
Burkhard Baltzer und Erich Kleene
Als letzte Veranstaltung auf dem Forum des Börsenvereins fand am Samstag auf der Frankfurter Buchmesse eine Podiumsdiskussion zum Thema Leuchttürme in der Provinz? Der Buchhandel auf dem Land statt.
Darüber debattierten Burkhard Baltzer, verantwortlicher Redakteur der von ver.di herausgegebenen Zeitschrift KUNSTUNDKULTUR; Prof. Dr. Matthias Theodor Vogt, Hochschule Zittau/Görlitz; Imre Török, Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller, und Erich Kleene, Bücherinsel Dieburg.
Burkhard Baltzer bedauerte zunächst, dass es beim Börsenverein wenig belastbares Material über Buchhandlungen auf dem Land gibt. Hier konnte Matthias Theodor Vogt etwas Licht ins Dunkel bringen – er hatte ein paar Zahlen dabei. So steht beispielsweise Heidelberg an der Spitze der Buchhandelsdichte in Deutschland – hier kommen 6264 Einwohner auf eine Buchhandlung.
„Allerdings sind die Einwohnerzahlen gerade in kleinen und mittleren Städten seit 2000 in Deutschland rückläufig“, erläuterte Vogt. Auch die Bevölkerungsstrukturen änderten sich, vor allem junge Menschen ziehen vom Land in die Städte. „Dabei muss berücksichtigt werden, dass bei sinkenden Einwohnerzahlen auch die Zuwendungen zurück gehen“, ergänzte der Wissenschaftler.
Er schlug vor, über ein neues Steuermodell zu reden: Sollten nicht Buchhandlungen, die ihre Kunden beraten, weiterhin vom ermäßigten Steuersatz profitieren, Versandhändler dagegen den höheren Satz zahlen?
Burkhard Baltzer stellte fest, dass eine Buchhandlung zwischen 80.000 und 100.000 Euro Jahresumsatz erwirtschaften müsste, um lebensfähig zu sein. „Das reicht nicht aus“, schaltete sich Erich Kleene ein. Umsatz könne jedoch nur in einem gesunden und kulturinteressierten Umfeld generiert werden. „Wir wollen ein halböffentlicher kultureller Raum in Dieburg sein und bemühen uns seit über 30 Jahren darum“, fügte er hinzu. „Eine Buchhandlung kann dazu beitragen, das Leben in der Provinz bunter zu gestalten.“
„Oft sind doch Buchhandlungen auf dem Land eine Art Gemischtwarenladen“, bemerkte Baltzer, „kann es da überhaupt noch Lesungen geben?“ „Die Buchhändler bemühen sich, man kann, wenn sich mehrere Kulturinteressierte zusammenschließen, auch andere Räume finden“, warf Imre Török ein.
„Gemischtwaren oder nicht – man muss in dem Laden Bücher bestellen können und beraten werden, darauf kommt es an. Alles andere sehe ich pragmatisch“, meinte Vogt. Er warnte auch davor, das „Land“ als undifferenzierte große Fläche zu betrachten, da gebe es erhebliche Unterschiede. Es gehe eher um die Mittelstädte bis 100.000 Einwohner. Nur noch 1,9 Prozent der deutschen Bevölkerung lebten im ländlichen Raum. In kleinen Dörfern könne eine Buchhandlung nicht funktionieren, aber vielleicht ein Bücherbus, der von Ort zu Ort fährt.
„Es ist Aufgabe der Politik, den Raum außerhalb von Großstädten attraktiv zu gestalten. Finnland hat das Problem erkannt und reagiert, dort gibt es ein hervorragendes System von Büchereien“, erklärte Vogt. Etwas Ähnliches müsse auch in Deutschland aufgebaut werden. Außerdem verwies Vogt auf den Koalitionsvertrag, der die Förderung strukturschwacher Regionen festschreibt.
„Der Preis für die beste inhabergeführte Buchhandlung, den Kulturstaatsministerin Monika Grütters im nächsten Jahr erstmals vergeben will, ist ein guter Ansatz. Doch vielleicht sollte es vorher in den einzelnen Bundesländern eine werbewirksame Vorauswahl geben“, regte Török an. „Außerdem sollten die Verlage die Buchhandlungen besser unterstützen. Vor allen Verbänden liegen noch große Aufgaben.“
JF