
Michael Lemster und Petra Hermanns
Gestern Abend fand im Hessischen Literaturforum im Mousonturm in Frankfurt das zweite Gespräch zum Thema Zukunft schreiben statt.
Unter der Überschrift Schreiben im digitalen Raum diskutierten Christian Sprang, Justitiar beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Roland Reuß, Literaturwissenschaftler an der Universität Heidelberg, Michael Lemster, alVoloConsult und Petra Hermanns, Medienagentur scripts for sale. Sabine Rock moderierte.
„Die Übertragung der E-Book-Rechte ist inzwischen zentraler Bestandteil der Verträge zwischen Autoren und Verlagen“, bemerkte Literaturagentin Petra Hermanns bezüglich digitaler Verwertung. Das würde auch von den Autoren erwartet. Sie erhielten durchschnittlich 25 Prozent vom Netto-Verlagserlös für ihre E-Books – deutlich mehr als bei Taschenbüchern. Es gebe aber keinen Rückgang der Taschenbuch-Verkäufe zugunsten von E-Books, beides bestehe parallel.
Der E-Book-Anteil am Gesamtumsatz werde in den Statistiken (nicht in den Abrechnungen mit den Autoren) von den Verlagen möglicherweise zu hoch angegeben, vermutete Michael Lemster. „Es liegt an der Preisbindung, dass in Deutschland der E-Book-Anteil nicht explodiert“, sagte der Berater. Er beobachte bei Verlagen eine große Scheu vor Risiken.
Ein wichtiger Diskussionspunkt war die Mehrwertsteuer, die bei E-Books unverständlicherweise 19 Prozent beträgt. „Die Ursache für diese Ungleichheit liegt in Berlin“, klagte Christian Sprang. „Deutschland ist der Staat in Europa, der hier auf der Bremse steht“, sagte er und räumte gleichzeitig ein, dass es bezüglich der Mehrwertsteuer ein europäisches Problem gebe. Nirgendwo sei das E-Book vermerkt, man wisse nicht, wie man damit einheitlich umzugehen habe. „Wir beißen bei der Regierung auf Granit. Es ist ein Trauerspiel“, machte der Justitiar deutlich. Viele Argumente sprächen für sieben Prozent Mehrwertsteuer. Er nannte das Beispiel Luxemburg: Hier werden E-Books mit drei Prozent Mehrwertsteuer belegt, damit werde der Wettbewerb völlig verzerrt.
Roland Reuß schaltete sich ein. Das Rezipieren von E-Books habe seiner Meinung nach nichts mit wissenschaftlichem Lesen und Studium zu tun. „E-Books werden bei einem Anteil um die 15 Prozent am Buchmarkt stagnieren“, prophezeite der Literaturwissenschaftler. Stimmen aus dem Publikum widersprachen. Sei es nicht viel besser, Fachliteratur auf einem Reader oder Tablet zu lesen? „Lehrbücher auf einem E-Reader? Das geht gar nicht“, entgegnete Reuß. Festzustellen ist, dass elektronischer Text anders gelesen wird und auch anders wirke.
Ein weiteres Problem wurde angesprochen: illegale Downloads. „Wir bekommen massenweise Anrufe, dass Titel frei verfügbar seien. Verlage haben keine technischen Möglichkeiten, das zu verhindern“, konstatierte Christian Sprang. Die illegalen Marktplätze böten inzwischen gute Qualität, das erschwere vieles. Besser sei es, legale und kundenfreundliche Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen. Sicher seien illegale Downloads unerfreulich, aber der Markt breche deshalb nicht zusammen. Außerdem sei zu beobachten, dass „Raubkopierer-Karrieren“ enden, wenn Kinder geboren werden. Wahrscheinlich möchte man dann eher doch kein schlechtes Vorbild sein. Wie dem auch sei, „die organisierte Kriminalität gibt es deshalb, weil damit Geld verdient werden kann“. Man müsse erreichen, dass auf solchen Seiten keine Werbung geschaltet wird, Kreditkartensysteme nicht funktionierten. Ermittlungen hinsichtlich illegaler Angebote seien äußerst schwierig. Print on demand-Angebote würden die Grenzen der Nutzungsrechte zusätzlich verwischen. Dabei seien Raubkopien keine neue Erfindung. Nur die Verfolgung werde zunehmend komplizierter.
„Wir müssen Öffentlichkeit herstellend und über die Illegalität aufklären“, forderte Roland Reuß. Ein „langer Atem“ sei dabei notwendig. Wichtig ist, dass Autoren selbst sich gegen illegale Produktionen verwehrten. Man müsse reziprokes Denken fördern, die Schritte der Produktion von Büchern aufdecken und ins Bewusstsein rücken.
Weitere Stichworte des Abends waren die Rechte der Autoren, die Möglichkeit des Rückkaufs der Rechte, das Publizieren im Netz, die Schwierigkeit bei der Gestaltung von Büchern, wenn sie im Eigenverlag herausgegeben werden, sowie das Verschwinden vergriffener Bücher.
Roland Reuß war sich sicher, dass Autoren die Solidargemeinschaft eines Verlags dem Self Publishing vorzögen. Aus vielen Gründen würde er vor dieser Variante warnen.
„Es gibt märchenhafte Ausnahmen in diesem Bereich. Aber die sind tatsächlich zu vernachlässigen“, ergänzte Michael Lemster. Doch jeder müsse für sich selbst eine Entscheidung treffen.
Roland Reuß gab zu bedenken, dass die großen Internetanbieter versuchten, Verlage zu marginalisieren – eine Tendenz, der entgegengewirkt werden müsse.
Das Publikum war nicht mit allen Diskussionsbeiträgen einverstanden, wandte sich vor allem gegen eine Verdammung des E-Books in der wissenschaftlichen Arbeit. Im Anschluss wurde noch recht kontrovers in lockerer Runde debattiert.
JF