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Margit Ketterle: Sachbücher verlegen ist ja manchmal auch ein Krimi

Das (gedruckte) Sachbuch erlebt – gegen alle Prophezeiungen der Digital-Propagisten – einen erstaunlichen Aufschwung. Ebenso überraschend: Es findet seine Käufer und Leser vornehmlich über den stationären Buchhandel – das gilt, wie Margit Ketterle im Sonntagsgespräch ausführt, sogar für Spitzenbestsellertitel mit höchster Massenmedienpräsenz.

Und im stationären Geschäft ist, wie sie nun zeigt, das selbständige Sortiment sogar erfolgsentscheidend. Im Interview präzisiert die Droemer Knaur-Sachbuch-Verlagsleiterin den Bericht über die innovativ auf das Sortiment ausgerichtete neue Programmlinie des Pattloch-Verlages aus dem Februarheft von BuchMarkt.

Im Mittelpunkt Ihrer Tätigkeit hat das Sachbuch schon immer gestanden. Bei Econ haben Sie aber auch Belletristik verlegt, Kriminalromane vor allem, die Sie mit Leidenschaft gelesen haben. Als Verlagsleiterin bei Droemer Knaur sind Sie jetzt aber ausschließlich für Sachbücher zuständig. Fehlt Ihnen da was?

Margit Ketterle

Margit Ketterle: Nein, eigentlich nicht – Sachbücher verlegen ist ja manchmal auch ein Krimi. Wenn ich da an unsere Prozesse um Petra Reskis Mafia-Bücher denke oder die Fatwa gegen unseren Autor Hamed abdel Samad für seinen Islamischen Faschismus. Darüber hinaus sollte das sogenannte erzählende Sachbuch durchaus belletristische, gar literarische Qualitäten haben.

In unserer digitalen Zeit, da kein Stein auf dem andern zu bleiben scheint, erweist sich nun das Sachbuch als Fels in der Brandung. Warum eigentlich? Vor zehn Jahren waren viele doch viele überzeugt, dass gerade das gedruckte Sachbuch dem Internet zum Opfer fallen würde…

Margit Ketterle: Ja, es ist wirklich ein Phänomen, daß tatsächlich Ratgeber wieder im Aufwind sind, trotz der überall und jederzeit präsenten digitalen Informationsmöglichkeiten. Aber eben nicht nur Ratgeber sind auf Papier wieder da, sondern auch die hochpreisige, hochqualitative hochwertige „Gesamtdarstellung“ – man denke nur aktuell an die großen Erfolge bei Geschichtstiteln, aber auch bei Biografien oder politischen Büchern oder gar in der Philosophie, die sich plötzlich unter den Top Ten findet.

Sie waren unter den Verlegerkollegen meines Wissens die erste, die laut und deutlich erklärt hat, für den stationären Buchhandel sei das Sachbuch heute wichtiger denn je. Wieso?

Margit Ketterle: Ob mir wirklich die Ehre gebührt, weiß ich nicht: Wir glauben ja immer alle gern, was wir selber machen, sei für den Buchhandel das Wichtigste… Aber natürlich liefert das Sachbuch verläßlich und gezielt Bücher zu den richtigen Themen, von den richtigen Autoren und idealerweise zum richtigen Zeitpunkt; wenn die mediale Begleitung dazukommt, der Buchhändler das Buch vorrätig hat, kann er Stammkunden gezielt und individuell damit ansprechen – weil er seine Kunden kennt und weil er sich auf unser Qualitätsversprechen verlassen kann.

Wie immens das Interesse an Sachbüchern heute ist, wie groß das Publikum sein kann, das Sachbücher kauft und liest, hat sich jüngst wieder an zwei Titeln aus Ihrem eigenen Programm gezeigt – an Malala Yousafzai und an Glenn Greenwald…

Margit Ketterle: Diese beiden mit vielen Preisen ausgezeichneten Bücher sind natürlich Ausnahmen, die aber die Regel bestätigen: Thema, Autor, Zeitpunkt. Die Taschenbuchausgabe von Ich bin Malala erschien mehr oder weniger zeitgleich mit der Bekanntgabe des Friedensnobelpreises, und Glenn Greenwald war eben derjenige Autor, den Edward Snowden selbst kontaktiert hatte, um seine NSA-Geheimdokumente zu veröffentlichen.

Weiß man, wie viel davon im stationären Buchhandel und wie viel online verkauft worden sind?

Margit Ketterle: Ja, annäherungsweise: Greenwald lief ganz deutlich besser im Sortiment, Malala eroberte im Taschenbuch nach dem Friedensnobelpreis Platz 1 klar bei den Großen. Aber überraschend: oder eben nicht! in Relation niedrig war bei beiden Titeln der Online-Anteil.

