
Gestern Nachmittag hatte das Zentrum Weltempfang auf der Buchmesse zu einer besonderen Veranstaltung eingeladen: Die brasilianische Autorin Patrícia Melo wurde für ihr Buch Leichendieb mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet.
Erstmals fand diese Feier nicht vor Messebeginn in der Christuskirche in Frankfurt statt, sondern am vorletzten Messetag direkt vor Ort in der Halle 5.
Anita Djafari, Geschäftsleiterin von litprom, der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika, begrüßte die Gäste und verwies darauf, dass litprom erstmals diesen Preis – es ist der insgesamt 26. LiBeraturpreis – vergibt.
Man wolle mit dem Preis „der Wahrnehmung hierzulande nachhelfen“. Die Welt habe sich seit 1987, als der LiBeraturpreis zum ersten Mal vergeben wurde, verändert. Dennoch gebe es auch heute noch zu wenige Frauen aus Afrika, Asien und Lateinamerika, deren Bücher auf der litprom-Bestenliste Weltempfänger erscheinen. „Der Frauenanteil liegt nach wie vor bei etwa 25 Prozent“, stellte Djafari fest.
Mit Unterstützung der Frankfurter Buchmesse kann heute neben der Urkunde ein Preisgeld von 3000 Euro übergeben werden. Djafari dankte dem Verlag Klett-Cotta und der Initiative LiBeraturpreis für ihr Engagement. „Die Organisation und Veranstaltung des LiBeraturpreises durch litprom ist eine freundliche Übernahme“, unterstrich sie.
Thomas Wörtche begann seine Laudatio mit der Feststellung: „Es ist eine Schande, dass Patrícia Melo erst jetzt den Preis erhält.“ Dann ging er auf das Buch Leichendieb, in diesem Jahr bei Klett-Cotta erschienen, ein. Es gehe dabei um einen, der im Laufe der Geschichte den Namen Porco (Schwein) erhält, einen selbstgefälligen Opportunisten, der auch noch straffrei durchkommt. Überhaupt hätten die Protagonisten in Patrícia Melos Romanen wenig Charme, es gebe „keine poetische Gerechtigkeit“. „Lügen und Betrügen kann als Basso continuo in Melos Büchern ausgemacht werden“, sagte Wörtche.
Patrícia Melos Bücher seien Kriminalliteratur und seien es nicht. Die Autorin selbst sage, sie schreibe keine Krimis. Vergleichend erinnerte Wörtche an Rubem Fonseca, auch er bezeichne seine Bücher nicht als Krimis. „Man könnte es urbane Literatur nennen“, versuchte Wörtche eine Zuordnung. Auf jeden Fall gehöre Leichendieb sowohl auf die Weltempfänger- also auch auf die Krimi-Bestenliste.
Nicht vergessen werden dürfe die kongeniale, und dieses arg strapazierte Wort sei hier angebracht, Übersetzung von Barbara Mesquita.
Bei einem anschließenden Gespräch zwischen Barbara Mesquita, Katharina Borchardt und Patrícia Melo erläuterte die Autorin, dass sie sehr soziale Themen in ihren Büchern behandle. Sie lebe halb in der Schweiz, halb in Brasilien. „Brasilien ist meine Realität“, sagte Melo. Die Schweiz erlaube ihr den Abstand bei der Arbeit und einen Blick von außen auf ihr Land.
Barbara Mesquita berichtete über ihre Tätigkeit als Übersetzerin. Mit Patrícia Melo sei das kein Problem, sie habe die Autorin in Brasilien besucht, sie kennengelernt und sei willkommen gewesen. „Ihre Bücher tragen einen, das ist nicht immer so“, bekannte Mesquita.
Patrícia Melo redete gestenreich und vehement. „Ich liebe meine Figuren, die Verrückten, die Psychopathen. Ich will den Leser mitnehmen, Mitgefühl macht die Erzählungen reeller“, sagte die diesjährige LiBeraturpreisträgerin.
JF






