Die LG Buch veranstaltet (wieder in Zusammenarbeit mit Umbreit und der MDG) einen Zukunftstag [mehr…]. Sie sieht den als Angebot für alle Inhaberinnen und Inhaber unabhängiger Buchhandlungen, die nicht nur mit der Marktmacht von Amazon und Co. zurechtkommen müssen, sondern sich (so Fürtjes) „auch den manchmal überraschenden Veränderungen im Wettbewerb vor Ort zu stellen haben“.
Das ist Anlass für Fragen an Dr. Michael Fürtjes, den geschäftsführenden Vorstand der LG Buch eG.

„Es braucht den Willen zur Veränderung,
die Fähigkeit zum Wandel“
Der für den 24. Februar 2014 geplante Zukunftstag für den Buchhandel steht unter dem Motto „Veränderung wagen“. Warum dieses Thema?
Weil Veränderungen unerlässlich sind, oft aber schwer fallen. Wir sind der Überzeugung, dass Veränderungsbereitschaft eine wesentliche Voraussetzung für die Sicherung des kaufmännischen Erfolgs ist. Man kann nicht einfach weiter machen wie bisher, wenn sich Marktverhältnisse grundlegend ändern.
Was meinen Sie genau?
Das Einkaufsverhalten der Menschen hat sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Die Möglichkeiten des Einkaufs im Internet zwingen den stationären Einzelhandel zur Beantwortung der Frage: wie muss mein Geschäft schon heute aufgestellt sein, damit auch morgen und übermorgen noch Kunden regelmäßig in den Laden kommen und dort einkaufen? Oder anders gefragt: was begeistert einen Kunden in einer Buchhandlung, was er beim Einkauf im Internet nicht geboten bekommt?
Geht es also heute nicht mehr so sehr um die Wettbewerbssituation vor Ort, seit Thalia und Co. auf dem Rückzug sind?
Das kann man so allgemein nicht sagen. Im Süden der Republik gibt es immer noch eine spürbare Expansion von Filialisten, mit der die ansässigen unabhängigen Buchhandlungen sich auseinander setzen müssen.
Sie spielen auf den Standort Balingen an?
Nicht nur, aber auch. In Balingen hat am ersten Adventssamstag ein Großfilialist in bester Einkaufslage eine Filiale neu eröffnet. Ein in der Stadt langjährig verwurzelter Inhaber einer Buchhandlung hat zu diesem Anlass in der Regionalpresse einen Beitrag veröffentlicht, in dem er zur neuen Wettbewerbssituation Stellung nimmt – sachlich zwar, doch zugleich mit erkennbarem Unmut. Denn Balingen ist, so seine Einschätzung der Lage, mit drei Buchhandlungen und einer Weltbild-Filiale hinreichend mit Buchhandlungen versorgt. Der Zuzug des Filialisten sei somit ein typischer Fall von Verdrängung.
Es geht um Osiander…
… in Balingen ja. Aber mir geht es nicht um Osiander, sondern mehr um das Exemplarische als um den speziellen Fall. Ich könnte Ihnen drei weitere Beispiele nennen, wo es im letzten Jahr ähnlich gelaufen ist, auch wenn dort keine Auseinandersetzung in der Lokalpresse stattgefunden hat.
Osiander hat in der gleichen Zeitung mit einem eigenen Beitrag reagiert. Anhand von aktuellen GFK Zahlen zeigt Osiander auf, dass in Balingen ein hohes Potential an Buchumsatz bisher nicht ausgeschöpft wurde. Die Neueröffnung ihrer Filiale werde Buchumsatz nach Balingen holen. Den Vorwurf der Verdrängung weist man zurück, denn Verdrängung sei unter dem Schutz der Preisbindung nicht möglich.
Letzteres ist natürlich Unsinn, denn diese Behauptung wird durch jedes einzelne Beispiel widerlegt, bei dem eine Buchhandlung infolge einer gravierenden Veränderung in der örtlichen Wettbewerbssituation aufgeben musste. Verdrängt wird eben nicht nur durch aggressiven Preiskampf, sondern etwa auch durch Ladengröße und ein dementsprechend umfangreiches Warenangebot und durch die bessere Lage. Selbst wenn für den Fall Balingen die GFK Analyse einen hinreichenden Grund zur Filialeröffnung bietet, bedeutet das nicht, dass die kleineren Buchhandlungen in Balingen dadurch nicht bedroht würden. Ich bin sicher, dass das auch Osiander klar ist.
Ein neuer Wettbewerber mobilisiert aber oft auch neue Käuferschichten, die sonst im Internet einkaufen würden.
Im Internet kaufen ohnehin längst nahezu alle Kunden. Wenn sie das im Shop ihrer Buchhandlung tun, ist das doch ganz in Ordnung. Allerdings sollte die Buchhandlung dann auch einen entsprechend komfortablen Shop anbieten, im Idealfall eingebunden in eine individuell gestaltete Homepage, die ebenso unverwechselbar ist wie die Buchhandlung selbst.
