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Peter Haag: Kein & Aber verschleudert seinen Stand, und was kommt danach?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Peter Haag, Verleger des Kein & Aber Verlags, der seinen Messestand zum Kauf anbietet.

Peter Haag, geboren 1960 in Zürich, ist gelernter Buchhändler und seit 16 Jahren Verleger aus Leidenschaft.

Peter Haag, war es das für Sie mit der Frankfurter Buchmesse?

Peter Haag
© Konrad Rufus Müller

Peter Haag: Nein, selbstverständlich nicht. Aber ich bin überzeugt, dass die Frankfurter Buchmesse sich ganz entscheidend verändern sollte. So wie sie sich jetzt präsentiert, wird es meiner Ansicht nach nicht weitergehen können. Das scheint mir zu sehr ein Ausstellungskonzept der Vergangenheit zu sein.

Ihr Stand ist zugegeben wunderschön – aber ist er für einen Verlag Ihrer Größe nicht überdimensioniert?

Peter Haag: Wie kommen Sie darauf? Der hat doch genau die Größe, die ein Verlag wie unserer braucht. Wenn man auf eine Messe geht und sich präsentiert, dann muss man das ernst nehmen. Das ist der Professionalität geschuldet…

… die Sie in Frankfurt vermissen.

Peter Haag: Ich bin der Meinung, dass Handelsmessen, wie man sie früher konzipierte, nicht mehr funktionieren. Kein Buchhändler kommt heute noch, um dort noch Aufträge zu vergeben. Eine Buchmesse ist heute vielmehr eine Marketingveranstaltung als Handelsplatz. Wir stellen Verlagsmarke, Autoren und Bücher dar. Deswegen ist die Verteilung, drei Tage für Fachbesucher und zwei Tage fürs Publikum zugänglich zu sein, auch falsch. Ich möchte einen Stand für Leser machen. Die Frankfurter Buchmesse ist ein Publikumsmagnet, sie weckt sehr viel Interesse für unsere Arbeit und Produkte. Wir brauchen doch keine acht Hallen, bloß um ein paar Lizenzgeschäfte abzuschließen. Und wir brauchen auch keine drei Tage Branchenklausur, um danach, am Wochenende, in Schulklassen voller Manga-Gestalten zu verschwinden.

Warum sollte dazu Ihr Messestand nicht mehr passen?

Peter Haag: Ich darf behaupten, dass wir einen der schönsten Stände der Buchmesse haben, er wurde auf den letzten Messen andauernd fotografiert, Besucher fragten scherzhaft, ob sie in unseren Stand – der wie ein Wohnzimmer mit Bibliothek aussieht – einziehen dürften. Jetzt trennen wir uns dennoch von diesem Stand – zugunsten einer radikalen Neukonzeption. Der neue Stand wird „digitaler“ werden.

Was bedeutet das konkret?

Peter Haag: Buchinhalte zu präsentieren, wird im elektronischen Zeitalter komplizierter. Es ist nicht damit getan, dass Sie ein iPad oder einen Computer hinstellen. Wir handeln mit Inhalten, und die wollen wir mit innovativen Mitteln darstellen. Der neue Stand soll nicht nur von der Ausstellung gedruckter Büchern leben. Wir sind daran, mit neuer Technik den ganzen Stand virtueller zu gestalten, quasi zu entmaterialisieren. In dieser Hinsicht wird sich sicherlich in der gesamten Branche etwas verändern. Die Frankfurter Buchmesse muss Abstand nehmen von der Nabelschau und sich stärker dem Publikum zuwenden. Das ist unser Ziel. Das Publikum muss einen besseren, direkteren Zugang zur Welt der Verlage bekommen.

Wie viel kostet die Herstellung eines Standes Ihrer Größe?

Peter Haag: Die Frankfurter Buchmesse ist sehr teuer, umso mehr fühlen wir uns verpflichtet, sie als Marketinginstrument fürs Publikum zu nutzen. Dieser Stand, den wir jetzt zum letzten Mal aufbauen, ist vor allem aus guten Ideen entstanden und viel weniger teuer gewesen, als man denkt.

Ist die günstige Platzierung in Halle 3.0 B 105 im Deal inbegriffen?

Peter Haag: Selbstverständlich nicht, den angestammten Ort und die Größe des Standes wollen wir natürlich beibehalten.

Wie viele Interessenten haben Sie bereits?

Peter Haag: Es haben sich verschiedene Interessenten, nicht nur aus der Branche, gemeldet. Konkret wird es aber erst auf der Messe werden. Wir werden den Verkauf spielerisch und lustvoll vorantreiben.

Bekommt die Branchenöffentlichkeit bald eine konkrete Vorstellung von Kein & Abers „digitalem Stand“?

Peter Haag: Wir haben eine konkrete Idee, da aber recht viel Technik mit dieser Idee verbunden ist, müssen wir erst einmal sorgfältig die Details erarbeiten, bevor wir etwas davon preisgeben.

Wie erfolgreich ist Kein & Aber digital, und mit welchen Händlern?

Peter Haag: Wir sind so erfolgreich, wie das der Markt zur Zeit zulässt. Die Umsatzanteile der E-Books sind bekannt. Die Plattformen, auf denen wir verkaufen, sind die üblichen. Wir dürften eher ein bisschen vorn liegen. Entscheidend anders ist bei Kein & Aber, dass Sie, wenn Sie ein Hardcover kaufen, einen Gratisdownload des Buchs dazu bekommen. Die Leser schätzen das sehr. Wir bemerken einen großen Rücklauf, und wir beobachten, dass sehr viele Leser beides nutzen, also digital und gedruckt lesen. Beide Kreise bewegen sich enorm aufeinander zu, das entspricht wohl dem modernen Alltag. Das kommt auch den Buchhändlern entgegen.

Werden Sie auf der Leipziger Buchmesse als Lesermesse weiterhin einen „Offline“-Stand betreiben?

Peter Haag: Das weiß ich noch nicht. Da sind wir ja in den Schweizer Stand integriert. Frankfurt ist unsere Hauptmesse, Leipzig unser „Seitenwagen“. Wenn unser Standkonzept in Frankfurt funktioniert, werden wir sicherlich überlegen, was wir davon ins Konzept für Leipzig übernehmen können.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Stammdaten und deren Qualitätssicherung sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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