Jochen Grieving und David Mesche Buchhändler mit Leib und Seele aus Dortmund und Berlin, leben Multi-Channel und versuchen die Welten von E-Commerce und Buchhandel zu versöhnen. In der Verknüpfung Online und Offline haben sie weitreichende Erfahrungen gesammelt: transfer. bücher und medien war im vergangenen Jahr einer der Gewinner im Wettbewerb „Buchhandlung des Jahres“, und die BUCHBOX! hat schon im Juli 2010 die vierte Kiez-Buchhandlung in Berlin eröffnet.
Die großen Filialisten sind zurzeit „auf dem Rückzug“– dies bietet Chancen für das unabhängige Sortiment. Im E-Commerce sieht es allerdings anders aus: Amazon & Co. scheinen immer weiter zu wachsen. Wo sehen Sie Ihre Position im (Online-)Buchhandelsmarkt?


David Mesche: Für uns sind drei Dinge enorm wichtig: eine enge Kundenbindung, lebendige, persönliche Kommunikation und natürlich die Konzentration auf unser Kerngeschäft, die kompetente Beratung unserer Kunden.
Jochen Grieving: Das lokale Geschäft und seine lokale Vernetzung muss für uns in seiner Individualität auch im Virtuellen dargestellt sein und dort in gleicher Weise Information, Kommunikation und Vertrieb bereitstellen.
Hört sich an, als hätten Sie einen konkreten Plan?
David Mesche: Den brauchen wir als Buchhändler auch dringend in diesen Zeiten schnellen Wandels. Selbstverständlich ist das Thema E-Commerce fester Bestandteil unseres Marketings. Das bedeutet, wir benötigen einen starken Online-Auftritt, der die Individualität unserer Buchhandlung – z.B. Veranstaltungen oder Empfehlungen von Mitarbeitern – perfekt abbildet.
Jochen Grieving: Die Bereitstellung von Zusatzcontent und Content aus lokalen Aktionen, sowie deren Darstellung, sind fester Teil unseres Konzeptes. Das muss auch über das Web funktionieren.
Sie haben Ihren Internetauftritt komplett überarbeitet. Was war der Grund?
David Mesche: Wie gesagt – die Zeiten ändern sich rasant, besonders im Online-Bereich. Wer von den Veränderungen profitieren will, muss die Standards und Serviceleistungen der „Großen“ ebenso virtuos beherrschen wie die Talente einer inhabergeführten Kiezbuchhandlung.
Jochen Grieving: Wir haben unseren Internetauftritt in erster Linie „nur“ verbessert und auf die neue Plattform migriert, weil diese uns einen integrierten E-Commerce mit Anschluss an die Warenwirtschaft ohne technische Kompromisse bot. Die Lösung, die wir bis dahin eingebunden hatten, hatte einfach keine Qualität und war nicht zuverlässig. Außerdem arbeiten wir oft auch projektbezogen mit Partnern zusammen. Denen müssen Sie adäquate Plattformen zur Verfügung stellen, damit die Sache Sinn macht.
Was sind das für Standards und Services?
David Mesche: Zum Beispiel eine funktionierende, schnelle und smarte Suche im Shop, die Kombination redaktioneller Beiträge oder Empfehlungen mit konkreten Produkten; vor allem aber, dass sich der Einkauf über unsere Webseite möglichst einfach gestaltet. Also alles das, was man auch von der „realen“ Buchhandlung erwartet. Nicht zu vergessen, dass unsere Seite auch auf mobilen Geräten gut aussieht, der Anteil der Smartphone- und Tablet-Nutzer steigt schließlich permanent.
Jochen Grieving: Grundsätzlich lässt sich alles realisieren, was in einem interaktiven Multi-Channeling wichtig ist. Social Media Widgets, optionale Vertriebs- und Kommunikationskanäle, Personalisierung, Auswertungen, Anbindung an die Warenwirtschaft, offene Katalogschnittstellen, etc. Hier ist auch der Buchhändler gefordert, seine Wünsche zu äußern und bei der Konzeptualisierung mitzumachen.
Das ist nachvollziehbar, aber sind solche Systeme nicht auch mit hohen Investitionen verbunden?
David Mesche: Natürlich bekomme ich einen perfekten Internetauftritt mit Shop nicht für den gleichen Preis wie z.B. die einfachen White-Label-Lösungen der Barsortimente. Aber das ist auch nicht unser Ansatz: die Website ist im Investitionsplan der Buchhandlung ein fester Posten und soll ein einzigartiges Aushängeschild sein. Dafür verzichte ich auf teure Mailings und Anzeigen – Dinge, die für unser Marketing keine Rolle mehr spielen. Dennoch bleibt festzuhalten: am Ende war es günstiger als erwartet. Wir haben uns für ein freies System auf Basis von „buchhandelsweb“ aus dem Hause der SoftLevel Communication GmbH entschieden. Dort hat man lange Erfahrungen im Buchhandel gesammelt und gemeinsam eine finanzierbare Lösung erarbeitet. Der Geschäftsführer Alexander Walther ist selbst Inhaber zweier Buchhandlungen und konnte unsere Möglichkeiten daher sehr gut einschätzen.
