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Marcel Beyer nimmt Abschied/Amtsantritt von Angelika Klüssendorf

Marcel Beyer übergibt den Schlüssel
an Angelika Klüssendorf

Traditionell begrüßt der Ortsvorsteher von Frankfurt Bergen-Enkheim zum Stadtschreiberfest die Gäste im großen Zelt. Das war gestern Abend zum 40. Amtsantritt des neuen Stadtschreibers nicht anders.

Renate Müller-Friese konnte unter den zahlreichen Anwesenden auch die ehemaligen Stadtschreiber Peter Weber und Thomas Rosenlöcher willkommen heißen. Außerdem wies die Ortsvorsteherin auf das besondere Programm im Jubiläumsjahr hin [mehr…]

Im Hintergrund der Bühne lief auf einer Leinwand eine Bilddokumentation über 40 Jahre Stadtschreiberei. „Die Idee von Franz Joseph Schneider, das erste Stadtschreiberamt 1974 ins Leben zu rufen, war ein Glücksfall und ist ein Erfolgsmodell“, bemerkte Müller-Friese. Viele der mit diesem Literaturpreis Ausgezeichneten, der mit keinerlei Verpflichtungen verbunden ist, haben die Herzen der Bevölkerung von Bergen-Enkheim erobert. Zwar mussten sich die Einwohner in den ersten Jahren an die temporären Neubürger gewöhnen, aber mit ihnen hielt auch die Literatur verstärkt Einzug im Stadtteil.

Das Grußwort der Stadt Frankfurt überbrachte Bürgermeister Olaf Cunitz. „Ich bin schwer beeindruckt von der Atmosphäre im Festzelt“, bekannte er. Cunitz regte an, künftig Bücher, die im Stadtschreiberhaus mit entstanden sind, mit dem Vermerk „Gefördert von den Bergen-Enkheimer Bürgern“ zu versehen.

Der Schweizer Jean Ziegler, einer der bekanntesten Globalisierungskritiker und ehemaliger Sonderberichterstatter der UN für das Recht auf Nahrung, sprach über sein Buch Wir lassen sie verhungern, im September 2012 auf Deutsch bei C. Bertelsmann erschienen. „Das Thema passt eigentlich nicht zu Frankfurt, aber jetzt bin ich hier, und ich werde darüber reden“, verkündete Ziegler. Das in der UN-Charta verankerte Menschenrecht auf Nahrung (Artikel 25) werde am brutalsten verletzt. „Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind“, verdeutlichte Ziegler. Andererseits könnte die Weltnahrungswirtschaft weit mehr als die bisher über sieben Milliarden Menschen auf der Erde ernähren. „Jedes Kind, das jetzt stirbt, wird also ermordet“, resümierte der Wissenschaftler. Es sei heute zwar gelungen, den objektiven Mangel an Nahrungsmitteln zu beseitigen. Doch nicht für alle seien Lebensmittel erreichbar. „Hunger ist bei weitem die häufigste Todesursache“, stellte Ziegler fest. Dabei sei der Hungertod ganz und gar kein „friedliches Verlöschen“, sondern „eine der schlimmsten Todesarten“.

Die Ursachen für den Hunger seien komplex. Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung lebe in ländlichen, die andere Hälfte in urbanen Regionen. Zunehmend wende sich die globale Agrarindustrie gegen die einheimische Landwirtschaft besonders in Afrika und Asien. Das „Land Grabbing“ sei eine besonders infame Methode der Landnahme zugunsten von Hedgefonds. „Die Geldsäcke von Zürich sind dabei besonders begabt“, fügte Ziegler hinzu.

Er wandte sich entschieden gegen Börsenspekulationen auf Grundnahrungsmittel, die zu astronomischen Profiten führten. Ziegler kritisierte außerdem die Produktion von Agrartreibstoffen als „ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, nannte die derzeitige Weltordnung „kannibalisch“. Auf Deutschland bezogen stellte er fest: „Es ist absurd, dass im Wahlkampf keiner über den Welthunger spricht. In Demokratien sollte darüber geredet und etwas verändert werden.“ Weiter sagte Ziegler: „Der Aufstand des Gewissens ist notwendig.“ Der Festredner schloss mit einem Zitat aus Canto General von Pablo Neruda: „Sie, unsere Feinde, können alle Blumen abschneiden. Aber sie haben keine Herrschaft über den Frühling.“

Marcel Beyer kleidete seine Abschiedsrede in eine Anfrage an POTUS (President of the United States) und bat diesen in Zusammenhang mit der Heimatschutzbehörde um Hilfe bei der Aufarbeitung seines Aufenthalts in Bergen. Ein kurzweiliger, amüsanter und zugleich satirischer Vortrag mit vielen Seitenhieben auf die allgegenwärtige NSA, in dem auch eine Menge über die Gewohnheiten des 39. Stadtschreibers von Bergen zu erfahren war.

„Eskimos verschenken als Dankeschön die noch warme Leber der Wale. Und ich?“, fragte die nun amtierende Stadtschreiberin Angelika Klüssendorf nach der symbolischen Übergabe des Schlüssels zum Stadtschreiberhaus. Sie erzählte von ihrem Vater, dem sie es zu verdanken habe, dass sie Schriftstellerin geworden sei. Er habe viele Geschichten zum Besten gegeben, sich damit immer wieder aus misslichen Lagen befreien können.
Abschließend dankte sie Wolfgang Koeppen, dem ersten Stadtschreiber: Sie lese nicht nur gerne seine Werke, sie verwende auch seine Lottozahlen. Das habe ihr immerhin schon einen Dreier eingebracht.

Lange Schlangen bildeten sich nach dem offiziellen Teil des Festes sowohl vor dem Büchertisch der Berger Bücherstube als auch vor dem Signiertisch – ein gelungener Auftakt des Stadtschreiberjubiläums.

JF

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