
Juergen Boos
Heute Vormittag fand die traditionelle Pressekonferenz vor der Eröffnung der Buchmesse am heutigen späten Nachmittag statt. Im Podium hatten dazu Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, und Stephen M. Smith, CEO Wiley, Platz genommen.
Pressesprecherin Katja Böhne begrüßte die Gäste, darunter auch Renato Lasso, Präsident der Stiftung Brasilianische Nationalbibliothek Projektleiter des Organisations-Komitees Brasilien 2013.
Gottfried Honnefelder, der in diesem Jahr zum 40. Mal an der Frankfurter Buchmesse teilnimmt, findet über die Jahre die „Prozeduren ähnlich“. Alles stehe schon überall, die Zahlen seien bekannt. Deshalb wolle er über drei Themen sprechen:
1. Selbstbewusstsein
2. Tante Emma
3. Eine neue Kultur des Wissens
„Der stationäre Buchhandel entwickelt in Deutschland ein neues Selbstbewusstsein“, stellte Honnefelder fest. Im Vergleich zum Vorjahr sei beim stationären Sortiment, E-Commerce und den Warenhäusern ein Umsatzplus von insgesamt 0,8 Prozent zu beobachten. Allein der stationäre Buchhandel schaffte sogar ein Plus von 0,9 Prozent. Entgegen aller Prophezeiungen sei das eine ungewöhnliche Tendenz. „Es ist ein Zeichen, dem man nachgehen sollte“, freute sich der Vorsteher. Leider verschwänden nach wie vor Sortimenter, aber dieser Schwund gehe langsamer.
„Tante Emma war vor 50 Jahren das, was wir heute ‚Big Data’ nennen“, kam Honnefelder zum zweiten Thema. Anders als vor 50 Jahren fehle allerdings heute der „ordnende Geist“.
„Wir brauchen Wertschätzung und Schutz des Wissens beim Miteinander von analogen und digitalen Entwicklungen“, forderte Honnefelder zum dritten Punkt. Deshalb sei eine europäische Buchpolitik wichtig, denn „in Deutschland tut sich da nichts“, bemerkte er. Er warnte: „Geld würde den Geist dominieren, wenn die Großen alle Macht erhalten.“ Über einen stationären Buchhandel müsse man dann nicht mehr nachdenken.
Messedirektor Juergen Boos zählte ebenfalls schnell nach, für ihn sei es wohl die 30. Messeteilnahme in Frankfurt. Er habe allerdings das Gefühl, dass sich viel verändert hat in diesen Jahren – nicht nur die Brille, die er jetzt trage, sondern auch das Handy, mit dem jeder selbstverständlich umgeht, gehörten dazu. Mit dem Mobiltelefon hat sich die Kultur der Kommunikation verändert. Technologischen Standards prägten die Menschen, aber man müsse sie auch so verändern, dass sie den Menschen nutzten. Boos warnte vor den Oligopolen, die „Kundenbindungsmaschinen“ seien und die Wertschöpfungskette bis zum Endkunden beherrschten. „Neue Machtstrukturen sind entstanden, die Welt unterscheidet sich zwischen Kleinen und Großen, nicht mehr zwischen Sprachen“, stellte er fest. Apple, Amazon und Google seien „Logistikzauberer, aber keine Verleger“. Diesen Vorteil müsse die Branche für sich nutzen.
Wichtig sei – auch im Hinblick auf den Ehrengast Brasilien – dass allen der Zugang zu Kultur und Bildung ermöglicht werde.
Eine weitere Frage, die auf der Buchmesse sicher viel diskutiert werde, sei, wie internationale Verlage mit den neuen Bedingungen umgehen. Ein Gründergeist sei dabei spürbar. Seit zehn Jahren wachse das Rechte-Zentrum, auch hier gehe es darum, das neue Lesen mitzugestalten und neue Standards zu entwickeln.
„Es ist meine 25. Messeteilnahme“, komplettierte Stephen M. Smith die Auflistung. Auf den Ehrengast eingehend, kündigte er Brasilien eine bedeutende Entwicklung in den nächsten Jahren an.
Insgesamt gehe es darum, unter den neuen Bedingungen neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, die in erster Linie den Endkunden gerecht werden. „Wir wollen das Beste von Wiley nach Brasilien und das Beste aus Brasilien in die Welt bringen“, fasste Smith zusammen.
Auf den angekündigten Messebesuch des EU-Binnenkommissars Michel Barnier angesprochen, äußerte sich Juergen Boos zum Nachbarland Frankreich und dessen Politik bezüglich des Kulturgutes Buch: „Wir schätzen Frankreich und können davon lernen.“ Es gebe viele gemeinsame Positionen.
Ob zur Messe-Eröffnung ein Appell zum Thema streikende Lehrer in Brasilien übergeben werde, lautete eine andere Frage ans Podium. Davon wisse man nichts, auch Renato Lasso kannte dieses Ansinnen nicht.
„Was ist eigentlich aus dem Lesegerät, das der Börsenverein vor zwei Jahren angeboten hat, geworden?“, fragte ein Journalist. „Wenig“, antwortete Gottfried Honnefelder. Es bedürfe großer Anstrengungen, um Kindle und Co. entgegenzutreten. Das habe man wohl etwas unterschätzt.
JF