Home > Archiv > Literaturagentin Galina Dursthoff über das von ihr vermittelte Buch von Michail Chodorkowski „Meine Mitgefangenen“

Literaturagentin Galina Dursthoff über das von ihr vermittelte Buch von Michail Chodorkowski „Meine Mitgefangenen“

Die Welt rieb sich verwundert die Augen, als Putin kurz vor der Olympiade in Sotschi seinen ärgsten Widersacher Michail Chodorkowski freiließ. Inzwischen hat sein Buch Meine Mitgefangenen (Galiani) für Aufsehen gesorgt – das Buch bietet einen unverstellten Blick auf das derzeitige russische Polizei-, Justiz- und Strafsystem in Rußland.

BuchMarkt sprach mit der Literaturagentin Galina Dursthoff, wie so ein Buch überhaupt möglich wurde.

Wie macht man eigentlich einen Vertrag mit einem Autor, der in einem post-sowjetischen Straflager sitzt?

Galina Dursthoff

Galina Dursthoff: Ich hatte den Fall Chodorkowski schon lange verfolgt, war auch ein paar Mal bei den Prozessen in Moskau, und vor ein paar Jahren hatte ich die Idee, ihm ein autobiographisches Buch vorzuschlagen. Über Natalia Geworkyan, die das Buch (Mein Weg, DVA) dann später mit schrieb, bekam ich den Kontakt zu seinem Londoner Rechtsanwalt. Chodorkowski war schließlich bereit, obwohl ihm das Schreiben im Gefängnis und Lager verboten war und er auch immer wieder erwischt und mit mehrtägigem Karzer (strenger Einzelhaft ohne Erlaubnis sich tagsüber hinzusetzen oder -zulegen) bestraft wurde, wenn er Zeitungsartikel verfasste. Seine russischen Rechtsanwälte schmuggelten dann seine handgeschriebenen Texte für das Buch in den Gerichtsakten heraus, wir redigierten, stellten im Fragen und erhielten seiner Antworten auf demselben Weg. Ein sehr langwieriger und komplizierter Prozess … Als es dann um seine Kolumnen aus dem Lager ging, die Wolfgang Hörner bei Galiani als Buch Meine Mitgefangenen machen wollte, war der Kontakt schon etabliert. Und ich war froh, als ich Michail Chodorkowski nach seiner Freilassung endlich persönlich kennenlernen konnte.

Man hat das in der Euphorie der Jahre nach 1989 alles ein bißchen aus dem Auge verloren: Hat sich denn an dem System der Straflager, wie sie Solshenyzin enthüllte, jemals etwas geändert?

Es hat sich nichts Wesentliches verändert – das Straflager-System ist nach wie vor der Spiegel der russischen Gesellschaft. Menschen werden oft zu Unrecht eingesperrt, in jeder dritten russischen Familie war schon ein Mitglied im Gefängnis oder Lager; und in bestimmten Regionen arbeitet jeder fünfte Beschäftigte als Wachmann oder ähnliches im Lagersystem.

Das Chodorkowski-Buch ist jetzt auf Deutsch erschienen, wird es auch Ausgaben in anderen Ländern geben?

Meine Mitgefangenen ist schon erschienen in England, den USA und in Frankreich und kommt demnächst in Polen, Finnland – und in Russland heraus. Das Buch erscheint auch in Rußland?

Wie geht denn das? Will der Verleger selbst in den Gulag, oder soll das Erscheinen eines solchen Werkes funktionierende Demokratie vorspiegeln?

Es hat sich tatsächlich erst kein Verlag getraut, das Buch zu machen. Nun hat ein Verlag den Mut; sie wollen im August herauskommen. Man hat extra für die Bücher von Chodorkowski (sie haben auch Mein Weg verlegt) einen extra Verlag gegründet – würde er geschlossen werden, wäre nur dieses Imprint betroffen, so die Überlegung. Ins Lager kommt man wegen einer solchen Veröffentlichung hoffentlich nicht; anderseits sitzen viele kritische Journalisten und Regierungskritiker in Haft.

Die Freilassung Chodorkowsiks kam ja ziemlich überraschend. Man dachte fast an ein neues „Tauwetter“ in Rußland, eine Vorstellung, die sich durch Putins Ukraine-Politik ziemlich schnell erledigt hat. Wissen Sie etwas über die Hintergründe der plötzlichen Begnadigung von Putins Erzfeind?

Meine Vermutung ist, dass Putin sich vor der Olympiade in Sotschi „generös“ und milde geben wollte, um Proteste und Fragen von westlichen Politikern zum Fall Chodorkowski zu vermeiden. Vielleicht hat er auch gedacht, dass sein Gefangener nach zehn Jahren in Haft gebrochen ist und sich politisch nicht mehr betätigt. Ich habe den Eindruck, da hat er sich gewaltig getäuscht.

Als Literaturagentin werden Sie ja hin und wieder nach Moskau reisen müssen. Können Sie das derzeit ohne Angst tun? Sie haben ja noch mehr AutorInnen im Gepäck, die, sagen wir es vorsichtig, nicht unbedingt auf Putins Linie sind?

Angst habe ich keine (obwohl ich schon erleben musste, dass meine Autorin Anna Politkowskaja ermordet wurde), aber ich mache mir schon meine Gedanken. In Russland gilt das Gesetz nichts, und wenn man will, findet man immer einen Weg, jemanden etwas unterzuschieben und zu kompromittieren … Was mich bei meinen Besuchen in Russland in den letzten Monaten wirklich entsetzt, ist der grassierende Hurrapatriotismus in Zusammenhang mit der Annexion der Krim und der Destabilisierung der Ostukraine sowie der von Regierung und Medien geschürte Hass auf den Westen und die angeblichen „Faschisten“ in Kiew.

Hat sich für Sie seit der Ukraine-Krise im deutsch-russischen Kulturaustausch geändert?

Viele meine Autoren überlegen, ob sie emigrieren sollen; einige wollen sich sogar um eine ukrainischen Pass bewerben.

Die Fragen stellte Ulrich Faure.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert