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Oliver Voerster und Thomas Raff über das neue Logistikzentrum der KNO VA in Erfurt

Letztes Jahr im Januar wurde der Grundstein zum neuen Logistikzentrum der KNO VA in Erfurt gelegt. Seit Anfang Januar befindet es sich im Testbetrieb. Im Herbst 2015 soll es dann richtig los gehen.

Welche Vorteile und Leistungen von dem neuen Zentrum zu erwarten sind, erläutern Oliver Voerster, geschäftsführender Gesellschafter von KNV und KNO VA, und Thomas Raff, Geschäftsführer KNO VA, {LKG] und {KN Digital Printforce], in diesem Sonntagsgespräch.

In den letzten Monaten haben sich zahlreiche neue Verlage für die KNO VA entschieden und in der Presse war zu lesen, dass Sie für das neue Logistikzentrum in Erfurt mit stark reduzierten Konditionen akquirieren. Werden bei Ihnen jetzt Dumpingpreise aufgerufen, um die Hallen zu füllen?

Thomas Raff und Oliver Voerster © KNV

Raff: Dass die Verlagsauslieferungen bereits seit Jahren in einem starken Wettbewerb zueinander stehen, ist ja kein Geheimnis. Wir sind teilweise selber überrascht, mit welchen Preisen wir am Markt konfrontiert werden. Das ist eine Entwicklung die uns überhaupt nicht gefällt und die auch nicht gesund ist. Welche Auswirkungen es hat, wenn die Konditionenschraube bei den Dienstleistern überdreht wird, kann man anhand der Druckindustrie sehr gut nachvollziehen. Ein Beispiel, das wir uns alle gemeinsam nicht zum Vorbild nehmen sollten. Wir haben auf diese Entwicklungen aber frühzeitig reagiert und den Weg der Zentralisierung in Erfurt gewählt.

Wir wären alle miteinander schlecht beraten, wenn wir uns bei den anstehenden Veränderungen in unserer Branche nur auf den Preis fokussieren, zumal sich die Anforderungen an die Auslieferung in den letzten Jahren noch einmal deutlich erhöht haben. Unser Ziel ist es, in Erfurt den Verlagen und Buchhandlungen ein Mehr an Leistungen und Qualität zu bieten, und die haben auch ihren Preis.

Was sind denn dann die Kriterien der Verlage, in die KNO VA zu wechseln?

Raff: Neben den Verbesserungen in der Liefergeschwindigkeit und der Qualität gibt es eine Vielzahl von Themen, die für die Verlage und Buchhandlungen Vorteile bringen. Die Bündelung von Barsortiments- und Verlagsauslieferungsware in einem Packstück oder die Kapazitätserhöhung bei der Novitätenauslieferung, was vor allem auch für größere Vertriebskooperationen interessant ist, sind nur einige davon. Darüber hinaus gibt es aber zwei wichtige Aspekte, die in Zukunft unserer Einschätzung nach eine entscheidende Rolle spielen. Das ist zum einen die deutliche Reduzierung von unnötigem Warenverkehr zwischen Verlag, Barsortiment und Handel und damit einhergehend eine Verringerung der Remissionsquote. Wenn Sie so wollen, also die Umsetzung des „Just in time“-Gedankens. Das erreichen wir durch neue Zentrallagerfunktionen für Großkunden und die bedarfsgerechte Bestellung beziehungsweise Lieferung der Verlage an das Barsortiment. Damit ist auch eine Komplettverfügbarkeit aller KNO VA Verlagstitel im Barsortiment gesichert. Zum anderen haben wir uns zum Ziel gesetzt, die vor- und nachgelagerten Prozesse in den Verlagen noch intensiver zu unterstützen, zum Beispiel durch die Verzahnung von Druck- und Logistikleistungen in unserem PoD-Zentrum, ohne dass zusätzliche logistische Prozesse oder Lieferungen notwendig sind, oder auch durch die digitale Auslieferung.

Wie läuft denn das PoD-Zentrum? Geht Ihre Rechnung auf?

Raff: Mit der Entwicklung unseres Druckzentrums sind wir sehr zufrieden und 2,5 Jahre nach Start haben sich unsere Erwartungen voll erfüllt. Die große Attraktivität liegt dabei in der Zusammenarbeit der Verlage mit dem Barsortiment und dem direkten Druck am Standort, ohne zusätzliche Lieferketten. Alle verfügbaren Titel eines Verlages sind in der KNV-Datenbank gelistet und werden sofort bei Bestellung produziert und an die Kunden über Nacht geliefert, selbst wenn sie im Großhandel nicht gelagert sind. Dieser Bereich nimmt mittlerweile 50 % des Gesamtdruckvolumens bei uns ein. Auf diese Dienstleistung können im Übrigen auch die Verlage in der KNO VA und der LKG zugreifen, unterstützt von einem vollautomatischen Prozess in unserer Verlagssoftware VA.MAX. In Erfurt wird es dann noch komfortabler, da wir direkt in der Logistik ins Packstück drucken.

Woher nehmen Sie die Hoffnung und Zuversicht, die größte Medienlogistik Europas in Erfurt zu füllen und auszulasten?

Voerster: Wir würden KNV Logistik nicht bauen, wenn wir nicht sicher wären, dass das gedruckte Buch weiterhin eine große Rolle spielt. Die Verschiebung physischer Medien vom stationären Handel in den E-Commerce ist für uns weitgehend neutral, da wir mit allen Vertriebskanälen intensive Geschäftsbeziehungen pflegen. Hierzu können wir eine Infrastruktur nutzen und müssen nur geringe Anpassungen für die unterschiedlichen Anforderungen unserer Kunden realisieren. Insbesondere im Bereich der Verlagsauslieferung sehen wir noch deutliches Wachstumspotenzial. Alleine der Anteil an selbstausliefernden Verlagen im Gesamtmarkt der Buchlogistik liegt noch bei circa 20 % und der Betrieb einer eigenen Auslieferung wird für Verlage immer unwirtschaftlicher. Außerdem glauben wir, dass viele Verlage unsere neuen Logistik- und Belieferungsmodelle, die aus der Einzigartigkeit einer gemeinsam genutzten Barsortiments- und Auslieferungslogistik bestehen, hochattraktiv finden.

