
Gestern Nachmittag erhielt die Mexikanerin Sabina Berman in der Christuskirche in Frankfurt am Main den LiBeraturpreis.
Über die Auszeichnung, die seit 25 Jahren ausschließlich an Schriftstellerinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien vergeben wird, entscheidet eine Jury aus Fachleuten. Mit der Ehrung sollen Romane von Frauen stärker ins Licht der Öffentlichkeit gerückt und auf den kulturellen Reichtum der Heimatländer der Autorinnen hingewiesen werden.
„Romane lesen heißt Unterschiede anerkennen“, postulierte die langjährige Organisatorin des LiBeraturpreises, Ingeborg Kaestner, in ihrer Begrüßung. Die Idee des Preises, die Begegnung mit anderen Kulturen, trage auch heute noch. „Viele Autorinnen sind in ihrer Heimat anerkannt und erfolgreich, ihre Bücher haben den Weg nach Deutschland allerdings noch nicht gefunden“, sagte Kaestner.
Das Buch Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte von Sabina Berman habe die Jury überzeugt und die Leser begeistert.
„Wir begehen unser Jubiläum in Anwesenheit von drei Herren. Davon sind wir fast ein bisschen geblendet“, erwähnte Kaestner mit feiner Ironie.
Der erste der drei Herren war der Generalkonsul von Mexiko, Eduardo Patricio Peña Haller. Er würdigte Sabina Berman als Dramaturgin, Filmemacherin, Journalistin, Autorin und als weltoffene Frau, die sich schon immer für die Schwächeren einsetzte.
Mexiko sei ein Land mit vielen Ressourcen, das sich gegenwärtig großen Herausforderungen stellen müsse. Dafür gebe Sabina Berman Denkanstöße. Es sei wichtig, dass Frauen wie diese Autorin essentielle Beiträge für die Gesellschaft leisteten.
Der Herr Numero zwei war Frankfurts Kulturdezernent Prof. Dr. Felix Semmelroth. „Ein Viertel Jahrhundert LiBeraturpreis verdient Anerkennung“, begann er sein Grußwort. Der Preis, der Literatur und Freiheit verbinde, soll weiter bestehen.
Auch heute sei es noch angemessen, ausschließlich Frauen mit dieser Auszeichnung zu ehren. Gerade in den Ländern, aus denen die Preisträgerinnen kommen, sei die Gleichberechtigung noch nicht Alltag. Oft seien die Schriftstellerinnen zudem Gefahren ausgesetzt.
25 Jahre LiBeraturpreis bedeuten auch 25 Jahre bewegende und berührende Begegnungen mit Literatur und ihren Autorinnen.
Schließlich trat der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos, ans Mikrofon. „Mexiko war 1992 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse und hat sich wieder beworben. Das freut mich“, sagte Boos. Er wies auf die Arbeit der Gesellschaft Litprom hin. Doch entdecke man auf den Weltempfänger-Listen in der Mehrzahl männliche Autoren. „Deshalb ist der LiBeraturpreis eine Initiative, die man gar nicht hoch genug schätzen kann“, unterstrich der Direktor.
Michi Strausfeld hielt die Laudatio. Gerade die gegenwärtige Diskussion in der Gesellschaft zeige, wie wichtig die Unterstützung von Frauen sei. In Mexiko seien die Bedingungen für schreibende Frauen gut. Sabina Berman werde als „Frau mit fünf Hüten“ bezeichnet. Dabei sei sie nach Selbstauskunft immer ohne Hut unterwegs und wolle nur Geschichten erzählen. Das tue sei je nach Sujet als Theater- und Filmemacherin, als TV-Interviewerin, Journalistin und Autorin. Sabina Berman, Tochter jüdischer Emigranten aus Osteuropa, habe sich in Mexiko nie abgelehnt gefühlt.
Die engagierte Frau sieht eine ihrer Aufgaben darin, „Licht auf die Verkommenheit der Machtinstrumente“ zu werfen. Das tat sie in besonderem Maße in ihrem Film über die Frauenmorde von Ciudad Juárez – ein gefährliches Unternehmen.
2010 erschien Die Frau, die ins Innerste der Welt tauchte in Mexiko, 2011 kam die deutsche Übersetzung, die Angelica Ammar übernahm, im S. Fischer Verlag heraus.
Der Roman über das autistische Mädchen Karen zeige viele Facetten, sei eigenwillig und faszinierend. Er wurde bereits in 12 Sprachen übersetzt und in 20 Ländern veröffentlicht.
Gegenwärtig arbeite Sabina Berman an einem zweiten Buch über Karen.
Sabina Berman bedankte sich nach der Verleihung des LiBeraturpreises. Der Jury sei mit der Beschreibung ihres Buches etwas gelungen, wofür sie, die Autorin, fast 300 Seiten gebraucht habe und sich beinahe ein bisschen dafür schäme, meinte sie scherzhaft.
Die Schriftstellerin charakterisierte die gegenwärtige Gesellschaft als eine, in der die meisten Menschen von drei Dingen besessen seien: gewinnen, konsumieren und sprechen. Ihre autistische Protagonistin setzt diesen Zielen drei weitere Gedanken hinzu: Überfluss, gratis und Paradies.
Sabina Berman sei froh, die Frankfurter Buchmesse besuchen zu können und bezeichnete die Messe als einen Platz, an dem „die Worte nicht auf Knien dem Geld dienen“.
JF







