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Birgit Wirth, wird die Bahn das Handy als jedermanns mobile Geldbörse durchsetzen?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Birgit Wirth, Projektleiterin Touch&Travel bei der Deutschen Bahn.

Birgit Wirth, geboren in Mühlheim an der Donau, leitet seit 2007 bei der Deutschen Bahn das Projekt „Touch & Travel“, das das Unternehmen 2008 zusammen mit wichtigen Nahverkehrsunternehmen und Technologiepartnern gestartet hat – eine der weitestreichenden Initiativen ihrer Karriere und geeignet, auch im Handel das Bezahlen nachhaltig zu verändern.

Birgit Wirth, wissen Sie, wie man früher Fahrkarten bei der Bahn kaufte?

Birgit Wirth: Ja. Das weiß ich, da ich schon als Schülerin selbst Fahrkarten gekauft habe, und somit habe ich die Entwicklung über die ganzen Jahre mitverfolgt.

Jeder kleinste Bahnhof war ganztägig besetzt. Der Beamte bediente eine unglaublich klobige Maschine, die eine winzige, damenstrumpffarbene Papp-Karte ausspuckte. Das war das Maximum an Fahrgast-Komfort, an das ich mich erinnern kann. Seitdem sind Innovationen im Ticketing immer zulasten der Kunden gegangen. Wird sich das mit Touch & Travel ändern?

Birgit Wirth: Einspruch. Die zahlreichen Innovationen im Bereich Fahrkartenverkauf sind nicht zulasten der Kunden gegangen. Wenn man allein an die Online-Tickets auf bahn.de denkt und an die Möglichkeit, sich ein dort gekauftes Ticket aufs Handy zu schicken. Das hat den Komfort enorm erhöht. Ein Großteil der Fahrkarten im Fernverkehr wird heute über das Internet gekauft. Die Akzeptanz ist also ausgezeichnet. Zudem steigern wir mit Touch & Travel diesen Komfort noch erheblich: Touch & Travel ist das erste Verfahren, das den Fahrkartenkauf vor der Reise durch ein System von Kundenregistrierung, Check-in und Check-out ersetzt. Der Kunde kann also absolut spontan seine Reise antreten, meldet sich beim Check-in als Reisender im System an und muss sich um nichts mehr kümmern als seinen Check-out – ganz egal, wie lang die Reise dauert.

Sie wirken sehr zurückhaltend mit Werbung für Touch & Travel, zum Beispiel auf bahn.de – warum?

Birgit Wirth: Es ist wichtig zu erwähnen: Touch & Travel ist eine eigene Marke und hat einen neutralen Auftritt. Wir möchten uns am Markt so positionieren, dass auch Drittunternehmen Touch & Travel nutzen können. Von Anfang des Projektes an waren regionale Verkehrsbetriebe mit im Boot. Heute machen zum Beispiel Verkehrsverbünde wie der RMV und Verkehrsunternehmen wie die Berliner BVG und die Verkehrsbetriebe in Potsdam mit.

Warum haben Sie sich für NFC als Übertragungs-Technik entschieden?

Birgit Wirth: Mit NFC können Sie bequem und sicher kleine Datenmengen auf kurze Entfernung übertragen ohne großen Aufwand in eine stationäre Infrastruktur. Sie benötigen nur einen RFID-Chip und Strom auf ihrem Handy. Bei Bluetooth brauchen sie schon zwei Geräte, die Strom haben müssen. Bei Übertragung per QR-Code startet der Fahrgast eine App, um den QR-Code zu fotografieren. Touch & Travel bietet aber nicht ausschließlich NFC als Übertragungstechnik an, sondern auch die Ortung des Standorts per GPS, unterstützt QR-Codes , und wer all das nicht will, gibt die Nummer des Touchpoints…

… die gleichbedeutend mit der Haltestelle ist …

Birgit Wirth: … manuell in sein Handy ein. Wir sind mit diesen unterschiedlichen Übertragungsmöglichkeiten für den Check-In bzw. Check-Out gestartet, da wir am Anfang das Problem hatten, dass es nur speziell für das Projekt hergestellte NFC-Handys gab. Mittlerweile sind diese ganz normal im Handel erhältlich.

Wer ist Ihr Enabler, und warum haben Sie sich für ihn entschieden?

Birgit Wirth: Wir sind unser eigener Enabler, weil Touch&Travel eine Innovation ist, die es vorher so nicht gab. Auch verfügen wir in unserem Unternehmen über eine hoch leistungsfähige IT-Entwicklung.

Wie bekomme ich als Geschäftsreisender meinen vorsteuerabzugsberechtigten Beleg?

Birgit Wirth: Wir versenden monatliche Sammelrechnungen als PDF oder per Post. Dabei werden die unterschiedlichen Abschnitte einer gesamten Reisekette mit der zugehörigen Mehrwertsteuer ausgewiesen. Zukünftig werden auch geschäftlich veranlasste und private Positionen unterschieden.

Wie beurteilen Sie insgesamt den M-Payment-Markt in DACH?

Birgit Wirth: Payment an sich wird für mobile Services ein Markt der Zukunft, die „Muss-Applikation“. Es wird aber verschiedene Modelle und Techniken geben. Das Modell der Kreditkarte allerdings ist in Deutschland für Kleinbeträge noch nicht akzeptiert – anders als etwa in den USA. Heute sind auch bereits Prepaid-Verfahren im Einsatz. Was die Übertragungstechnik betrifft, rechnen wir wegen der hohen Sicherheit der Methode damit, dass der Zug Richtung NFC fahren wird. Der Sicherheitsanspruch ist in Deutschland sehr hoch. Aber schon heute gibt es mehr Mobiltelefone als Einwohner in Deutschland, und wenn die Menschen ihre Kreditkarte oder andere Zahlungsmethoden im Smartphone haben, wird das die Geldbörse der Zukunft.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Die Qualitätssicherung von Katalogdaten ist sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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