
Sehr gut besucht war die gestrige Veranstaltung in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. An diesem Abend, organisiert von der Nationalbibliothek und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, wurden hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Fragen jener Zeit aus einem neuem Blickwinkel betrachtet.
Im Mittelpunkt stand Der Große Krieg. Die Welt 1914 – 1918 von Herfried Münkler, erschienen im Rowohlt Verlag Berlin. Mit dem Politikwissenschaftler unterhielt sich der Journalist und Autor Andreas Platthaus.
Die Direktorin der Nationalbibliothek Frankfurt, Ute Schwens, wies in ihrer Begrüßung darauf hin, dass die Bibliothek drei Veranstaltungen 100 Jahre nach Kriegsbeginn im Programm hat. Der Auftakt fand bereits zur vorjährigen Buchmesse statt; Christopher Clarks Buch Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog stand dabei im Fokus.
Der gestrige Abend war also die zweite Veranstaltung zum Thema, eine dritte wird im November 2014 die kleine Reihe beschließen.
„Am 21. Juli 1914 wurde der Grundstein für das erste Gebäude der heutigen Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig gelegt. Am 2. September 1916, also noch während des Krieges, wurde dieses heute noch existierende Haus in Betrieb genommen“, berichtete Ute Schwens. Ab 1914 sammelte die Bibliothek alle Veröffentlichungen während des Krieges in einem Sonderdepot, darunter befinden sich beispielsweise auch 15.000 Plakate. Zur Zeit wird diese Sammlung aufgearbeitet. „Ab Juni 2014 wird es einen digitalen Zugang geben“, verkündete Schwens. Außerdem erwähnte sie das Projekt Europeana 100 Jahre Erster Weltkrieg – Bilder, Briefe, Erinnerungen, das im März 2011 startete und mittlerweile in zehn europäischen Ländern präsent ist.
„Das Buch hat mich verblüfft. Es bildet tatsächlich den ganzen Ersten Weltkrieg ab“, begann Andreas Platthaus das Gespräch. Es sei nach über 40 Jahren das erste Kompendium der Zeit 1914 bis 1918. „Warum gab es vorher nichts Vergleichbares?“, wollte Platthaus wissen.
Das läge vor allem an den Fischer-Thesen, aufgestellt 1964 von Fritz Fischer: Deutschland trüge die Verantwortung für den Ausbruch am Ersten Weltkrieg. „Damit war das Thema versiegelt“, erklärte Herfried Münkler. Seitdem trauten sich Wissenschaftler nur noch an Randgebiete. 1968 war Deutschland und der Erste Weltkrieg von Peter Graf Kielmansegg herausgekommen, aber „die wesentlichen Werke über den Ersten Weltkrieg sind von Briten geschrieben worden“, erläuterte Münkler, „selbstverständlich aus dem Blickwinkel der Insel.“ Münkler wollte in seinem Werk Beschreibung und Analyse verbinden, denn die Jahre 1914 bis 1918 seien überaus spannend. „Die Juli-Krise 1914 ist das komplexeste Geschehen der Geschichte“, sagte der Autor.
Als Auswirkungen dieser Zeit nannte er beispielsweise die Steuern. 1916 reichten die Kriegsanleihen nicht mehr aus, denn General Ludendorff ersetzte die Menschen durch Material. Das jedoch war teuer, demzufolge mussten die damals sehr niedrigen Steuern erhöht werden. „In allen kriegsbeteiligten Ländern entsteht der Steuerstaat“, stellte Münkler fest. Gesenkt wurden die Steuern auch nach dem Krieg nicht – schließlich musste etwas für die Familien, die ihre Ernährer im Krieg verloren hatten, getan werden.
Viel wird heute darüber gesprochen, dass im August 1914 die jungen Männer mit wehenden Fahnen in den Krieg gezogen seien. Das stimme jedoch nur für die großen Städte. Die Bevölkerung kleinerer Ort und erst recht jene auf den Dörfern war nicht so enthusiastisch. Auch sei es in erster Linie die Mittelschicht in Deutschland, St. Petersburg, Wien und zum Teil Paris gewesen, die den Krieg begrüßte. Sie wollte die Chance nutzen und dem bis dahin vorherrschenden Adel den Vorrang auf dem Schlachtfeld streitig machen. „Die Rechnung ist jedoch nirgendwo aufgegangen“, fügte Münkler hinzu.
Eine der gravierendsten Folgen des Ersten Weltkriegs sei das heutige Nahost-Problem, bemerkt Münkler bereits im Vorwort zum Buch. Das alte Osmanische Reich zerfiel, alle Modelle zur Errichtung neuer Systeme seien gescheitert. „Die postimperialen Räume sind ein akutes Problem, ein Konsolidierungsprozess ist nicht in Gang gekommen“, bilanzierte Münkler. Damit werde man sich in Zukunft wohl noch weiter beschäftigen müssen. Und das koste viel Geld.
Im Anschluss an dieses Gespräch konnten die Besucher am Büchertisch der Buchhandlung Hector Werke von Herfried Münkler erwerben und signieren lassen.
JF