Peter Berling wird heute 80 Jahre alt. Sein langjähriger Freund und Agent Roman Hocke gratuliert ihm zum runden Geburtstag:
Ein Grandseigneur des Literaturbetriebs feiert seinen 80. Geburtstag – Zeit, einen Blick auf das Leben dieses Multi-Talents zu werfen. Zwar behauptete Peter Berling noch Ende der 80er Jahre, „Schreiben kann ich nicht“, gegenüber dem Herausgeber der Filmzeitschrift „Cinema“, bis heute aber beweist er das Gegenteil. Nun aber zum Anfang, Schritt für Schritt.

von „Die Kinder des Gral“
1934 als Sohn des Architekten-Ehepaares Max und Asta Berling geboren, erlebt der junge Peter sowohl die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, als auch die lehrreiche Zeit im renommierten Internat Birklehof, wo früh seine Kreativität erkannt wird – festlegen aber lässt er sich nicht. So gilt der Schüler als schwer lenkbar, was ihn aber fesselt, sind seine zeichnerische Begabung sowie das Fach, Geschichte‘. Zeigen sich bereits hier die späteren Meilensteine seines Lebens? Nach dem Abgang vom Gymnasium absolvierte er eine Maurerlehre, ehe er kurz am Oskar-von-Miller-Gymnasium einen Zwischenstopp machte. Aber auch hier hält es ihn nicht lange. Kurzerhand schreibt er sich in der Akademie der Bildenden Künste in der renommierten Klasse von Prof. Julius E. Schmid für „Angewandte Grafik“ ein. Schon bald gilt Peter Berling, der sich neben seinem Studium als Designer für Werbebroschüren, aber auch für die Ausgestaltung von Nachtclubs,
Jazzlokalen und anderen Bohemé-Orten des zeitgenössischen München betätigt, als Spezialist auf diesem Gebiet. Nebenbei arbeitet der Tausendsassa als Reiseleiter – diese Ereignisse beschreibt er unter anderem in seinem epischen Memoir „Hazard & Lieblos“ (Hoffmann & Campe, 2011) auf eine feinsinnige, augenzwinkernde und zugleich literarische Weise; ein Buch, das ich jedem Fan von Peter Berling nur ans Herz legen kann.
Aber zurück zu seinem Leben – einschneidend ist die Begegnung mit Alexander Kluge 1960, die für die nächsten Jahre prägend sein wird. Der Film fängt den jungen Kreativen ein, Peter Berling wird Produzent. So produziert er u.a. die oft mit Preisen und Prämien ausgezeichneten Erstlingsfilme von Klaus Lemke, Günter Lemmer ebenso wie Alexander Kluge, Hoffnungen des Jungen Deutschen Films, mit gerade einmal 24 Jahren ist er einer der jüngsten Produzenten Deutschlands.
1967 folgt der erste eigene Spielfilm, „Negresco****-Eine tödliche Affäre“, unter Regie von Klaus Lemke. Zwar zeigt diese Produktion nicht den gewünschten kommerziellen Erfolg, dennoch greift Peter Berling weiter nach den Sternen: Er arbeitet, mal mehr, mal weniger erfolgreich mit Schauspielern wie Brigitte Bardot, Orson Welles, Claudia Cardinale, Mario Adorf. Daneben beteiligt er sich an einem Unternehmen für Konzert und Theatervorstellungen und, als wäre das alles noch nicht genug, als Theateragent für Künstler wie Gilbert Bécaud, Dave Brubeck oder Charles Aznavour. In dieser Zeit gründet er zusammen mit Eberhard Radisch den Acquis Musikverlag – bis er sich überhebt und sich 1969 nach Rom absetzt .
Von diesem Rückschlag lässt sich Peter Berling nicht aus dem Konzept bringen. Er beginnt seine überaus furchtbare Zusammenarbeit mit Werner Schroeter und R.W. Fassbinder, immer wieder betätigt er sich auch als Schauspieler. So wirkte er in über 100 Filmen mit, darunter neben Klaus Kinski in „Aguirre, der Zorn Gottes“ und „Fitzcarraldo“, Sean Connery in „Der Name der Rose“, Sam Shepard in „Homo Faber“ und David Bowie in „Last Temptation of Christ“ sowie in dem Oscar preisgekrönten Film „Sehnsucht nach Afrika“ von Jean-Jacques D`Annaud und „Gangs of New York“ von Martin Scorsese. Diese überaus produktiven Jahre beim Film, die auch die für Peter Berling persönlich wichtigen Werke „Il Regno di Napoli“ von Werner Schroeter und „Prova d’Orchestra“ von Federico Fellini hervorgebracht haben, enden 1982 abrupt mit dem überraschenden Tod von Fassbinder. Für Peter Berling ein harter Schlag. Zwar folgen noch einige filmische Arbeiten, dennoch markiert Fassbinders Tod eine Wende, da sich Peter Berling nun verstärkt dem Schreiben zuwendet.
