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Buchmesse als Spiegel einer globalen Ideenindustrie

Juergen Boos, Michel Magnier

Auf der Pressekonferenz der 66. Frankfurter Buchmesse trat erstmals Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, ans Mikrofon. Dazu gab inzwischen zum zehnten Mal Messedirektor Juergen Boos Auskunft über Aussteller und Veranstaltungen.

Statt der aus Termingründen verhinderten EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend Androulla Vassiliou war der Direktor der Direktion Kultur und Kreativität der Europäischen Kommission Michel Magnier gekommen.

Die Pressesprecherin der Frankfurter Buchmesse Katja Böhne begrüßte die Medienvertreter, anschließend sprach Heinrich Riethmüller über die Lage der Branche. „Sie sehen mich gelassen“, erklärte er, „Buchhandel und Verlage gestalten den digitalen Wandel mit.“

Im Jahr 2013 habe das Sortiment erstmals wieder mit einem leichten Plus von 0,9 Prozent abgeschlossen. Gegenwärtig befinde sich der stationäre Buchhandel zwar mit 1,8 Prozent im Minus, beim Taschenbuch beträgt der Verlust sogar 7,3 Prozent, könne aber noch aufholen: „Starke Titel kündigen sich für das Weihnachtsgeschäft an“, erläuterte Riethmüller. Der Anteil von E-Books am Gesamtumsatz betrug im ersten Halbjahr 2014 knapp fünf Prozent.
„Wir bauen auf Bewährtem auf und forcieren die Verbindung zwischen Online und Offline“, stellte der Vorsteher fest und betonte: „Der stationäre Buchhandel wird weiter als Kulturvermittler gebraucht, die Branche leistet hohe Investitionen in Multichannel-Vertriebswege.“

Der Buchhändler sei in Deutschland zum Vorreiter des Einzelhandels geworden, der Wettbewerb finde hier im Service, nicht im Preis statt – Dank der Buchpreisbindung. „Der deutsche Buchhandel hat keine Angst vor Amazon, wir haben unsere Hausaufgaben gemacht“, unterstrich Riethmüller. Inzwischen komme die Diskussion über die Methoden von Amazon beim Kunden an, der wieder in den Laden gehe.

Juergen Boss erinnerte an den Talking Heads-Titel Stop Making Sense von 1984 und wandelte ihn für die Buchmesse ab in Start Making Sense. Zurzeit gebe es weltweit Krisen: „Das aneinander Vorbeireden scheint vielerorts in eine Sackgasse der Verständnislosigkeit geführt zu haben. Wir reagieren mit intellektueller Erstarrung, aber wir brauchen neue kulturelle Identitäten. Das könnte unsere Branche als globale Ideenindustrie leisten.“ Mehr als 100 Nationen seien auf der diesjährigen Buchmesse mit über 7000 Ausstellern vertreten, 65 Prozent davon kämen aus dem internationalen Bereich. Über 4000 Veranstaltungen – so viele wie noch nie – stehen im Programm der Messe.

„2014 hat sich die EU nach Frankfurt bewegt und sucht den kulturellen Austausch. Das war bisher eher weniger der Fall. Die Frankfurter Buchmesse könnte gemeinsam mit der EU deren Grundidee fördern“, bemerkte Boos.

Zum Thema globaler Versandhändler sagte der Messedirektor: „Internethändler können keine traditionellen Werte der Branche, wie die Nähe zwischen Autor und Verleger, Buchhandlung und Kunden pflegen.“ Es gehe in den nächsten Jahren für die Branche darum, neue Orte zu finden, um den Menschen Kultur und Bücher näher zu bringen.

„Die Frankfurter Buchmesse ist nicht nur der Vatikan der Branche, sie ist natürlich auch ein Jahrmarkt der Eitelkeiten“, schloss Boos und wünschte den Besuchern spannende und inspirierende Tage.

Michel Magnier verwies darauf, dass seit 2009 bereits 59 Autoren mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet wurden, morgen werden weitere 13 Nachwuchsschriftsteller mit diesem Preis geehrt. Viele Bücher seien inzwischen übersetzt worden, auch dazu habe die EU beigetragen.

Leider entfielen nur neun Prozent des EU-Budgets auf den Bereich Kultur, der Betrag sei zudem reduziert worden, äußerte Magnier.

In der anschließenden Fragerunde erläuterte Juergen Boos, dass sich die Ausstellerzahlen auf dem Vorjahresniveau bewegen. Man beobachte in Deutschland eine Konsolidierung, bemerke jedoch auch den Einfluss von Krisen in Spanien und Italien. Latein- und Mittelamerika sowie Asien hätten ihre Beteiligung ausgebaut.

Heinrich Riethmüller bestätigte, dass große Flächen im Buchhandel rückläufig sind. So habe man 2013 etwa 25.000 Quadratmeter Ladenfläche verloren.
Der Online-Handel betrage zurzeit bei Büchern 16,3 Prozent, daran habe Amazon einen geschätzten Anteil zwischen 50 bis 70 Prozent, der Internethändler lege ja selbst keine Zahlen vor.

JF

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