Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Stephan Schierke, President & CEO der arvato publisher services, in der u.a. die größte deutsche Verlagsauslieferung VVA aufgegangen ist.
Stephan Schierke, geb. 1966 in Flensburg, kennt die VVA seit 1995 von innen – zunächst als Bereichsleiter, seit 2002 als Geschäftsführer. Im März 2013 übernahm er zusätzlich den Outsourcing-Dienstleister arvato E-COMMERCE. Stephan Schierke ist studierter Wirtschaftsingenieur Universität Karlsruhe (TH). Ehrenamtlich engagiert er sich u.a. im Ausschuss für den Zwischenbuchhandel des Börsenvereins.
Stephan Schierke, gerade ist das für die Buchbranche heißeste Weihnachtsgeschäft aller Zeiten zu Ende gegangen – weiß Stephan Schierke aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, zu dieser Zeit im Schichtbetrieb in einer Produktionshalle zu arbeiten?

Stephan Schierke: Ja, das weiß ich. Ich habe es selber gemacht vor 20 Jahren, als ich bei der VVA angefangen habe. Und dann nochmal vor sieben oder acht Jahren, als wir unser neue Logistik in Betrieb genommen haben. Mir war es immer wichtig, ein konkretes Bild von den Arbeitsbedingungen zu gewinnen.
Die E-Commerce- und Logistikbranche steht seit einem dreiviertel Jahr im Kreuzfeuer leidenschaftlicher öffentlicher Kritik – auch und gerade wegen der Art, wie die Mitarbeiter eingesetzt werden. Die Beispiele sind bekannt – sind sie für die Branche so untypisch?
Stephan Schierke: Das kommt darauf an, wen Sie konkret meinen. Zur VVA kann ich sagen, dass wir großen Wert darauf legen, unseren Mitarbeitern nicht nur ein reichhaltiges und vernünftiges Ausgleichsangebot zu präsentieren, sondern auch moderne, möglichst gesundheitsschonende Technik zur Verfügung zu stellen, u.a. durch Anwendung des Grundprinzips „Ware zum Mitarbeiter“.
Die Amazon-Logistikzentren zum Beispiel sind überraschend wenig technisiert, im Gegensatz zum deutschen Ansatz, der der Automatisierung einen hohen Stellenwert beimisst. Welche Gedankengänge stehen hinter solchen schwach technisierten Organisationsformen?
Stephan Schierke: Zu amazon kann ich nichts sagen. Aber ganz allgemein gibt es im E-Commerce den Wunsch, auch extreme Lastspitzen abwickeln zu können, koste es, was es wolle – bis zum fünffachen des normalen Ordereingangs. Wenn ich technisiere, habe ich hingegen einen festen Anschlag, den die Automation vorgibt. Online Versender haben aber oftmals den Anspruch, den Kunden auf jeden Fall zufriedenzustellen unabhängig vom Preis/Leistungsverhältnis der Logistik. Wir dagegen haben unseren VVA-Kunden ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis versprochen – da kommen Sie ohne Technisierung nicht aus.
Drückt sich darin nicht auch eine gewisse Nomadenhaftigkeit aus: wenn die Terms of Trade am einen Standort sich verschlechtern, ziehen wir eben weiter – dorthin, wo Arbeit billiger ist und Subventionen reichlicher sprudeln?
Stephan Schierke: Das kann ich nicht erkennen. Auch wenn Sie nicht stark automatisieren, haben Sie ein Gebäude, Verträge, Prozesse, die Geld gekostet haben und an einem neuen Standort wieder Geld kosten. Ich würde das nicht unterstellen. Das wäre Spekulation.
Haben Sie solche Betriebsmodelle auch schon mal durchgerechnet?
Stephan Schierke: Ja, durchaus. Auch wir sind in einigen Betriebsteilen manuell aufgestellt. Wir versuchen in jedem Geschäftsfeld die optimale Balance zwischen einer variablen manuell geprägten und einer technisierten, wenn auch starren Lösung zu finden. Irgendwo zwischen diesen Extremen findet sich der jeweils optimale Punkt.
Geht es in der Logistik überhaupt ohne harten körperlichen Einsatz?
Stephan Schierke: Nein, das tut es nicht. Denn selbst bei hoher Technisierung muss der Mitarbeiter z.T. schwere Lasten heben. Durch geeignete technische Unterstützung, wie wir sie einsetzen, wird die Last gelindert, aber Muskelkraft ist und bleibt gefragt, damit sich etwas bewegt.
Muss sich ein Logistik-Arbeitgeber etwas Besonderes einfallen lassen, um gewerbliche Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten?
Stephan Schierke: Um gute Mitarbeiter zu finden und zu halten, ja. Logistik-Mitarbeiter zählen nicht zu den „Besserverdienern“ in Deutschland, und gerade wenn Sie gute finden wollen, die sich begeistern lassen und ranklotzen, müssen Sie ihnen was bieten. Das fällt arvato im Bertelsmann-Verbund leichter – mit Sportprogrammen, einem eigenen medizinischen Dienst, großzügigen Sozialleistungen, Betriebskindergärten, Betriebskrankenkasse, einem Härtefonds und nicht zuletzt einem Erfolgsbeteiligungsmodell.
Wie zahlen Sie?
Stephan Schierke: Wir bei der VVA zahlen mindestens Tariflöhne, faktisch mehr durch Prämienlöhne. Sie müssen mindestens das zahlen, was der Wettbewerb zahlt. Wir stehen lokal neben vielen anderen z.B. mit Miele, Nobilia und Claas im Wettbewerb um die besten Logistikkräfte.
Welche Rolle spielt Erfahrung in den Produktionshallen – oder sind Fitness und Leistungsmessung wichtiger?
Stephan Schierke: Erfahrung spielt eine große Rolle. Denn wenn ich die Dinge in der richtigen Reihenfolge mache, bin ich produktiver, als wenn jemand nur mit schierer Kraft rangeht. Wenn ich Erfahrung mit Kraft kombiniere, bin ich im Optimum.
Aber es bleibt ein großer Rest, der nur mit Muskelkraft zu bewältigen ist?
Stephan Schierke: Der bleibt, ist aber nicht notwendigerweise eine große Belastung für den Körper. Wir setzen viele Schwerbehinderte ein und liegen damit weit über der gesetzlichen Quote, weil wir die Arbeitsplätze mit den entsprechenden Hilfsmitteln ausgestattet haben.
Bei Amazon stehen im Weihnachtsgeschäft die Manager mit in der Produktion, heißt es. Hat die VVA damit Erfahrung?
Stephan Schierke: Jede arvato-Führungskraft hat vermutlich schon einmal in der Technik ausgeholfen, das hat aber bei uns keine Methode. Ich glaube, die Mitarbeiter sind froh, wenn nicht irgendwelche ungelenkigen Chefs den Produktionsablauf stören.
Wie halten Sie Ihre gewerblichen Kollegen bei Laune, wenn es heiß hergeht – haben Sie ein „Hausrezept“?
Stephan Schierke: (lacht) Das brauchen wir nicht. Faktisch profitieren wir davon, dass unsere Mitarbeiter intrinsisch motiviert sind. Es gibt eine sehr hohe Identifikation mit der Firma. Wir sind ein Team, jeder tut an seiner Stelle das, was sinnvoll und erforderlich ist, um unsere Kunden optimal zu bedienen.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Stammdaten und deren Qualitätssicherung sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.