Denken Sie auch an branchenfremde Nutzer?

Voerster: Wir werden uns auch in Zukunft auf den Buchmarkt konzentrieren. Darüber hinaus wollen wir uns weiterentwickeln und haben mit unserer neuen Logistikkonzeption eine maximale Flexibilität für die Veränderung von Auftrags- und Artikelstrukturen vorgesehen. Unsere neue Logistik ist nicht nur auf Bücher fokussiert, sondern ist für alles bestens geeignet, was auf eine Palette passt, keine besonderen Temperaturen benötigt und nicht zappelt. Der Standort Erfurt ist zudem aufgrund seiner zentralen Lage ideal für jedes E-Commerce Geschäft, was auch zur Ansiedlung von Zalando und Redcoon geführt hat. Das neue Logistikzentrum bietet Platz für über 700.000 Artikel und ist zudem noch erweiterbar, so dass wir dort problemlos bis zu 1 Million Artikel lagern können! Damit werden wir in Zukunft in Erfurt mehr Artikel anbieten können als alle unsere Mitbewerber. Seit der großen Artikelaufstockung von 150.000 auf 250.000 Artikel im Jahre 1995 waren wir das Barsortiment mit dem größten Titelangebot. Diese Tradition werden wir auch in Erfurt fortsetzen und wieder unserer Rolle als Marktführer gerecht werden.

Wäre es da nicht naheliegender, erst einmal das Volumen Ihrer Auslieferung in Leipzig, der LKG, mit aufzunehmen?

Raff: Unser Unternehmen in Espenhain macht uns im Augenblick viel Freude und es gibt derzeit keine Notwendigkeit, hier eine Veränderung herbeizuführen. Vor allem für kleinere und mittlere Verlage bieten wir mit unseren Dienstleistungen und Bündelungsmöglichkeiten eine hervorragende Heimat und auch im Bereich der Non-Book-Auslieferung und Veredelungsdienstleistungen sind wir für Kunden hochinteressant.

Wie geht es mit dem Bücherwagendienst weiter? Halten Sie auch eine Öffnung des BWD für andere Branchen für möglich?

Voerster: Die Kostenerhöhungen im Transportbereich durch steigende Preise von Diesel, Maut, Personal und LKWs werden seit Jahren nicht mehr durch eine adäquate Gebührensteigerung ausgeglichen, weil es den Bücherwagendiensten im gegenseitigen Wettbewerb nicht mehr gelingt, die Gebühren entsprechend zu erhöhen. An der Kostenschraube auf unserer Seite haben wir in den letzten Jahren intensiv gearbeitet und diese bis an den Anschlag gebracht. Wir brauchen in Zukunft mehr Gewichte in unseren LKWs und müssen dazu noch die Effekte der Digitalisierung und eines wachsenden E-Commerce in der Buchbranche kompensieren. Entweder wir revitalisieren hierzu alte Kooperationspläne, wie wir diese vor Jahren schon einmal mit Libri hatten, oder wir finden weitere Gewichte aus anderen Branchen, die zu unserer Leistungsstruktur passen. Mit unserem Netzwerk einer leistungsfähigen Übernachtbelieferung und zusätzlichen Dienstleistungen wie den EDI-Funktionen mit der Kontrolle des gesamten Waren-, Daten- und Geldflusses, Webrecherche zum Sendungsstatus und weiteren Tracking and Tracing-Komponenten bieten wir einen einzigartigen Service, der auch für andere Einzelhandelsbranchen attraktiv sein müsste.

Und wann geht es los in Erfurt?

Voerster: Es freut uns sehr und macht uns auch ein wenig stolz, dass unser Jahrhundertprojekt nach wie vor im Zeit- und im Kostenplan liegt. Im Herbst dieses Jahres wird KNV Logistik mit der Integration des Kölner Barsortiments planmäßig starten. Momentan sind wir in einer intensiven Testphase, in der die einzelnen Module und dann der Produktionsbetrieb über alle Logistikbereiche hinweg getestet werden. Unsere beratenden Unternehmen sehen es als außergewöhnlich positiv an, dass wir neun Monate vor „go live“ schon so weit sind. Auch der Aufbau des Personals für KNV Logistik schreitet gut voran. Neben einer hohen Anzahl von Fach- und Führungskräften mit großer Erfahrung aus den bestehenden Standorten, die mit nach Erfurt kommen, konnten wir neue Mitarbeiter für Fach- und Führungspositionen bei KNV Logistik gewinnen, die eine sehr gute Ausbildung meist mit Studium und ein fundiertes Spezialwissen haben. In den kommenden Monaten werden wir nun sukzessive die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den operativen Bereich der Logistik einstellen. Dankbar sind wir unserer Belegschaft an den bestehenden Logistikstandorten, die uns weiterhin die Treue halten und in 2013 eine hervorragende und stabile Leistung erbracht haben und diese bis zum Schluss durchhalten wollen, weil sie sich fair von uns behandelt fühlen. Wir sind gut aufgestellt, haben ein sehr erfolgreiches Jahr 2013 hinter uns und sehen uns bestens für die Zukunft auch in einem nicht mehr ganz so stabilen Buchmarkt gerüstet.

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