Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche heute an Dr. Stephanie Mair-Huydts: Er fragt die MairDumont Verlegerin „Haben Reiseführer wirklich eine Zukunft?“
Der Hintergrund für diese heutige Frage: Ein Workshop mit Studenten zum Thema: „Welche Medien werden vor der Reise genutzt, welche sind im Gepäck?“ war zum Ergebnis gekommen, dass Print-Reiseführer die am meisten genutzten Medien für junge Leute auf der Reise sind [mehr…].
Frau Dr. Mair-Huydts, digitale Karten machen die gedruckten Karten doch eigentlich obsolet… Kann man überhaupt noch Karten verkaufen?

Dr. Stephanie Mair-Huydts: Aber ja, wir verkaufen noch viele Millionen Karten jedes Jahr.
Aber das Segment Kartografie hat abgenommen, oder?
Ja, es stimmt zwar, dass das Segment der Kartografie in den letzten Jahren abgenommen hat. Hier muss man jedoch etwas genauer hinschauen: Der Absatz von Stadtplänen hat in den letzten Jahren abgenommen und auch der Absatz von Atlanten…
… das schreit nach einem „aber“…
Genau! Und zwar ist der Bereich der Karten (z.B. eine Frankreich Karte, Toskana Karte) – und dieser Anteil macht 70 Prozent des Kartografieabsatzes aus – auf extrem stabilen Kurs. Es werden laut media control heute genau so viele Karten wie vor 10 Jahren verkauft – und dies trotz des Booms der Navigationsgeräte.
Können Sie sich das erklären?
Weil wir alle doch eine Orientierung brauchen, die das Navi nicht bietet. Klar, das Gerät führt mich gut von A nach B. Aber es gibt viele Fälle, bei denen ich vor Antritt einer Fahrt gern einmal in Ruhe einen Überblick haben will. Das gilt ganz besonders im Urlaub. Wenn ich zum Beispiel in der Toskana unterwegs bin, will ich gerade nicht nur von A nach B. Hier möchte ich mir weder den schnellsten, noch den kürzesten Weg raussuchen, sondern den schönsten. Dies kann nur eine Karte. Nur mit einer Karte behält man die Orientierung.
Das muss an den Skeptikern im Handel vielleicht immer wieder und wieder sagen…
Deswegen haben wir ja auch die oben angeführten Workshop-Ergebnisse publiziert. Aber tatsächlich möchte ich manche Händler aufrütteln, weil sie manchmal gute Umsatzpotentiale vergeben. Da nach GfK-Analyse erwiesen ist, dass die Kunden sich beim Kauf von Reiseführern und Karten durch „Umschauen im Geschäft“ orientieren, ist es wichtig, dass gerade auch Karten attraktiv platziert werden und nicht in Kartenschubladen verschwinden.
Die Reiseabteilung ist also noch nicht vom Aussterben bedroht?
Das Gegenteil ist der Fall: Kein Segment im Buchhandel ist so stabil wie das Reisesegment. Der Reiseführermarkt ist seit 2002 kontinuierlich gewachsen, jedes Jahr von neuem, und ist heute 25 Prozent größer als noch vor 10 Jahren. Gerade auch dieses Jahr erfreut sich dieser Markt eines Wachstums von 8,5 Prozent lt. media control 1-7/2013 im Vergleich zum Vorjahr.
Und das trotz Internet und Smartphone-Apps?
Ja, trotz aller neuen Möglichkeiten wurden diese Steigerungsraten erreicht. Es gibt dafür eine gute Begründung: Laut GfK hat insgesamt das Informationsbedürfnis der Bürger zugenommen. So ist der Konsum des Internets, aber auch der von Büchern gestiegen. Je mehr ein Kunde im Internet unterwegs ist, um so mehr liest er auch. D.h. die Medien substituieren sich nicht gegenseitig, sondern ergänzen sich. Diese Entwicklung ist übrigens bei jeder Medien-Innovation so gewesen. Jedes Mal wurden teilweise Horrorszenarien gemalt, aber weder das Radio noch das Fernsehen hat die Printwelt ersetzt. Im Gegenteil, nichts ist attraktiver, als wenn ein Thema im Radio oder im Fernsehen besprochen wird und es dazu ein passendes Buch gibt.
Das Zauberwort lautet „Multichannelling“ – auch bei Ihnen?
Wir verfolgen diese Parallelität der Medien aktiv. Seit über 10 Jahren stehen die Inhalte von Marco Polo im Internet. An dem steigenden Absatz von gedruckten Marco Polo Reiseführern hat dies nichts verändert.
Was ist denn die Maxime für Ihre Planungen?
Wichtig für uns ist, dass der Kunde zu jedem Zeitpunkt die Information so dargestellt bekommt, wie er es in seiner Situation braucht: vor der Reise bei der Buchung im Netz, während der Reise als Print, und nach der Reise in sozialen Netzwerken oder als Bildband zur Reiseerinnerung. Entscheidend für uns ist, dass ein Markenversprechen eingelöst wird. So verstärkt jedes Medium und jeder Kontakt die Marke und ist dadurch Werbung für das jeweils andere Medium. Das waren auch die zwei wichtigsten Erkenntnisse des Workshops, dass sich die Studenten natürlich vor der Reise alle im Netz informierten, aber – und das ist die erfreuliche Nachricht – 13 von 16 Studenten auf der Reise trotzdem mit einem Print-Reiseführer unterwegs waren. Denn jedes Medium hat seine Vorteile. Und die Vorteile des Reiseführers können von keinem anderen Medium geschlagen werden.
Das wäre jetzt der Raum für den MairDumont-Werbeblock…
… eine leichte Übung: Die Vorteile des Reiseführers hat unser Workshop auch noch einmal herausgearbeitet: Ein Führer ist ständig verfügbar ohne Aufladen und ohne Zusatzkosten von Roaminggebühren, er ist leicht auch bei Sonnenlicht lesbar, kann auch Sand und Wasserspritzer aushalten, gibt bei Karten einen größeren Überblick und wird nicht so leicht gestohlen.
Ihr Tipp für unsere Leser im Buchhandel?
Ich wiederhole mich: Nach GfK ist erwiesen, dass die Kunden sich beim Kauf von Reiseführern und Karten durch „Umschauen im Geschäft“ orientieren. Also sollten die Karten möglichst attraktiv platziert werden und nicht in Kartenschubladen verschwinden…

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Stammdaten und deren Qualitätssicherung sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.






