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Paulus Böhmer und Ricarda Junge ausgezeichnet

Paulus Böhmer und Ricarda Junge

Gestern fand im Theater Willy Praml in Frankfurt die Verleihung des Robert Gernhardt Preises 2013 statt. Geehrt wurden Ricarda Junge und Paulus Böhmer.

Die mit insgesamt 24.000 Euro dotierte Auszeichnung wird von der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen gestiftet und wurde zum fünften Mal vergeben.

„Es freut mich, dass diese Veranstaltung zum zweiten Mal in unserer Naxoshalle stattfindet“, begrüßte Theater-Leiter Willy Praml die zahlreichen Gäste. Die Halle ist eine historische Arbeitsstätte, in der früher Schleifmittel produziert wurden und heute an Texten gefeilt werde.

„Der Robert Gernhardt Preis ist etwas Besonderes, denn die Autoren werden für ein Vorhaben prämiert“, sagte Ingmar Jung, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Die Jury bewerte die Texte in einer Art „Blindverkostung“, zog Jung Parallelen zum Weinbau – er kommt aus einer Winzerfamilie. Den Juroren – Eva Demski, Karl-Heinz Götze, Christoph Schröder sowie je ein Vertreter der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen, des Hessischen Literaturforums im Mousonturm und des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst – liegen nur Texte vor, die Autoren sind ihnen nicht bekannt.

Dr. Michael Reckhardt von der Wirtschafts- und Infrastrukturbank bekräftige unter Beifall, dass seine Bank diesen Preis auch in den nächsten Jahren verleihen werde. Die Auszeichnung ehre den Namensgeber in besonderem Maße. „Der Preis ermöglicht die Fortsetzung eines Werkes ohne Blick auf die Niederungen des monetär Notwendigen“, formulierte Reckhardt. Die Bank mache damit deutlich, dass sie nicht nur für Hessens Wirtschaft, sondern auch für die Kultur Verantwortung trage. Beispielhaft nannte er Andreas Maier, der 2009 den ersten Robert Gernhardt Preis für sein Romanprojekt Ortsumgehung erhalten hat. Es ist ein aus elf Büchern bestehender Romanzyklus, die Bände Das Zimmer (2010) und Das Haus (2011) sind erschienen, an Die Straße arbeitet der Autor gegenwärtig. „Das ist auch ein Beispiel für Nachhaltigkeit“, unterstrich Michael Reckhardt.

Laudator Christoph Schröder ging zunächst auf das Œuvre Paulus Böhmers ein: „So viel Welt wie bei Paulus Böhmer findet man selten in einem Werk“, sagte er. Böhmers Dichtung sei eine Wiederauferstehung aus den Trümmern und dem Kahlschlag der Poesie. Das Projekt Zum Wasser will / alles / Wasser will weg erstreckt sich über die drei fiktiven Lebensphasen eines Menschen. Wasser spiele dabei die zentrale Rolle, ist Triebkraft in Böhmers Werk. Die Gedichte seien nie affektiv entstanden, sondern „wohlgebaute Rhizome“. Sie machten Angst in einer deutschen Tradition, die auf Kürze angelegt sei. Doch „Böhmers Verse sind wunderschön“, ohne Fluchtinseln zum Ausruhen im Strom der Sprache anzubieten.

„Ricarda Junge ist kein allzu seltener, aber tragischer Fall: Wir haben sie an die Hauptstadt verloren“, ging Schröder auf die Preisträgerin ein. Er würdigte Junges Doppelbödigkeit beim Erzählen, das Hin- und Herspringen zwischen einem Jetzt und einem fernen Anderswo. „Ihre Bücher sind von großer erzählerischen Kraft“, sagte Schröder. Oft spielten die Ängste junger Frauen vor Überforderung eine Rolle. In ihrem Projekt Die letzten warmen Tage verbinde sie Ost und West, Kindheit und Adoleszenz.
„Der Jury war es eine große Freude, nach Auswahl der Siegertexte zu erkennen, wer sie geschrieben hat“, verriet Schröder.

Beide Autoren verbindet nicht nur das Rauchen und die Liebe zu Katzen – sie haben viel mit dem Hessischen Literaturforum zu tun. Paulus Böhmer gehörte zu dessen Gründern, leitete das Hessische Literaturbüro von 1985 bis 2001. Ricarda Junge konnte bereits im Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen zwei Preise erringen. Beide engagieren sich weiterhin im Hessischen Literaturforum.

Die Preisträger bedankten sich anschließend für die Auszeichnung.

Auch in diesem Jahr konnten die Besucher der Veranstaltung die fertiggestellten und signierten Bücher der Preisträger 2011, Träumer und Sünder von Matthias Göritz und Viecher in Versen von Thomas Gsella – die Illustrationen kommen von Greser & Lenz – mit nach Hause nehmen.

JF

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