Stefan Becht, Netz-Experte der ersten Stunde, hat sich Gedanken über die Chancen gemacht, die die Affäre um Amazon [mehr…] vor allem für Verlage eröffnet. Hier sein Kommentar, mit einem UPDATE von 15.15 Uhr:
Nach endlich! Nicht der erste, aber nun immerhin ein Verlag hat dem wohl größten Warenhaus des Webs, dem Online Allesvertreiber Amazon die Zusammenarbeit aufgekündigt. Der Verlag Ch. Schroer aus dem nordrheinwestfälischen Lindlar hat die ewigen Gängeleien, die überzogenen Rabattforderungen, die Verlagerung eines einigermaßen geordneten Bestellwesens in die Verlage und den unglaublich schlechten Service, der selbst Verlagen widerfährt, die so genannte „embedded person“ bei Amazon extra dafür bezahlen, dass ihre Produkte vernünftig in die Datenstruktur einfließen, gepflegt und dargestellt werden, statt.
Um aber gleich mit einer aufkommenden Mythenbildung aufzuräumen: Der engagierte „Ch.Schroer Verlag“ ist nicht der erste Verlag, der auf den „Vertriebsweg“ Amazon verzichtet. Bereits im Frühjahr des Jahr 2004 hat Stefan Fritsch, der kaufmännische Geschäftsführer des Diogenes Verlages in Zürich dem Webgiganten Amazon unter erheblichem öffentlichen Interesse die Stirn geboten und auf dessen „Leistungen“ verzichtet. Schon damals hebelte Stefan Fritsch die Nichtlieferbarkeit der Diogenes Bücher im regulären Angebot von Amazon durch das direkte Anbieten der Titel via „Amazon Marketplace“ geschickt aus. Und schon im Herbst des gleichen Jahres wurden Diogenes und Amazon sich wieder handelseinig. Der „Marketplace“ steht nach wie vor allen Angeboten offen.
Unschuldig daran, dass Amazon heute, wie die neuen Zahlen belegen, rund 16 – 18% des gesamten Buchhandelsumsatzes in Deutschland macht, also 1,6 – 1,8 Milliarden Euro, sind die Verlage wahrlich nicht. Viel zu lange haben sie das Internet erst ignoriert und dann nur mit der Kneifzange der Überheblichkeit angefasst. Dabei hat es nie an Hinweisen, wie Amazon vorgeht und wie es sinnig wäre damit umzugehen, gemangelt.
Dabei besitzen doch gerade die Verlage alle natürlichen Ressourcen, um im Web zu punkten: Produkte, die nicht nur digital angeboten werden können, sondern in physischer Form auch bestellbar und verschickbar sind, deren Preise sich größtenteils auf denen alltäglicher Konsumgüter bewegen, sowie Autor/inn/en, die nicht nur erzählen können sondern auch eigene (Netz-) Stimmen haben. Und diese Stimme, wie viele Beispiele belegen (u.a. Paulo Coelho, William Gibson, Kevin Kelly, Cory Doctoro, …) auch immer wieder erheben. Welche andere Branche, außer vielleicht die Musikindustrie und die bildende Kunst, kann das von sich behaupten? Welche Geschichte erzählt – im Gegensatz dazu – ein neues Auto, eine Waschmaschine oder ein rechts drehendes Joghurt? Hier müssen sich Kohorten von Werbern und Marketingmenschen Mythen, Geschichten und Slogans aus Blech, Plastik und gegärter Milch aus den Rippen schneiden, um die „mögliche Zielgruppe glaubhaft“ anzusprechen. Kein einfacher Job, kann ich da nur sagen …
Die Natürlichkeit, die eine einzelne und authentische Stimme, die ein/e Erzähler/in im Web hat, ist eben nicht nur lesbar, sie ist spürbar. Denn Menschen wollen sich, immer wieder aufs Neue, Geschichten erzählen lassen. Und wer könnte das besser, als die Autor/inn/en? Gelesen, und auch das sahen die Verlage mal ganz anders ohne es heute weiter zu bestreiten, wird im Web wie irre.
Als ich meine erste Bestellung von „www.amazon.com“ aus Seattle geliefert bekam, prangte auf der Website von Amazon noch der Spruch „Der Welt grösster Buchladen“ und Jeff P. Bezos bedankte sich via E-Mail persönlich bei mir – für die Bestellung. Seitdem ist aus dem „Buchladen“ ein gigantisches Warenhaus geworden, das nach der Devise, was es bei Amazon nicht im Angebot gibt, gibt’s nicht, versucht den Markt und die Konditionen zu diktieren. Wie tief Amazon ohnehin schon in das angestammte Verlagsgeschäft vorgedrungen ist, erzählt Alexander Krex in seiner „brand eins“-Geschichte „Der Amazone“ ebenso eindrucksvoll wie beispielhaft. Und das ist nur der Anfang. Der nicht zuletzt mit dem Konditionsmodell zu tun, welches die Verlage ihren Autoren anbieten und seit Jahrzehnten keinen ehrlichen „upadate“ erfahren hat.
