
Heute Morgen fand auf der Frankfurter Buchmesse ein Pressegespräch zur in diesem Jahr gegründeten Vereinigung der Schriftsteller für den Frieden und ihr erstes Dokument, dem Straßburger Appell, der vor zwei Tagen, am 11. Oktober 2012, verabschiedete wurde [mehr…], statt.
Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2011, Boualem Sansal, begrüßte die Medienvertreter und schilderte das Zustandekommen und die Ziele der Vereinigung.
So trafen sich im Mai dieses Jahres die Autoren Boualem Sansal und der Friedenspreisträger von 2010, David Grossman, in Jerusalem und entwickelten die Idee, eine weltweite Initiative von Schriftstellern für den Frieden ins Leben zu rufen.
Nach Sansals Rückkehr nach Frankreich veröffentlichte der Autor entsprechende Zeitungsartikel und erhielt sowohl positive als auch negative Reaktionen. Anerkennend äußerten sich Schriftsteller, Forscher, Dozenten. Vorschläge von staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen zu einer solchen Initiative gingen ein, Hilfen wurden vom UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon, vom Europarat, von der französischen Regierung und von verschiedenen Universitäten angeboten.
Kritik kam vor allem aus den arabischen Ländern. „Weil die Initiative von Grossman und mir initiiert wurde, vermuteten sie ein israelisches Komplott dahinter“, erläuterte Sansal. „Für einige Offiziere in meiner Heimat Algerien ist schon der Kontakt zu Israel Hochverrat“, verdeutlichte der Friedenspreisträger.
Sansal und Grossman ließen sich jedoch nicht beirren. Sie nahmen die Hilfe des Europarats an, „das erschien uns am neutralsten“, sagte Sansal. So fand vom 6. bis zum 11. Oktober das erste weltweite Forum für Demokratie in Straßburg statt. Ein Ergebnis ist der Straßburger Appell www.coe.int/t/dg4/nscentre/Appel_trilingue.asp
„Wir rufen Schriftsteller aus aller Welt auf, sich diesem Appell anzuschließen“, unterstrich Sansal. Der Aufruf wende sich bewusst an Autorinnen und Autoren, weil das Werkzeug Sprache sehr wichtig ist. „Darüber scheint sich unserer Meinung nach Annäherung am besten vollziehbar“, erklärte der algerische Schriftsteller. Er erinnerte an das Zeitalter der Aufklärung und Victor Hugos berühmte Rede Ein Tag wird kommen anlässlich der Eröffnung des Pariser Friedenskongresses am 21. August 1849.
130 Autorinnen und Autoren haben den Straßburger Appell bislang unterzeichnet, darunter die Friedenspreisträger Wolf Lepenies (2006), Claudio Magris (2009), Friedrich Schorlemmer (1993) und Alfred Grosser (1975).
Alfred Grosser kommt gemeinsam mit Denis Hubert zur Pressekonferenz dazu. Denis Hubert, Direktor des Zentrums Nord-Süd beim Europarat, wird Generalsekretär der Vereinigung der Schriftsteller für den Frieden. „Der Appell geht davon aus, dass Frieden möglich ist“, unterstrich er. Alfred Grosser verwies auf die Anfänge deutsch-französischer Aussöhnung, deren Grundsteine Widerstandskämpfer aus europäischen Ländern schon 1944 in Genf legten und eine Deklaration zugunsten einer europäischen Föderation verfassten. „Das war eine Initiative von unten. Die Politiker kamen erst später“, hob er hervor.
Wichtig sei, meinte Grosser, „das Gleichgewicht zu halten und energisch offen zu sein“. Moralische Aufklärung sei die vordringlichste Aufgabe.
Auf die Frage, was die Vereinigung erreichen könne, antwortete Boualem Sansal: „Zunächst geht es darum, den Begriff Frieden zu klären. Schließlich umfasse die Vereinigung Schriftsteller aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen und mit unterschiedlichen Religionen.
„Wir wollen keine Wischi-Waschi-Diskussion über Frieden, sondern die Zusammenarbeit verschiedener Menschen“, formulierte Alfred Grosserd. Frieden bedeute nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern müsse auch Werte wie Menschenrechte, Demokratie und Kultur umfassen. Das seien keine inneren Angelegenheiten von Staaten, sondern universell gültige Werte, wie es auch im Appell zum Ausdruck kommt.
Es gebe nicht nur die globalen Brennpunkte Nahost und Afrika, auch in Europa werden die sozialen Spannungen zunehmen, die Schere zwischen Reichen und Armen verbreitere sich. „Wir wollen da mit unseren Mitteln eingreifen, wo Explosionsgefahr droht“, erläuterte Grosser. Man müsse Spannungen erkennen und benennen – das sei das wenigste, was zu tun ist.
„Wir wollen ein Netzwerk von Schriftstellern aufbauen, das sehr flexibel ist“, erklärte Denis Huber. Es solle nur unbedingt notwendige Strukturen haben und stelle keine politische Partei dar. Die Vereinigung werde die vorhandenen technischen Möglichkeiten nutzen und keine eigenen Institutionen aufbauen, sondern vielmehr mit unterschiedlichen nationalen und internationalen Organisationen, die gleiche Ziele haben, kooperieren.
Der Friedenspreisträger des Jahres 2012, Liao Yiwu, der morgen in der Frankfurter Paulskirche geehrt wird, gehört übrigens ebenfalls der Vereinigung der Schriftsteller für den Frieden an.
JF