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Heinold fragte im Oktober nach: Paulskirche, Frankfurt/Main

Die Paulskirche geht auf das Frankfurter Barfüßerkloster zurück, das 1270 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde, vermutlich aber schon einige Jahrzehnte bestand. Die Klosterkirche war eine zunächst einschiffige, ab 1350 zweischiffige Bettelordenskirche. Die Mönche unterhielten enge Beziehungen zum Rat der Stadt, der weltlichen Obrigkeit. Kloster und Kirche standen als Unterkunft bereit, wenn Frankfurt bei Messen und zur Kaiserwahl überfüllt war.

Nach Einführung der Reformation wurde das Kloster 1529 der Stadt übergeben, die Klostergebäude wurden säkularisiert und die Kirche für evangelische Gottesdienste genutzt. 1548 wurde sie zur Frankfurter Hauptkirche erhoben, in der 1782 der letzte Gottesdienst stattfand. Ihr Abbruch wegen Baufälligkeit wurde 1787 abgeschlossen.

Der Neubau begann 1789, wurde aber erst 1833 vollendet. In diesem Jahr erhielt die Kirche ihren jetzigen Namen „Paulskirche“, nach der auch das Parlament benannt wurde, das 1848 hier als Nationalversammlung zusammentrat. Diese verabschiedete 1849 eine neue Reichsverfassung, die Paulskirchenverfassung, die ein Erbkaisertum vorsah. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. nahm jedoch die Krone nicht an und beharrte auf dem Gottesgnadentum an Stelle einer demokratischen Wahl. Damit hatte die Nationalversammlung ihr Ziel nicht erreicht, sie zerfiel, das Restparlament wurde nach Stuttgart verlegt. Die Paulskirche wurde an die Kirchengemeinde zurückgegeben, die bald 20.000 Mitglieder umfasste.

In der Kaiserzeit diente Kirche immer wieder nicht nur geistlichen, sondern ebenso weltlichen Zwecken, z.B. der Eröffnung des 11. Deutschen Turnerfestes. Für Turnvater Jahn, der der Nationalversammlung angehört hatte, wurde bei der Gelegenheit an seinem ehemaligen Platz eine Gedenkplakette angebracht.

In der Weimarer Republik gehörten die Pfarrer der Gemeinde zumeist dem deutschnationalen Lager an und die Paulskirche mit ihrer symbolischen Bedeutung (Revolution von 1848) geriet immer wieder in den Mittelpunkt politischer Auseinandersetzungen. Der ursprünglich völkisch gesinnte Pfarrer Karl Veidt (1879 – 1946) wurde als profilierter Gegner des Nationalsozialismus eine der Hauptfiguren des Kirchenkampfes in Frankfurt, erhielt Redeverbot und wurde mehrfach in Haft genommen. 1939 wechselte er an die Matthäuskirche im Frankfurter Westend; die Paulskirche sank am 18. März 1944 in Schutt und Asche. Als „Wiege der deutschen Demokratie“ wurde sie nach dem Zweiten Weltkrieg als eines der ersten Gebäude in Frankfurt wieder aufgebaut und ging im Gedenkjahr 1948 ganz in die Hände der Stadt Frankfurt über.
Der Hessische Verleger-und Buchhändlerverband veranstaltete im Mai 1948 in der Paulskirche eine Ausstellung „Bücherplatz Frankfurt“. Ebenfalls 1948 wurde in der Kirche u. a. eine Messe für Papiererzeugnisse abgehalten, zu der auch Verleger eingeladen wurden. Aber nur Reinhard Piper reagierte und schickte aus München seinen Lehrling Georg Seidel, den Sohn der Dichterin Ina Seidel. Unter seinem Autorenpseudonym Christian Ferber hat dieser über das Ereignis einen köstlichen Erinnerungstext mit dem Titel „Ich war die erste Buchmesse“ veröffentlicht. Das liebenswerte Kuriosum ist aber von der Branche so gut wie nicht wahrgenommen worden.

Genau so wenig ist ins Branchengedächtnis eingedrungen, dass der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels als „Friedenspreis der deutschen Verleger“ seinen Ursprung in Hamburg hat, wo er in einem Privathaus in Alsterdorf am 3. Juni 1950 an Max Tau verliehen wurde (siehe Kopfnuss in BuchMarkt 1/2014). Die erste Frankfurter Buchmesse nach dem Krieg wurde 1949 in der Paulskirche abgehalten, die zweite 1950. Ab 1951 gehören die Frankfurter Buchmesse, der Friedenspreis und die Paulskirche nicht nur innerhalb der Buchbranche untrennbar zusammen. Ihre Geschichte bildet einen eigenen Mythos.

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