Nun kommt der Erfolg solcher Titel wesentlich über große äußere Anlässe und damit eben auch über die Massenmedien zustande. Auf diesem Klavier sind Verleger Hans-Peter Übleis und Sie sozusagen Star-Pianisten. Warum fangen Sie nun aber bei Pattloch jetzt mit einem neuen Sachbuchprogramm an? Die Titel dieses Programms werden kaum im „Heute Journal“ und in den „Tagesthemen“ immer wieder mit einem Gong präsentiert. Die kommen auch nicht von Autoren mit einem hohen Bekanntheitsgrad. Es sind keine Bücher, die eo ipso das Zeug zum Bestseller haben. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass Pattloch-Titel wie Titel bei Droemer Knaur bei den Großfilialisten und Versandbuchhändlern sofort –falls überhaupt – groß bestellt und eingekauft werden…

Margit Ketterle: Vorstellen kann man sich viel, aber realistischer ist es, auf „word of mouth“, die gute alte Mundpropaganda, oder eben jenes Empfehlungsmarketing zu bauen, das die Kunden gezielt nach Büchern fragen läßt, und sie nicht über Buchstapel fallen müssen, um sie zu bemerken.

Okay. Das heißt aber doch: Das freie, selbständige Sortiment mit seinem persönlichen Kontakt zu Buchkäufern und -lesern vor Ort ist als Umsatzträger für Verlage unersetzlich…

Margit Ketterle: Ja! Die Buchhandlung ist der Ort, wo man Bücher anfassen, vielleicht ein Gespräch darüber führen kann, und dann entscheiden, ob man sie nach Hause tragen und mit ihnen Lebenszeit verbringen und später mit ihnen in der Wohnung im Bücherregal leben will. Und unsere Hoffnung und oft auch Erfahrung ist, daß gerade die „Independents“, wie sie in USA heißen, für neue, unbekannte Autoren aufgeschlossen sind und ihnen den Marktzugang und im Erfolgsfall die Marktgeltung verschaffen. Die daraus sich ergebende kreative Regeneration ist für uns Verlage immens wichtig, um nicht zu sagen lebensnotwendig.

Sehr schön. Also: Der unabhängige Buchhandel ist unersetzlich. Für Verlage. Kulturell. Überhaupt. So etwas kann man auch in Sonntagsreden hören. Man hat es schon immer gehört. Der Buchhandel wird auf diese Weise gern in die Pflicht genommen – oft genug klingt es gar so, als ob er den Verlagen verpflichtet wäre, wie wenn – so hat Volker Hasenclever es einmal formuliert – „der Buchhandel die verlängerte Werkbank der Verlage wäre“. Aber was tun Verlage heute, in dieser turbulenten, für das Sortiment so existenzbedrohlichen Zeit von Internet- und Online-Konzernen, damit das unabhängige Sortiment solcher ihm von den Verlagen zugedachten Aufgabe, die weder die Großfilialisten, das Internet noch Amazon & Co. übernehmen können, auch zu erfüllen vermagß Es kann ja nicht einfach damit genug sein, dass die Verlagsgruppe Droemer Knaur bei Pattloch ein weiteres Sachbuchprogramm herausbringt. Es kann ja nicht damit getan sein, dass einfach noch mehr Novitäten publiziert werden. Was machen Sie nun bei Pattloch so neu, dass auch diese Buchhändler etwas davon haben?

Margit Ketterle: Wir machen, so hoffe ich jedenfalls, bei Pattloch ein Programmangebot, das sich ganz besonders an die Kunden des unabhängigen Sortiments richtet; Marktforscher nennen sie die Etablierten, kaufkräftige, kritische „Konsumenten“, die im Medium Buch Bestätigung finden. Die Antworten auf die großen Fragen des Lebens sucht man, nicht zufällig, oft in der Lebensmitte. Diese Antworten haben heute nicht mehr Pfarrer, sondern Psychologen, Philosophen, Pädagogen und die Lebenswissenschaften. Es sind Leser, die der digitalen Dauerbelästigung entkommen wollen. Das geht immer noch am besten mit einem guten (Sach)Buch. Anstrengungsloseren Wissenserwerb gibt es in meinen Augen nicht.

Könnten Sie das bitte an dem einen oder andern Titel, an der spezifischen Arbeitsweise und den besonderen Qualitäten eines Autors aus Ihrem neuen Pattloch-Programm beispielhaft erklären?

Margit Ketterle: Ach je, da möchte ich alle unsere Autoren nennen – es sind ausgewiesene Experten und Publizisten, die freilich nicht akademisch schreiben, sondern forschungs- und erfahrungsgesättigte Angebote zur Lebensbewältigung machen. So hat beispielsweise Dr. Harro Albrecht, Arzt und Journalist bei der ZEIT, zwei Jahre akribisch recherchiert, was die Wissenschaft, aber auch die Praktiker heute über Schmerz wissen – seine große umfassende Darstellung Schmerz. Eine Befreiungsgeschichte ist für mich ein Glücksfall in unserem Frühjahrsprogramm. Oder der renommierte Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort, der über die Burnout-Kids aus seiner täglichen Praxis gesellschaftsdiagnostischen Alarm schlägt. Bücher mit Gewicht, aber keine schweren Bücher, das ist unser Anliegen bei Pattloch.

Mit Margit Ketterle sprach Gerhard Beckmann.

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