
Am Messesamstag wurde im Zentrum Weltempfang auf der Frankfurter Buchmesse der 27. LiBeraturpreis an die saudi-arabische Autorin Raja Alem für ihren Roman Das Halsband der Tauben verliehen.
Zum zweiten Mal fand diese Auszeichnungsveranstaltung direkt auf der Buchmesse statt. Im Anschluss an die Übergabe des Preises diskutierten Literaturwissenschaftlerin Claudia Kramatschek und Übersetzer Hartmut Fähndrich mit der Autorin.
Anita Djafari, Geschäftsleiterin von Litprom, begrüßte die zahlreichen Gäste und unterstrich, dass der LiBeraturpreis der einzige literarische Preis sei, der nur an Frauen vergeben werde. Grundlage ist die Bestenliste Weltempfänger, die seit 2008 viermal jährlich erscheint. „Nur sechs Frauen haben es 2013 auf diese Liste geschafft“, erläuterte Djafari. Darunter sei auch Raja Alem mit Das Halsband der Tauben gewesen, erschienen im „stets mutigen Unionsverlag“, wie die Geschäftsführerin hervorhob. Das Cover habe die Autorin selbst gestaltet.
1500 Litprom-Mitglieder sowie Mitglieder des Anderen Literaturklubs stimmten ab, Alem bekam die meisten Votings.
Da der Schriftsteller, Literaturkritiker und Juror der Litprom-Bestenliste Karl-Markus Gauß aus gesundheitlichen Gründen nicht anwesend war, verlas Anita Djafari seine Laudatio:
In Saudi-Arabien werden nach dem Freitagsgebet Homosexuelle aufgehängt, Frauen von der Teilhabe ausgeschlossen und männlicher Überwachung ausgesetzt. Doch was wissen wir über die Literatur des Landes? Die ist in Europa nahezu unbekannt.
Raja Alem hat in Saudi-Arabien bereits neun Romane vor ihrem Buch Das Halsband der Tauben veröffentlicht, 2011 stellte sie mit ihrer Schwester auf der 54. Biennale von Venedig eine Installation aus. Alem wurde mehrfach für ihre Bücher ausgezeichnet.
Ihr vorliegender Roman ist ein doppelter Befreiungsschlag, eine kompromisslose Schilderung der Gegenwart. Dabei nutzt sie die Geschichte des Landes als Resonanzraum, der Titel beispielsweise ist ein 1000 Jahre altes Zitat.
Der Roman vereint das historische Mekka mit dem der Gegenwart, ist gleichzeitig ein Krimi und eine Studie über den weiblichen Körper. Alem schlägt eine Brücke zwischen alten Überlieferungen und gegenwärtigen Dokumentationen.
Raja Alem dankte nach der Preisverleihung ihrem Übersetzer Hartmut Fähndrich und ihrer Heimatstadt Mekka. In der anschließenden Diskussion sagte sie, ihre Bücher seien das Ergebnis all dessen, was sie selbst gelesen habe. Im Halsband gehe es nicht nur um die Freiheit der Frauen, sondern um die Freiräume jedes einzelnen. Freiheit heiße nicht Sturz von Regimen, sondern Selbstbefreiung. „Schreiben ist für mich wie Atmen“, fügte sie hinzu.
Nach der Verschleierung der Frauen gefragt, verwies Alem darauf, dass diese Kleidung von den Türken eingeführt wurde. Man solle jedoch nicht so sehr auf Äußerlichkeiten, sondern mehr auf innere Werte achten und bei allen Menschen danach suchen.
Hartmut Fähndrich erhielt 2004 den Übersetzerpreis, er öffnete für die deutschen Leser das Tor zur arabischen Welt und übersetzte bislang mehr als 60 Romane. „Viele Frauen in der arabischen Welt schreiben“, erklärte er. Leider blieben die meisten Bücher unentdeckt, würden auch kaum innerhalb Arabiens bekannt. Bei Raja Alem sei das anders gewesen, da sie 2011 mit dem International Prize for Arabic Fiction (Arabic Booker) ausgezeichnet worden war.
„Die erste Konfrontation mit dem Text war erschreckend“, gestand Fähndrich, „ich musste die Dimensionen des Buches erst entdecken“.
Auch Raja Alem bezeichnete die Arbeit mit Fähndrich als „anstrengend“, weil „er sich riesige Mühe gab“. Sie habe auch Fehler eingestehen müssen, die Übersetzungsarbeit habe zwei Jahre gedauert.
Auf die Frage nach ihrer politischen Haltung antwortete Alem: „Ich glaube nicht an Politik, es geht um Leben. Ich beobachte, bin keine Kritikerin. Es gibt eben den Kampf zwischen dem Alten und dem Neuen.“
JF