Jochen Grieving: Für uns ist es aber auch wichtig, verständnisvolle und leistungsfähige Partner zu haben, mit denen sich strategische Maßnahmen relativ unkompliziert umsetzen lassen und die in der Diskussion solcher Ziele schon im Vorfeld gerne konstruktive Gesprächspartner sind. Vorausgesetzt natürlich, dass der Buchhändler es auch für wichtig hält, über Strategie und Positionierung nachzudenken. In Richtung Verband nach Lösungen nach dem Motto „Macht, dass alles gut wird“ zu schauen, ist nicht nur hier keine Lösung mehr.
Aber damit ist es nicht getan, eine solche Website braucht auch eine Menge Zeit, um aktuell gehalten zu werden. Wie schaffen Sie das überhaupt?
David Mesche: Dass man die Webseite nicht einmal einrichtet und dann nie mehr etwas daran machen muss, ist wohl allen klar. Die Seite lebt genau wie unsere Buchhandlung von Aktionen – unsere vielfältigen Aktivitäten müssen wir auch online transportieren. Viele Dinge verwerten wir mehrfach: als Aktionen in der Buchhandlung, in der lokalen Presse und natürlich im Internet. Das spart sogar Zeit. Plant man sich kontinuierlich eine feste Zeit im normalen Tagesgeschäft ein, ist der Aufwand überschaubar. Wir erneuern unsere Startseite z.B. jeden Montag, um bei jedem Besuch ein neues Erlebnis zu ermöglichen. Eine wichtige Rolle spielt natürlich die verwendete Technik: sie muss es den Buchhändlern einfach machen, mit ihr zu arbeiten. Unser System ist äußerst praxisnah entstanden – das merken wir auch. Viele Dinge sind schnell und komfortabel zu lösen, dabei buchhändlerische Anforderungen berücksichtigend. Zum Beispiel haben wir eine „kleine“ Bibliographie, um eigene Rezensionen einzustellen, der Versand an den Kunden über UmbreitDirekt geht mit wenigen Mausklicks; kurzum: vieles ist einfach gut durchdacht und bereitet uns deshalb viel Freude.
Jochen Grieving: Wichtig ist auch, sich über Arbeitsprozesse Gedanken zu machen. Die „Content“-Leistung beginnt beim Buchhändler im Tagesgeschäft. Wie hole ich eine solche Leistung im Tagesgeschäft ab, wer macht den Text, sorgt sich um Zusatz-Content wie Fotos, Rezensionen etc. Das sind alles Fragen, die dazu gehören.
Aber ist das auch übertragbar auf andere inhabergeführte Buchhandlungen?
David Mesche: Unbedingt! Wir finden, jede Buchhandlung muss sich heute auch online positionieren, um im Wettbewerb zu bestehen. Unsere Branche hat sich verändert und wird dies auch weiter tun. An Themen wie E-Books, E-Commerce und seit geraumer Zeit auch M-Commerce kommt niemand mehr vorbei. Und es genügt nicht, nur „mitzumachen“. Man muss, wie man so schön sagt, die ganze Klaviatur beherrschen, dann hat man auch als inhabergeführte Buchhandlung eine sehr gute Chance.
Natürlich müssen die richtigen Wege eingeschlagen werden. Ich muss prüfen, wo meine eigenen Stärken liegen und wer mir hilft, diese optimal im Wettbewerb herauszustellen.
Jochen Grieving: Man kann ja mit dem buchhandelsweb starten und erhält so schon mal eine Menge Leistung zum kleinen Preis. Wenn man „warmgeworden“ ist, kann man schrittweise in die Individualisierung und Erweiterung gehen. Hierbei ist die SoftLevel Communication ein absolut adäquater Partner (auch auf der Kostenseite). Für uns ist es dabei wichtig und hilfreich gewesen, die Buchhandlung von vorneherein in einem entsprechenden medialen und kommunikativen Kontext aufzustellen und zu begreifen und hier auch unsere Individualität zu finden.
Konkret sind das welche Partner?
David Mesche: In erster Linie die LG-Buch, das Barsortiment Umbreit und natürlich die SoftLevel Communication als technischer Anbieter. Deren Produkte und Leistungen ergänzt mit den Angeboten des Börsenvereins – für uns momentan die beste Lösung.
Jochen Grieving: Wir sind nicht Mitglied der LG-Buch, arbeiten aber seit unserer Gründung 2011 mit Umbreit und SoftLevel zusammen und haben echte konstruktive Partnerschaft erlebt. Neben dem Umbreit-Katalog haben wir noch das VLB eingebunden.
Und nun haben Sie alles erreicht oder gibt es schon wieder neue Zukunftspläne?
Jochen Grieving: Unser nächstes Ziel ist die konsequente Personalisierung der Webseite und der Ausbau der eigenverlegerischen Tätigkeit unter Rückgriff auf die für uns jetzt neuen Möglichkeiten der Einbindung der Warenwirtschaft und eigener digitaler Auslieferung. Langfristig wollen wir intensiv den Bereich Crossmedia einbeziehen und werden uns daher sowohl für den lokalen als auch den virtuellen Darstellungsraum mit den Möglichkeiten der AR…
… der Augmented Reality, also der computergestützten Erweiterung der Wahrnehmung…
Jochen Grieving: … und der Intermedialität beschäftigen.
David Mesche: Stillstand gibt es bei uns nicht. Natürlich denken wir auch an die Zukunft: aktuell steht das Thema Apps sowie E-Reader ganz oben auf unserer Agenda. Unsere Kunden fragen immer häufiger danach.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Stammdaten und deren Qualitätssicherung sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.