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Johann Kempe – welchen Wert haben die aktuellen IT-Trends für Buchhandel und Verlage wirklich?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Johann Kempe, den CIO der Holtzbrinck-Gruppe. Beim 1. IT-Gipfel der Akademie des Deutschen Buchhandels präsentierte er die Keynote.

Dr. Johann Kempe, geboren in München, startete als Leiter IT und ist nach einer Station als Berater bei Roland Berger und verschiedenen Positionen bei Holtzbrinck seit 2011 CIO und assoziiertes Board Member der Holtzbrinck Publishing Group.

Johann Kempe, mittelständische Unternehmen tun sich bekanntlich nicht leicht, ihren IT-Bedarf optimal zu decken. Zu teuer eingekaufte oder wenig geeignete Lösungen, Patchwork-Architekturen, Workarounds bestimmen oft das Bild. Woran liegt’s?

Dr. Johann Kempe

Johann Kempe: So generell würde ich das nicht sagen. Eine der Ursachen ist, dass der IT strategisch zu wenig Bedeutung beigemessen wird. Dies führt häufig dazu, dass die IT ressourcentechnisch nicht richtig aufgestellt ist, soll heißen: zu wenig IT Personal, nicht immer passendes IT Know How und zum Teil zu schmale Budgets. Digitalisierung ist maßgeblich Technologie-getrieben und betrifft alle Branchen. Dies führt dazu, dass die Bedeutung der IT in Zukunft rasant steigt und eine adäquate Berücksichtigung in der Unternehmensstrategie bedarf.

Ist es in Verlagen und Buchhandlungen besser?

Johann Kempe: In der Vergangenheit mag das ein Problem gewesen sein. Aber eine der Branchen, die sehr heftig von der digitalen Transformation betroffen ist, sind Verlage. Ich bin der festen Überzeugung dass inzwischen allen Verlagen bewusst ist, dass Technologie von erfolgsentscheidender Bedeutung ist und dass sie ihre IT-Strategien und –Systeme dahingehend überarbeiten.

Für welche Teile der Prozesskette ist IT-Unterstützung unabdingbar? Gibt es Systeme, die wirklich jeder Verlag, jede Buchhandlung unbedingt braucht?

Johann Kempe: Verlage brauchen entlang ihrer Wertschöpfungskette weiterhin passende und moderne IT-Systeme, die diese Prozesse unterstützen z.B. Buchhaltungs-, Honorar- und Contentmanagement-Systeme mit Multi-Channel- und Multi-Plattform-Möglichkeiten. Die Frage hier ist nicht so sehr das „Was“ sondern das „Wie“. Nicht jedes System muss selbst gebaut und/oder betrieben werden. Verlage können heute auf ein breites Angebot von IT-Dienstleistungen zugreifen. Email-, Buchhaltungs-, HR- und CRM-Systeme können heute aus der Cloud betrieben werden. Dadurch können Verlage ihren technologischen Footprint bei „Commodity“ IT Services reduzieren und ihre IT Systeme zugleich modernisieren.

… mit Footprint meinen Sie den Aufwand an personellen und finanziellen Ressourcen für Basisdienste der Infrastruktur…

Johann Kempe: Korrekt. Dies schafft Freiräume, um sich auf die wirklich wichtigen, wettbewerbsdifferenzierenden Technologie-Themen zu konzentrieren: innovative Contentlösungen, neue Formate, Datenanalyse und Visualisierung sowie neue digitale Produkte und Services.

In welche Richtung bewegen sich, allgemein betrachtet, die IT-Budgets der Buchbranche – seitwärts, aufwärts oder gar abwärts?

Johann Kempe: IT ist ein breiter Begriff mit einem großen, variantenreichen Spielfeld. IT reicht von Infrastrukturthemen (z.B. Desktops, Tablets, E-Mailsysteme, Netzwerke) über Business Systeme (z.B. Buchhaltungs- und ERP-Systeme) bis hin zu digitalen Systemen und Produkten (z.B. E-Learning-Systeme). Nun zu Ihrer Frage: Bei Infrastrukturthemen bewegen sich die Budgets tendenziell abwärts, bei Business-Systemen seitwärts und bei digitalen Systemen klar aufwärts.

Ein Problem mittelständischer IT-Entscheider ist es, dass Trends in immer schnelleren Zyklen angesagt werden. Immer mehr Zeit muss aufgewendet werden, um auf dem Laufenden zu bleiben, während die Beschaffungsbudgets nicht Schritt halten. Verweigern Sie sich den Hypes, oder haben Sie eine bessere Strategie, diese Informationsflut zu beherrschen? Was sind die Fragen, die Sie sich stellen, wenn ein neues Buzzword in die Überschriften kommt?