„Schreiben kann ich nicht“, wie es eingangs dieser Laudatio heißt, so lautete die für ihn typische Antwort auf eine Anfrage der „Cinema“. Bald schon belehrt er nicht nur seine Leser, sondern auch sich selbst eines Besseren. Schreibt er zunächst für den Spiegel, für Penthouse, Lui, den Playboy, für Geo und die NZZ, stellt seine schauspielerische Arbeit in „Franziskus“, der mit Mickey Rourke in der Hauptrolle verfilmt wurde, den nächsten Wendepunkt dar. So bietet ihm Bertelsmann an, das zum Film zugehörige Buch zu schreiben. Damit entsteht „Franziskus oder Das zweite Memorandum“, Peter Berlings erster Roman, dem viele weitere folgen werden. Epische, historische Zyklen, die den Bogen zu seinem frühen Interesse für Geschichte spannen.
Er spezialisiert sich auf das Hohe Mittelalter. Heiden, Ketzer, Assassinen, Verfolgte und Häscher bevölkern die voluminösen Bände, die Bestseller wurden, auch im Ausland. Seine Helden sind zweifelnde Mönche, rebellische Ritter, kühne Frauen, die für die Epoche des geistigen Umbruchs zur Neuzeit Pate stehen. Sie geraten in weltumspannende Machtkämpfe, Intrigen und die Konfrontation zwischen Christentum und Islam, geprägt von fanatischem Glaubenseifer wie auch von Verstehen und Toleranz. In ihren abenteuerlichen Schicksalen spiegelt sich Wahn und Grausamkeit ebenso wie Lebenslust, Witz und Opferbereitschaft des Mittelalters. Von den Pyrenäen bis zum Goldenen Horn, von den Wäldern der Ardennen bis zur Felsküste Siziliens, in die Weiten des bis dahin weithin fremden Orients. Peter Berling spannt seinen Bogen um die ganze damals bekannte Welt – bis heute werden seine Historischen Romane, darunter sein Meisterwerk, das monumentale Kreuzzugsepos „Die Kinder des Gral“, gelesen, das frisch als 17-bändige E-Book Edition auf den Markt gekommen ist. Beachtet man aber die außergewöhnlichen Inhalte seiner Romane, darf man sich an dieser Stelle sicherlich den einen oder anderen Gedanken erlauben, wie viel von seiner eigenen, schillernden Persönlichkeit und Lebenserfahrung in seine Romanfiguren eingeflossen sein mag . Für sein beachtliches Lebenswerk wurde ihm bereits 2000 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.
Aber nicht genug damit. Wer zu später Stunde fernsieht, wird mindestens einmal im Monat auf ganz unterschiedlichen Sendern einem sehr eloquenten Peter Berling begegnen. In immer neuen Rollen tritt er auf – verkleidet als Dompteur, Archäologe, General, Zirkusdirektor – um während des Interviews durch Alexander Kluge sehr überzeugend und scheinbar fachkundig von fremden Erlebnis- und Erfahrungswelten zu berichten, die er sich sehr spontan in seiner Vorstellung ausdenkt. Die inzwischen über 250 „phantastischen“ TV- Interviews bei Alexander Kluge in „facts & fakes“ sind mittlerweile Kult.
Heute lebt Peter Berling, das Multitalent mit der barocken Erscheinung eines Orson Welles, dieser Grandseigneur der deutschen Literaturlandschaft ebenso wie des deutschen Films, im römischen Trastevere, wo er Nacht für Nacht, „wenn das Telefon schweigt“, seine Romane handschriftlich zu Papier bringt. Es freut mich sehr, an dieser Stelle kund zu tun, dass sein neuer großer Roman im Herbst erscheinen wird, und zwar im Europa Verlag.
Heute feiert Peter Berling seinen 80. Geburtstag. Als sein langjähriger Freund, als sein Agent und sein römischer Nachbar gratuliere ich ihm aus ganzem Herzen nicht nur zu seinem Jubiläum, sondern auch zu seinem beeindruckenden Lebenswerk, das er bis heute unablässig fortschreibt. Und wenn alles klappt, werden wir ihn an diesem Tag mit Freud und Freunde hochleben lassen, in seinem trasteverinischen Stammlokal, das zu seiner zweiten Heimat geworden ist, bei Fisch und Wein und guten Gesprächen, in einer hoffentlich lauen römischen Frühlingsnacht.