Dass ein neuer Wettbewerber auch neue Käufer mobilisiert, stimmt natürlich, aber er nimmt den alteingesessenen Buchhandlungen eben auch einen Teil des Umsatzes weg. Dass dadurch die Existenz dieser Buchhandlungen gefährdet werden kann, ist vielerorts seit Jahren bewiesen. Es zu leugnen oder zu marginalisieren, wäre unredlich und zynisch zugleich.
Osiander schafft aber auch neue Arbeitsplätze.
Darauf weist Osiander in der Lokalpresse hin. Nur macht doch das eine das andere nicht wett. Es geht um konkrete Menschen, nicht um Zahlen. „wem es just passieret, dem bricht das Herz entzwei.“ Das Glück des einen wiegt das Unglück des anderen nicht auf.
In Balingen und auch in unserer Branchenpresse hat die Auseinandersetzung in der Lokalzeitung für Aufregung gesorgt.
Ja, weil es auf den ersten Blick so aussieht, als ob im freien Markt der Große den Kleinen besiegt. Fraglos ist das oft der Fall. Aber eben nicht immer.
Damit kommen wir zurück zu Ihrem geplanten Zukunftstag. Hat denn eine kleine Buchhandlung überhaupt eine Zukunft im Wettstreit mit Filialisten und Amazon?
Osiander schreibt in der Balinger Lokalpresse, dass die Geschichte von David und Goliath nicht zur Balinger Situation passe. Das sehe ich anders. Die Pointe der Geschichte liegt nämlich nicht darin, dass Goliath gar nicht so gefährlich ist, wie er ausschaut, sondern im unerschrockenen Mut und in der List des David (vgl. 1. Samuel, 17). Daher sollte diese Erzählung einem Filialisten zu denken geben.
Doch im Ernst: kleine, mittlere, größere Buchhandlungen haben ganz gewiss eine Zukunft, wenn sie es schaffen, in aller Konsequenz die Bedürfnisse und Wünsche – auch die unausgesprochenen – ihrer Kunden mit Freude zu erfüllen. Es geht längst im Einzelhandel in sehr viel größerem Maße als früher um Atmosphäre, um Gestaltung und Präsentation, um Überraschung und Unverwechselbarkeit, um Kommunikation. Die kaufmännischen Basisqualifikationen sind weiterhin unverzichtbar, sie bilden tatsächlich die Basis des Erfolgs, aber oben drauf gehört die Bereitschaft und Befähigung zu all dem, was ich eben nannte.
Sie glauben, dass das reicht?
Damit das gelingt, brauche ich den Willen zur Veränderung, die Fähigkeit zum Wandel. Darauf zielen wir mit dem 2. Zukunftstag ab. Beim 1. Zukunftstag haben wir im Rekurs auf die Basisqualifikationen die Perspektive auf Veränderungen bereits geöffnet. Jetzt werden wir uns einen ganzen Tag lang diesem wichtigen Thema widmen.
Sie klingen recht optimistisch. Ignorieren Sie einfach die kritischen Stimmen, die dem unabhängigen Buchhandel keine Zukunft mehr geben?
Ich bin optimistisch, weil ich genügend Beispiele für erfolgreiche unabhängige Buchhandlungen erlebe, von denen viel zu lernen ist. Die kritischen Stimmen ignoriere ich nicht, aber ich filtre inzwischen die defätistischen heraus. Oft kommt diese Kritik mit vermeintlichen Plausibilitäten daher, ist aber dann doch meist nur miese Stimmungsmacherei. Die hat bisweilen zerstörerische Qualität, macht mutlos und resignativ. Sie bewirkt also das Gegenteil von dem, was für den Erfolg nötig ist, nämlich Kreativität, Freude und Begeisterung. Die möchten wir wecken und fördern.
Gleichwohl ist die Prognose, dass sich die Buchhandelsfläche in Deutschland deutlich verringern wird, zugegebenermaßen realitätsbezogen. Mich interessiert in diesem Zusammenhang allerdings weniger, wer verschwindet als vielmehr, wer bleibt. Und besonders warum er bleibt. Die Erfolgsfaktoren derer, die bleiben, sind spannend. Die wollen wir auf dem Zukunftstag präziser erfassen und ihre Umsetzbarkeit für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erleichtern.
Wird auf den zweiten ein dritter Zukunftstag folgen?
Davon gehe ich aus, denn der Wandlungsprozess wird nicht irgendwann abgeschlossen sein. Für unsere Mitglieder und für alle anderen unabhängigen Buchhandlungen wird es immer wichtige aktuelle Themen geben, die auszuarbeiten im gemeinsamen Austausch sich lohnt. Mit Umbreit und der MDG macht es Spaß, daran zu arbeiten. Das UmbreitColleg ist ein hervorragender Rahmen für einen Zukunftstag.
Die Fragen stellte Christian von Zittwitz
Infos zum Zukunftstag auf www.lg-buch.de
Darauf hat Osiander-Gesellschafter Hermann-Arndt Riethmüller geantwortet [mehr…]