Johann Kempe: Hier ist technologische Sach- und Entscheidungskompetenz gefragt und daran sollte man nicht sparen, denn auf das falsche Hype-Thema zu wetten kann teuer werden. Den Betrieb vieler Systeme kann man „outsourcen“, aber Kompetenz und Expertise in Sachen IT gepaart mit dem notwendigen Business-Verständnis muss In-House besetzt sein.

Shared Services, also der Einkauf von Systemdienstleistungen, sollen die Nöte klammer IT-Beschaffer lindern. Spielen Shared Services in der Buchbranche eine relevante Rolle, und in welchen Prozessen?

Johann Kempe: Ja und sie sollten überall dort ernsthaft geprüft werden, wo wir über Commodity Services sprechen. Ein E-Mail-System oder ein Buchhaltungssystem muss man nicht selbst betreiben, und es bringt auch keine Wettbewerbsvorteile.

Cloudbasierte Lösungen und Dienste gelten als Hoffnungsträger, sowohl unter Funktionalitätsgesichtspunkten als auch unter dem Aspekt der Ersparnis. Wie viel ist da „dran“? Müssen Buchhandlungen und Verlage sich ernsthaft damit befassen?

Johann Kempe: Der Begriff Cloud wird zwar sehr inflationär benutzt, aber Cloud-Lösungen bieten, ähnlich wie Shared Service-Dienstleister, gerade für mittelständische Verlage die Möglichkeit, sich auf die wettbewerbsentscheidenden IT-Themen zu konzentrieren. Vorteil für Verlage: Keine großen Investments für die Einrichtung des Dienstes und Nutzung der Skaleneffekte des Cloud-Anbieters. Solche Vorteile könnten mittelständische Verlage alleine nur schwer realisieren.

Braucht jeder Verlag, jede Buchhandlung eine mobile Website oder gar eine App für jedes Handy-Betriebssystem?

Johann Kempe: Die mobile Nutzung des Internets ist inzwischen zum Standard geworden, und dieser Trend wird sich fortsetzen. Wenn Sie als Verlag diese mobile Kundschaft erreichen wollen, kommen Sie nicht umhin, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

Während der Smartphone-Anwender als flüchtig und knauserig gilt, gelten Tablets als Hoffnungsträger und sollen die Medienhäuser wieder annähernd zu den alten Wertschöpfungs-Höhen führen. Die legendäre Verneigung von Springer-Döpfner vor Apple-Jobs war für diese Hoffnung ein Symbol. Würden Sie vor Tim Cook in die Knie brechen?

Johann Kempe: Man muss respektvoll anerkennen, dass es Apple gelungen ist, das erste funktionierende digitale Ökosystem – Geräte plus Plattform zum Verkauf digitaler Güter – zu etablieren. Und Kunden sind bereit, für Apps und andere digitale Produkte zu bezahlen, anders als im Internet. Nun etablieren sich neben dem geschlossenen Apple-System auch andere zum Teil offene Öko-Systeme. Es bleibt spannend.

Über die Digitalisierung wird seit 15 Jahren so viel gesagt und geschrieben, dass vermutlich jeder seinen eigenen Film dazu im Kopf hat. Dabei gibt es Digitalisierung von Geschäftsprozessen, seit es Rechenmaschinen gibt. Was ist das Neue daran, und wer muss sich damit befassen?

Johann Kempe: Der technologische Fortschritt (Smart Devices mit Touchscreens, Spracherkennung, Gestensteuerung, exponentiell steigende Rechenleistung, Speicherkapazität, Geo-Tagging und und und) ist ein Quantensprung im Vergleich zu der Zeit vor zehn Jahren. Digitalisierung und die technologischen Grundlagen steckten damals in den Kinderschuhen und sind heute ausgereift und absolut praxistauglich. Dieser technologische Fortschritt betrifft uns alle und jedes Unternehmen.

Könnten Sie sich Verlage vorstellen, die komplett auf digitale Produkte verzichten und denen es trotzdem gut geht?

Johann Kempe: Wenn sie sich in einem Nischensegment wie z.B. Faksimiles bewegen, ja – ansonsten nur schwer. Ich könnte nicht verstehen, warum man nur aufgrund des Mediums auf andere Verwertungsmöglichkeiten verzichtet. Im Vordergrund steht doch immer noch die gute Geschichte und nicht das Format.

Braucht jeder Verlag und jeder Buchhändler ein CRM-System?

Johann Kempe: Nur die Produkte, die dem Kunden einen echten Mehrwert stiften, verkaufen sich langfristig erfolgreich. Ohne eine CRM-Strategie ist es schwierig, Kundenbedürfnisse systematisch auszuwerten.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Stammdaten und deren Qualitätssicherung sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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