
Foto: Christina Böder
Im Herbst 2013 feiert der Verlag Krug & Schadenberg, der Verlag für lesbische Literatur aus Berlin, seinen 20. Geburtstag – ein Verlag, der seit zwei Jahrzehnten zeigt, wie aus einer klaren Nische heraus literarischer Anspruch und gute Unterhaltung erfolgreich zu einem weltoffenen Programm gemixt werden.
Eine Laudatio von Silke Buttgereit, selbst Autorin des Verlags und Bloggerin unter www.diewebagentin.de.
Orlanda, Daphne, Neue Kritik, Frauenoffensive, Argument, Querverlag, AvivA – die Namen linksfeministisch bewegter Verlage in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sprachen entweder die Sprache klarer Programmatik oder sie versuchten sich in Poesie. Und dann kam 1993 der Verlag Krug & Schadenberg – stocknüchtern wie eine Anwaltspraxis, staubtrocken wie ein Steuerberatungsbüro und furchteinflößend wie ein Inkassounternehmen: Krug & Schadenberg. Der Verlag für lesbische Literatur.
Andrea Krug brachte die Verlagserfahrung mit ins Geschäft, sie hatte zuvor lange beim Argument Verlag und später bei dem Berliner Frauenverlag Orlanda als Lektorin gearbeitet. Dagmar Schadenberg war bis dahin erfolgreiche Grafikdesignerin in einer Frankfurter Werbeagentur gewesen. Beide, damals ein Liebespaar, traten an um endlich die schönen Bücher zu machen, die sie in ihren Karrieren bis dato nicht machen durften, und schufen damit ihre eigene Programmatik: Mach nur Bücher, die du selbst gerne lesen möchtest und mach sie schön.
Das Programm startete im Herbst 1993 mit einem einzigen Titel: Susies Sexperts Sexwelt für Lesben – ein tabulos offener, amoralischer und humorvoller Ratgeber zur lesbischen Sexualität. Mitten hinein in die Diskussion über Political Correctness und die kategorisch ablehnende Haltung der damaligen politischen Frauenszene zur Pornographie wagte es ein deutscher Verlag endlich, diesen Titel zu veröffentlichen, der nach allen Seiten hin Skandalpotenzial hatte. Endlich gab es Dildos, Gleitgel, Lust auf Penetration, Lackleder, Fesseln und mehr für Lesben nicht nur hinter vorgehaltener Hand oder bei subversiven Veranstaltungen, sondern zwischen zwei Buchdeckeln in einem aufwendig und erstaunlich bibliophil ausgestatteten Hardcover-Bändchen.
In den nächsten Jahren folgten Romane und Sachbücher. Der Verlag importierte den anspruchsvollen Unterhaltungsroman für Lesben zunächst aus den USA – ein bis dahin im deutschsprachigen Raum kaum bekanntes Genre. Nach und nach baute der Verlag auch deutsche Autorinnen auf und schuf eine Sachbuchreihe, die sich mit Themen wie Mütter und Väter von Lesben, Wechseljahre, Lesben mit spätem Coming-Out auch an ein interessiertes nicht-lesbisches Publikum wandte.
Um das Jahr 2000 habe ich Krug & Schadenberg bei einem gemeinsamen Abendessen vorgeschlagen, ein Buch über das Thema Lesben und ihre Ex-Geliebten zu machen. Die beiden Verlegerinnen winkten ab: Wen soll das schon interessieren? Drei Jahre später hatte sich das Liebespaar Krug und Schadenberg getrennt und verabredete sich wieder mit mir zum Essen. Inzwischen interessierte sich der Verlag sehr für das Buch. Ein Jahr später erschien es unter dem Titel Auf ewig war ich Dein – Lesben und ihre Ex-Geliebten. Die meisten Kleinstverlage überleben solche privaten Brüche nicht – Krug & Schadenberg jedoch hat aus dem Bruch kein Drama, sondern ein Sachbuch gemacht.
Hut ab vor so viel Professionalität. Hut ab vor einer tollen Lektorin, Andrea, die Texte so zu lektorieren vermag, dass die Autorin ihre ganz eigene Schreibe nach dem Lektorat besser umgesetzt wiederfindet als davor. Hut ab vor einer Grafikerin, Dagmar, die allen Billigtendenzen zum Trotz immer noch darauf besteht, sinnliche, wertige und schöne Bücher zu machen. Hut ab vor zwei Programmmacherinnen, die immer wieder aufs Neue einen riesigen Spagat schaffen, ohne ihre eigenen Ansprüche zu verleugnen.
Nicht dass ich den Geschmack der beiden Verlegerinnen immer geteilt hätte. Wir haben uns auch gestritten. Darüber, wie der Verlag den Roman Stone Butch Blues von Leslie Feinberg endlich ins Deutsche übersetzen, ihm dann aber den weichgespült bescheuerten Titel Träume in den erwachenden Morgen geben kann? Wie man überhaupt neben einem solchen Meilenstein-Titel der Queer-Bewegung eine so seichte Reihe wie die Linda-Romane von Manuela Kuck, die ich einst mit großer Leidenschaft in einer Rezension verrissen habe, veröffentlichen kann?
Krug & Schadenberg konnte. Und kann immer noch. Kann Kitsch neben toller Literatur, schlüpfrige Romänchen neben spannenden Sachbüchern machen und hat das Genre der Themenporträtbücher wenn nicht erfundenen, so doch zur hohen Kunst ausgebaut.
Möglich ist das, weil Krug & Schadenberg ihre eigene Programmatik pragmatisch in einer doppelten Strategie umsetzen. Krug & Schadenberg ist der Verlag für lesbische Literatur, also macht der Verlag die Bücher, die Lesben gerne lesen. Krug & Schadenberg macht aber auch die Bücher, die Andrea Krug und Dagmar Schadenberg gerne machen möchten. Seit einigen Monaten auch in elektronischer Form als E-Books. Dabei gibt es im Programm einige Bücher, die nur einen dieser beiden Ansprüche umsetzen. Welche das sind, ist das bestgehütete Betriebsgeheimnis der Verlagswelt. Und das Erfolgsgeheimnis des Verlags. Krug & Schadenberg ist der Verlag für lesbische Literatur. Darauf ist Verlass. Damit wird man als Verlag zwanzig Jahre alt und wohl noch das eine oder andere Jahrzehnt älter.
Herzlichen Glückwunsch!
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