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Franziska Günther über die Arbeit an einem Vermächtnis

Zwei legendäre deutsche Kabarettisten: Dieter Hildebrandt, Erfinder des „Scheibenwischer“, der einflussreichste Kabarettist der Bundesrepublik, und Peter Ensikat, meistgespielter Bühnenautor in der DDR und Direktor der „Distel“, treffen sich im August 2012 zu einem Gespräch: Über Ost und West, Zensur, das Lächeln der anderen, gute Weine und welche Musik sie sich auf ihrer Beerdigung wünschen.

Das daraus entstandene Buch „Wie haben wir gelacht. Ansichten zweier Clowns“ (erschienen im Oktober 2013) ist, nachdem Peter Ensikat einundsiebzigjährig im März und Dieter Hildebrandt am 20. November 2013 mit 86 Jahren starb, zu ihrem Vermächtnis geworden – Anlass für unser heutiges Gespräch mit Franziska Günther, der Lektorin und Mitherausgeberin.

Was war das Konzept für dieses Buch?

bild(l, 32445)Franziska Günther: Als ich im Frühjahr 2012 mit Peter Ensikat die Idee besprach, ein gemeinsames Buch mit Dieter Hildebrandt über das „deutsch-deutsche“ Kabarett, über Zensur, politische Einflussnahme, die Unterschiede im Arbeiten, in den Reaktionen des Publikums zu machen, war nicht abzusehen, dass dieses Buch zum Vermächtnis dieser beiden großen Kabarettisten ebenso wie zum Dokument ihrer Jahrzehnte währenden Freundschaft werden würde.

Wie war die Arbeit mit den beiden?

Sehr schön, professionell und damit einfach: Peter Ensikat rief Dieter Hildebrandt an: „Wollen wir das machen?“ Und Dieter Hildebrandt: „Ach, muss das sein? Haben wir nicht alles schon gesagt?“

War denn nicht wirklich schon alles gesagt?

Sichtlich nicht, dieses erste Telefonat dauerte eine Stunde, es schien, dass noch nicht alles gesagt war. Unmittelbar danach rief mich Dieter Hildebrandt an und sagte: Ich hätte das nicht geglaubt, aber wir haben uns wirklich noch so viel zu erzählen, lassen Sie uns dieses Buch machen. Und in der Tat waren die beiden von nun an kaum zu bewegen, ihr Gespräch zu unterbrechen. Über Literatur, Film, Kabarett, gemeinsame Freunde, Politik, Wein, den Sommer an der Côte d’azur.

Woran erinnern Sie sich besonders?

Beim Fototermin im Verlag verzweifelte die Fotografin, weil beide unablässig plauderten. „Am Ende haben wir nur Fotos mit offenen Mündern“, klagte sie. Es fand sich dann aber doch ein sehr schönes, es ist heute auf dem Cover. Während der zwei Tage währenden Aufnahmen des Gespräches im August 2012 ergaben sich zahllose hochkomische, aber auch sehr bewegende Momente. Ich glaube, dadurch ist es uns gelungen, wirklich ein besonderes Buch zu machen: Da erzählten sich zwei sehr offen und vertrauensvoll ihr Leben, Höhepunkte, und ihre Abstürze.

Wenig später wurde Peter Ensikat doch schon krank…

Ja, Im Oktober erkrankte Peter Ensikat schwer. Buchstäblich noch auf dem Sterbebett arbeitete er an dem Text. Er wollte dieses Buch, das Dokument seiner kabarettistischen Arbeit, aber eben auch der Freundschaft zu Dieter Hildebrandt, die beiden sehr wichtig war, unbedingt fertigstellen.

Hat er die letzte Fassung noch gesehen?

Nein, nachdem er im März gestorben war, beendete sein Sohn David Ensikat die Arbeit. Mit Dieter Hildebrandt und mir, wenn es Zweifel an Textpassagen gab, besprach er mit uns, was er gemeint haben könnte. Er war gewissermaßen anwesend auch in dieser Phase der Arbeit. Dass dieses Buch nun ohne seine beiden Autoren in der Welt ist, ist erschütternd, aber ich weiß, wie wichtig es beiden war, dass es dieses Buch gibt. Ich bin bewegt, dass es uns gelungen ist, ihr Vermächtnis als heiteren Dialog über das Leben und als Zeugnis einer großen Freundschaft zu erhalten.

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