Doch das Netz, das Internet ist auch die ganz große Chance der Verlage und Buchhandlungen. So wie eine handvoll Hardcover Verlage einst einen eigenen Verlag gegründet haben, um die Taschenbuchrechte ihrer immer teurer werdenden Titel selbst auszuwerten, den Deutschen Taschenbuch Verlag (DTV) (http://www.dtv.de), so steht ihnen heute das Netz zur Verfügung, um ihre Kräfte zu bündeln und alle digitalen Angebote und Umsetzungen selbst zu offerieren. Die Autor/inn/en, oft genug selbst von der mangelnden Darstellung und Verfügbarkeit ihrer Titel bei Amazon irritiert, sind dabei ihre besten Verbündeten. Auch sie können – entgegen landläufiger Meinung – ziemlich gut rechnen.
Nur: Anfangen sollten die Verlage jetzt endlich. Denn, wie Jeff Bezos es einmal so schön sagte: „Im Internet muss man nicht Erster, aber immer der Beste sein.“
Und hier das Update angehängt:
Die erste Autorenvereinigung erhebt ihre Stimme gegen Amazon und auch international gerät das Unternehmen unter Druck.
Bereits am Freitag, 15. Februar 2013, hat die Vereinigung der Krimiautoren „Das Syndikat“ sich in einem offenen Brief gegen die Arbeitsbedingungen gewandt, die laut dem ARD-Bericht dort herrschen sollen. Den ganzen Brief gibt’s hier zu lesen und auch die schon als Standard bekannte Antwort. „Das Syndikat“ repräsentiert rund 800 deutsche Krimiautoren und ist die erste Autorenvereinigung, die sich öffentlich gegen Amazon wendet.
Interessant an dem gesamten Vorgang: Bis her schweigt Amazon sich dort, wo es am stärksten ist, auf der eigenen Homepage, komplett aus.
Kein Wort zu dem ARD Beitrag und den Vorwürfen, kein Amazon Brief an die Kunden, kein Erklärung dazu, dass die Sicherheitsfirma wohl heute gefeuert wurde. Auch der sonst um keine Mitteilung verlegene Börsenverein des Deutschen Buchhandels schweigt bisher. Und kein weiterer Verlag ist bis jetzt dem Beispiel des Ch. Schroer Verlags gefolgt und hat die Zusammenarbeit mit Amazon aufgekündigt. Dabei haben die Arbeitsbedingungen bei Amazon, wie Lars Lagenau es für die Süddeutsche Zeitung fein recherchiert hat, bereits international via „Washington Post“ und „New York Times“ für Schlagzeilen gesorgt. Selbst die deutsche Politik
zeigt sich besorgt.
Nun: Die Alternativen zu Amazon sind im Web nur einen Mausklick entfernt. Ob Sie buch.de, buecher.de, jpc.de, bol.de oder wie auch immer heißen mögen. Auch Koalitionen mit kleinen Webbuchhandlungen sind denkbar, vorausgesetzt es handelt sich um wirkliche Partnerschaften. Alleine das „umlinken“ der Links, die die Verlage, Website-Betreiber, Autoren und alle anderen Urheber dem Webgiganten täglich spendieren, damit ihre Produkte bei Amazon auch zu finden und erwerbbar sind, wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Denn jeder kann sich im Netz aussuchen, mit wem er sich ins Bett legt. Auch dort liegt dann jeder, wie er sich bettet.
STEFAN BECHT stefan@stefanbecht.de
Zur Person: Stefan Becht schrieb u.a. für die SZ, FAZ, NZZ, heise.de, für BuchMarkt (er hatte dort eine feste Kolumne), hat viele Jahre für die Achterbahn AG, Spektrum Akademischer Verlag und diverse andere Verlage als freier Pressemann gearbeitet, war bis zur Auflösung der Verlagsgruppe PR-Leiter bei Falken/Mosaik, hat aber auch Kunden in anderen Branchen betreut (bis hin zu RTL, Nestle, SAT 1 und die Deutsche Unicef). Außerdem ist er Erfinder und Mitentwickler der Webseite des Versenders Zweitausendeins.