
Gestern Abend trafen sich im Rahmen des Festivals literaTurm [mehr…] viele Interessierte auf der 29. Etage des Frankfurter OpernTurms. Unter der Überschrift Ein Meister der Zeit wurde an den Schriftsteller Peter Kurzeck [mehr…] erinnert.
Im Gespräch mit Harry Oberländer erzählten sein langjähriger Lektor Rudi Deuble, der Professor für Neuere deutsche Philologie, Medien- und Kulturwissenschaften an der Universität Siegen, Jörg Döring sowie Autor und Literaturkritiker Christoph Schröder von ihren ganz persönlichen Begegnungen mit Peter Kurzeck.
„Zeit“, so stellte Oberländer fest, „spielte in Kurzecks Werk eine große Rolle. „Die Gegenwart, das ist doch nicht bloß jetzt“, lautet ein wichtiger Kurzeck-Satz. „Er lieferte ein sehr genaues Bild der Zeit und ist damit ein Chronist. Außerdem transformierte er die Welt durch Sprache, darin ist Kurzeck ein Zauberer. Sein scharfer Blick auf die Gegenwart kennzeichnet ihn dazu als Gegenwartsschriftsteller“, erklärte Schröder.
Seit 1979 war Peter Kurzeck beim Verlag Stroemfeld/Roter Stern, nicht nur Verlagsleiter KD Wolff, sondern auch Lektor Alexander Losse saßen im Publikum. Rudi Deuble kannte Kurzeck seit 1990. „Meine erste Aufgabe bestand darin, den Autor zu Lesungen zu fahren und ihm zuzuhören“, sagte der Deuble. „Ein kleines Publikum war ihm das liebste, er mochte es, wenn ihm Tee gebracht wurde und jemand Platten auflegte.“ Als Chronist war Kurzeck faktische Genauigkeit wichtig. Der Autor akzeptierte kaum Textänderungen und verteidigte seine Formulierungen energisch. „So gesehen gab es mit ihm keine Arbeit am Text“, resümierte Deuble.
„Die verlorene Zeit gerät bei Kurzeck nicht nachträglich zur Idylle“, stellte Döring fest. Der Vorwurf, Kurzeck sei ein Idylliker gewesen, sei erst mit Erscheinen der Hörbücher aufgekommen. „Peter Kurzecks warme Stimme lockt und macht das Zuhören sehr angenehm“, ergänzte Döring.
„Das freie Erzählen war für den Autor schließlich erfolgreicher als die Bücher“, konstatierte Oberländer. „Peter Kurzeck erzählte auf dem Weg zum Schreiben hin“, erläuterte Döring. „Erzählen ist bei ihm viel dialogischer als man sich das denkt.“ Dann war die Stimme Kurzecks in der köstlichen Geschichte zu hören, in der er erzählt, wie er Schriftsteller wurde – enthalten in den zwei Audio-CDs Unerwartet Marseille.
„Peter hatte noch viele Pläne“, weiß Rudi Deuble und berichtete, dass er sein letztes Manuskript unter dem Titel Bis er kommt noch im Krankenhaus dabei hatte. Fast 17 Kapitel liegen vor, das Buch werde als Fragment im Herbst erscheinen. „Es gibt viele Typoskripte und Notizen von Peter Kurzeck, die nach und nach gesichtet und herausgegeben werden. In den nächsten Jahren wird man von ihm noch große Texte lesen können“, verkündete Deuble. Das ist tröstlich.
Zum Abschluss verlas Harry Oberländer einen bisher unveröffentlichten Brief voller aberwitziger Vermutungen und Konstruktionen, den Peter Kurzeck ihm, dem Herausgeber des Hessischen Literaturboten, 1988 geschickt hatte.
JF