
Gestern hatte die Romanfabrik zu einem Benefizabend eingeladen. Viele waren dieser Einladung gefolgt. Geschäftsführer Michael Hohmann vor vollem Saal: „Wie schön, dass Sie da sind! Das ist eine große Freude und Beruhigung.“
Grund für den außergewöhnlichen Abend (Eintrittspreis inklusive Abendessen: 50 Euro pro Person) ist die derzeitige finanzielle Situation der Kultureinrichtung, die im nächsten Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiern möchte. Doch im Sommer zeigt sich: Wenn nicht schnell Sponsoren und Unterstützer gefunden werden können, wird die Romanfabrik am Ende dieses Jahres mit einem Fehlbetrag von 15.000 Euro dastehen.
„Wir sind unverschuldet in diese Krise geraten. Bisherige Sponsoren kürzten ihre Mittel, auch ein langjähriger Freund, der uns bisher mit ansehnlichen Beträgen half, sieht sich dazu nicht mehr in der Lage. Und wir haben noch immer unter der Kürzung der Fördermittel des Hessischen Kultusministeriums 2010 um knapp die Hälfte zu leiden.“
31 Prozent der Mittel erhalte die Romanfabrik von der Stadt Frankfurt, den Großteil werbe die Kultureinrichtung selbst ein, komme mit ein und ein Drittel Stellen und der Hilfe von Ehrenamtlichen aus.
„So kam die Idee zu einer Benefizveranstaltung auf“, erklärte Hohmann, „der ich zunächst zögerlich gegenüberstand. Es macht keine Freude, mit dem Klingelbeutel herumzugehen.“
Der Geschäftsführer schrieb die Künstler an und war vom Echo überrascht und ermutigt: „Sie sagten zu, ohne dass sie lange überredet werden mussten. Manche, wie Hannelore Elsner und Udo Wachtveitl konnten aus Termingründen nicht kommen, wünschten uns aber das Beste. Frank Wolff schrieb uns in Anlehnung an ein Gedicht von Angelus Silesius: ‘Die Romanfabrik ist ohne warumb / sie blühe und blühe …’“
„Wir sind mit diesem Abend nicht gerettet, aber es wird weitergehen. Die Gespräche laufen“, sagte Hohmann nicht ohne Zuversicht. Außerdem verwies er auf verschiedene Projekte, die gerade 2014 erfolgreich umgesetzt wurden, darunter die erste Ausgabe in der neu gegründeten Edition Romanfabrik, Collagen von Ror Wolf.
Mit einem Satz über das Verhältnis von Macht und Kunst eröffnete Matthias Altenburg das Programm: „Wenn es darauf ankommt, werden wir Künstler zu Stehgeigern degradiert“, kommentierte er die Lage. Dann las er aus frühen Texten, es waren Beobachtungen in der Kneipe „Weserstübchen“ im Frankfurter Bahnhofsviertel. Bemerkungen über einen Urlaub auf Fuerteventura (man war zu etwas Geld gekommen) und bissiger Spott über all die bunten Frauenmagazine schlossen sich an.
Franz Mon betrat als Nächster die Bühne und las in unnachahmlicher Weise wunderbare Gedichte und unglaubliche Wortspielereien, beispielsweise zu „den schönen Wörtern Orkan und Orakel“, die sich ineinander verwoben und wieder voneinander lösten.
Markus Neumeyer begleitete Sabine Fischmann am Flügel. Die vielseitige Sängerin erzählte zu Tschaikowskis Musik von Der Nussknacker die Geschichte ihrer bisherigen fünf Männer – umwerfend komisch.
Michael Quast erklärte vor seinem Vortrag, dass er aus „reinem Egoismus“ mit dabei sei. Denn wo sonst als in der Romanfabrik solle seine Fliegende Volksbühne auftreten, wenn sie wieder einmal aus ihrem Domizil fliege? Grandios seine nicht nur zitierte, sondern mit Verve gespielte Börsenhymne von Friedrich Stoltze, der Ode an die Freude nachempfunden.
Als besonderes Trio – Neumeyer, Fischmann, Quast – interpretierten die Künstler dann auf ihre Art Hector Berlioz’ Siegfried Idyll.
Eine Szene aus Mozarts Don Giovanni war so urkomisch und überzogen dargestellt, dass ein derart skurriler Opern-Tod (Sabine Fischmann als Komtur) mit Szenenbeifall bedacht wurde.
Den Abschluss des Abends gestalteten der Ausnahme-Saxophonist Heinz Sauer und der bekannte Pianist Bob Degen. Mit ihrem ersten Stück erinnerten sie an den kürzlich verstorbenen Musikjournalisten, Autor und guten Freund Michael Rieth – eine besondere Hommage für einen, der sich nicht anpassen wollte und konnte und eng mit dem Jazz verbunden war.
Ein in der Tat außergewöhnlicher Literatur- und Musikabend und hoffentlich auch ein Schritt hin zum weiteren gesicherten Bestehen einer fast 30-jährigen Kulturinstitution in Frankfurt.
JF