
Gestern Abend fand im Literaturhaus Frankfurt eine Veranstaltung zum Jubiläum des Deutschen Buchpreises statt, er wurde 2005 zum ersten Mal vergeben. Auf dem Podium diskutierten Autor Arno Geiger, Juror Volker Hage, der Vorsteher des Börsenvereins Heinrich Riethmüller und Michael Münch, Mitglied des Vorstands der Deutsche Bank Stiftung.
In seiner Begrüßung wies Literaturhaus-Chef Hauke Hückstädt darauf hin, dass in seinem Institut seit 2008 die Shortlist-Lesungen stattfinden [mehr…], eine außergewöhnliche Präsentation der sechs Autoren etwa drei Wochen vor der Preisverleihung. „Der Deutsche Buchpreis spitzt zu“, stellte Hückstädt fest. Gleichzeitig bedauerte er, dass Lyrik-Preise weniger stark beachtet werden und dieses Genre beim Deutschen Buchpreis außen vor bleibt.
„Inzwischen haben 101 Verlage 167 Titel für den diesjährigen Deutschen Buchpreis eingereicht“, informierte Heinrich Riethmüller [mehr…]. Die Anzahl zeige die Wertschätzung des Preises.
Die Deutsche Bank Stiftung unterstützt seit diesem Jahr den Deutschen Buchpreis, der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels Stiftung jährlich unmittelbar vor der Frankfurter Buchmesse vergeben wird.
Volker Hage gehörte der ersten Buchpreis-Jury 2005 an und war 2006 Sprecher der Jury. Er unterhielt sich zunächst mit Arno Geiger; der hatte 2005 den ersten Deutschen Buchpreis für seinen Roman Es geht uns gut [mehr…] erhalten. „Das war bereits mein viertes Buch, aber die Leute dachten, es sei mein erstes“, sagt Geiger. „Doch vor dem Preis lagen meine Bücher wie Blei in den Regalen der Buchhandlungen.“ Er machte sich damals Sorgen, wie es weiter gehen solle, hatte vier Jahre an Es geht uns gut geschrieben.
„Heute befinden sich Verlage und junge Schriftstellern in noch schwierigeren Zeiten“, meinte Volker Hage. „Von meinem Buch Schöne Freunde wurden 1.200 Exemplare abgesetzt, von Es geht uns gut wurden fast täglich so viele Bücher verkauft“, nannte Geiger Zahlen. Bescheiden setzte er hinzu: „Ich weiß, wie viel Glück man braucht.“ Und Glück hatte Arno Geiger tatsächlich gehabt: Sein Roman stand nicht auf der ersten Liste, er wurde später nachnominiert. „Es ist doch verständlich, dass die Verlage bekannte Namen nominieren, das hat mit dem hierarchischen System zu tun. Auf eine Weise ist der Buchpreis gleichmacherisch, Prominente müssen sich mit Dahergelaufenen messen. Ich versuche, das alles nicht zu vergessen, denn jetzt bin ich privilegiert.“ Der Erfolg seines Romans Der alte König in seinem Exil, 2011 im Carl Hanser Verlag erschienen, war enorm – doppelt so viele Exemplare wie von Geigers Buchpreis-Titel wurden verkauft.
In Deutschland gibt es etwa 1.200 Literaturpreise, die meisten ohne große Außenwirkung. Schwierigkeiten habe Volker Hage mit dem Begriff „der beste deutschsprachige Roman“, der dann jährlich mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet werde. „Wir wollten damals so eine Art ‚Carte Blanche’ für die Longlist einrichten. Das hat sich leider nicht realisieren lassen“, erklärte Hage. Die Longlist „schneidet schon viel ab“, sagte der ehemalige Juror. „Ich habe auch schon enttäuschte Autoren erlebt, die nicht auf der Longlist waren. Man gibt als Schriftsteller das Beste, dann beginnt das große Zittern“, ergänzte Arno Geiger.
Michael Münch unterstrich, dass die Deutsche Bank Stiftung den Deutschen Buchpreis gerne unterstütze. „Wir haben bisher Musik und Kunst gefördert, nun haben wir den Kreis erweitert, weil uns Literaturförderung notwendig erscheint.“ Mit der Longlist kämen 20 Bücher an die Öffentlichkeit, das sei eine gute Sache.
Nein, 2005 habe er nicht mit einer solchen Karriere des Deutschen Buchpreises gerechnet, beantwortete Heinrich Riethmüller eine Frage von Volker Hage. Riethmüller habe auch keine Schwierigkeiten mit dem Begriff „der beste Roman“, das sei vielmehr ein Anspruch, der jedes Jahr aufs Neue gelte. Der Deutsche Buchpreis werde auch im Ausland wahrgenommen, das sei an der steigenden Anzahl von Übersetzungen ablesbar.
Volker Hage schlug noch vor, für die Jurorenauswahl vielleicht das Prinzip der Rotation anzuwenden. Jedes Jahr müssten sich neue Juroren den Bücherbergen zuwenden, ein hoher Aufwand. „Aber wir wollen jedes Jahr neue Juroren. Und mittlerweile stehen die Kandidaten Schlange“, entgegnete Riethmüller.
Ist die Verleihung des Deutschen Buchpreises eine für die Autoren entwürdigende Veranstaltung? Schließlich wüssten die sechs auf der Shortlist Nominierten bis zuletzt nicht, wer den Preis bekommt, stellte Volker Hage zur Diskussion. Arno Geiger sah das anders: „Die Shortlist-Autoren haben schon viel erreicht. Vielleicht könnte das für den einen oder anderen herabsetzend sein; ich weiß, Daniel Kehlmann war gekränkt.“
„Natürlich ist der Literaturbetrieb ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Doch ich glaube nicht, dass etablierte Autoren das Scheinwerferlicht scheuen“, fügte Riethmüller auf den Einwurf Hages hinzu, dass Schriftsteller ihre Bücher zeitlich so abgeben würden, dass sie für eine Nominierung gar nicht in Frage kämen.
Dem allgemeinen Vorwurf an die Kritiker, dass diese sich nur noch um Longlist und Shortlist kümmern würden, widersprach Volker Hage vehement. Schließlich sei es der Ehrgeiz jedes Kritikers, etwas Neues zu entdecken.
Anschließend las Arno Geiger aus Es geht uns gut.
JF