmals 1856 im Verlag J. G. Cotta und beschreibt die Geschichte von Elisabeth Textor, Tochter des Stadtschultheiß’ und später Mutter von Johann Wolfgang von Goethe.
Verlegerin Christina Henrich-Kalveram stellte das Buch kurz vor, Michael Quast trug daraus auf seine ganz besondere und mitreißende Art vor.
Vanessa F. Fogel, geboren in Frankfurt, aufgewachsen in Israel, studierte in New York und veröffentlichte bei weissbooks.w ihren zweiten Roman Hertzmann’s Coffee. Sonja Vandenrath unterhielt sich mit der Autorin, die zurzeit in London lebt. „Heimat ist für mich seit zehn Jahren kein Thema mehr“, sagte Fogel, „meine Literatur befindet sich zwischen den Stühlen“. In ihrem Buch, das in New York, Caracas und Berlin spielt, zeichnet sie die vielfach gebrochene Familiengeschichte eines jüdischen Kaffee-Unternehmens nach. „Das Buch ist kein Hollywoodfilm, es passt nicht alles perfekt zusammen“, sagte Fogel, nachdem sie einige Passagen vorgetragen hatte.
Eine Neuerung beim Langen Tag der Bücher war die Doppelstunde mit der Dramatikerin und Romanautorin Nino Haratischwili. Gleich zwei Verlage vertrat dabei Annette Reschke: den Verlag der Autoren und die Frankfurter Verlagsanstalt. Haratischwili, die mit 20 Jahren aus Georgien nach Deutschland kam, bezeichnet sich selbst als „deutsche Schriftstellerin georgischer Abstammung“. Seit zwei Jahren hat sie einen deutschen Pass, aber: „In Georgien fühle ich mich deutsch, in Deutschland georgisch.“ Noch ungeklärt ist, ob Haratischwili 2018, wenn Georgien Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein wird, als georgische Autorin auftreten soll, will oder darf.
Haratischwili las zunächst aus Radio Universe, einem Theaterstück, das 2008 entstand und 2011 zusammen mit Zorn im Verlag der Autoren erschien. Völlig skurril die Geschichte eines (deutschen) Hundes mit (osteuropäischem) Frauchen, der gemäß gesetzlicher Bestimmungen vier Wochen vor einem dreiwöchigen Urlaub zur Quarantäne angemeldet werden muss – nach einer wahren Begebenheit.
Annette Reschke fragte die Autorin, warum sie auf Deutsch schreibt, Haratischwili erzählte von einer guten und engagierten Schule in Tiflis und von ihrem ersten Theaterstück für diese Schule anlässlich eines Schüleraustauschs mit Deutschland – so fing es an. „Mit 20 war Deutsch Teil meiner Gegenwart“, fügte die Autorin hinzu. Reschke resümierte: „In der Muttersprache werden Automatismen nicht hinterfragt, das ist erst in der Fremdsprache möglich.“ Deshalb gelängen Haratischwili besondere Formulierungen.
Der Autorin sei sofort klar, ob aus einer Idee ein Theaterstück oder ein Buch werde. „Theater dauert nicht so lange wie ein Buch, das motiviert mich“, ergänzte die Schriftstellerin. Aber nicht aus jeder Idee entstehe etwas. „Erst wenn ein Thema mich nicht mehr loslässt, könnte etwas daraus werden“, sagte Haratischwili.
Ihre Arbeit an einem Buch sei ein fortwährendes Schreiben, ohne das Verfasste zwischendurch noch einmal zu lesen, das helfe ihr und sei zur Methode geworden.
Ihr Lektor Thomas Maagh schilderte die Zusammenarbeit als unkompliziert und freundschaftlich. „Bei Theaterstücken reden allerdings viele mit“, ergänzte er.
Im Roman Das achte Leben, erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt, hat Nino Haratischwili letztendlich 200 Seiten streichen müssen – es sei auch nachvollziehbar für sie gewesen. „In neun Monaten ist das Buch lektoriert worden. Wir haben uns während dieser Arbeit, in der ich nebenbei nichts Anderes geschrieben habe, verstehen und vertrauen gelernt“, erklärte die Autorin. Diese fast 1300 Seiten umfassende Familiengeschichte aus Georgien spielt im 20. Jahrhundert. Haratischwili recherchierte von der Perestroika rückwärts. „Es ist ein riesiges unbeackertes Feld Geschichte“, stellte sie fest.
JF







