Auf einer Veranstaltung des eBook-Dienstleisters Readbox hat der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner der Buchbranche Kontrollsucht und ein veraltetes Geschäftsmodell vorgeworfen. Der ehemalige Musikmanager schlägt unter anderem vor, Bücher in Zukunft häppchenweise als eBook zu vermarkten und vertritt die Ansicht, dass das das herkömmliche Buch keine Zukunft mehr hat.
Das war Anlass für den Literaturagenten Thomas Montasser (Foto), diesen Brief an den Berliner Kulturstaatssekretär zu schreiben; er hat ihn in Kopie auch auch an Buchmarkt.de geschickt:
Lieber Tim Renner,
was bin ich dankbar, dass Sie jetzt Kulturstaatsminister geworden sind! Endlich mal ein Visionär in dem Amt. Obwohl:

Die Berliner Politik hat ja seit jeher brillante Vordenker hervorgebracht. Landowsky im Finanzsektor. Sarrazin in höherer Soziopathie. Und nun Sie im Literaturbetrieb.
Ach, Sie stammen gar nicht aus dem Buchbusiness? Egal, Sie können das auch so. Jedenfalls wissen nach Ihrer Suada nicht mehr nur Sie, dass jedes gute Buch aus Tracks besteht.
Das wissen jetzt auch wir ollen Nulpen, die wir uns seit Jahr und Tag mit der Bücherbranche beschäftigen. Und diese Tracks wollen einzeln digital vermarktet werden. Auch das haben wir von Ihnen gelernt. Es ist nämlich nicht so, dass wir irgendwelche positiven Schlüsse daraus ziehen dürfen, dass wir trotz Internet und eBook immer noch am Leben sind. Vielmehr zeigt das bloß, was wir für ahnungslose Loser sind.
Beweis: Die Musikindustrie ist beinahe krepiert. Ich würde auch sagen, dass wir von Ihrer Branche also einiges lernen können. Sie wissen ganz offensichtlich, wie man‘s macht. Anders als wir, die wir dem Leser immer noch nicht auf Augenhöhe begegnen. Was Sie leider nicht ganz klar gemacht haben: Wo liegt die eigentlich, diese Augenhöhe? Müssen wir uns da irgendwohin emporschwingen? Oder sollen wir uns erniedrigen? Oder reicht es, wenn wir einfach die Durchschnittsgröße einer deutschen Leserin von sagen wir mal 173 cm in Eurocent umrechnen?
Sie sehen schon, wir haben noch lange nicht ausgelernt und brauchen dringend weitere Anleitung von Ihnen. Etwa wie wir zukünftig nicht einzelne Tracks, sondern vielleicht sogar einzelne Sätze, Wörter oder Buchstaben optimal vermarkten können. Das will der Leser vielleicht auch, wir waren bisher nur zu dumm, das zu kapieren. So ein einzelner Buchstabe ergibt ja unter Umständen sogar mehr Sinn als Track 7 von 28 eines großen Romans. Ach ja, solche Tracks gibt es übrigens. Da waren dann wohl Sie es, der nicht ganz auf der Höhe der Zeit war: Gucken Sie einfach mal bei Amazon & Co., wie viele Romane bereits kapitelweise zum Download angeboten werden. Vielleicht haben wir Ihre Vision auch nur vorweggenommen. Sie sind und bleiben unser Vordenker!
Weiterhin so tolle Ideen und allerbeste Grüße
Ihr
Thomas Montasser







