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Thomas Mahr: Nicht die Wertschätzung verlieren

Eröffnet hat Thomas Mahr seine Buchhandlung in Langenau (gemeinsam mit seiner Frau Angelika) Anfang September vor 28 Jahren. Der gebürtige Allgäuer hatte zunächst in Tübingen fürs Lehramt studiert, entschied sich aber dann für den Buchhändlerberuf und dockte zunächst bei Gastl, dann bei Aegis und Eichhorn in Ulm an.

In seiner 160 qm-Buchhandlung finden seit Jahr und Tag Lesungen und Veranstaltungen statt. Christa Wolf, Claudio Magris, Bruno Ganz, Peter Esterhazy, Wilhelm Genazino, Josef Ortheil hat er eingeladen. Durch das Engagement hat er das Städtchen Langenau mit zu einem Kulturzentrum vor den Toren Ulms gemacht.

Kann es sein, dass Sie in Sachen Digitalisierung die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt haben und deshalb so vehement dagegen angehen?

Thomas Mahr

Thomas Mahr: Aber nicht doch! Die neuen technischen Möglichkeiten sind wunderbar und unverzichtbar. Man darf doch aber danach fragen, ob wir auch sinnvoll damit umgehen, oder ob wir uns bedenkenlos zu Sklaven der neuen Technik machen. Mir ist dazu folgendes eingefallen: Spätestens in den Sommerferien, wenn der verdiente Urlaub beginnt, wird wieder fotografiert, so dass es an jeder Ecke nur so knipst, mit Handy, der Digitalkamera, neuerdings mit dem Tablet. Nichts, das nicht abgelichtet werden würde, alles wird festgehalten. Aber wird es wirklich festgehalten? Was nicht sofort gelöscht wird, kommt auf eine Festplatte, wird gespeichert und unter all der Vielzahl der anderen Dateien und im Speicher vergessen.

Und was ist dagegen einzuwenden?

Thomas Mahr: Das ist doch ganz einfach: Wie anders war das, als man beim Fotografieren begrenzt durch die Anzahl der möglichen Bilder auf dem Film noch überlegte, welches Motiv festzuhalten lohnt, welchen Schnappschuss man wirklich entwickeln lassen sollte. Dann kam die erste Erinnerung an den Urlaub, an das Familienfest beim Abholen der Bilder, die zweite noch schönere, als man die Bilder eins nach dem anderen an einem kalten Winterabend in ein Album klebte. – Mit der „Vermassung“ bringen wir uns schlicht und einfach um ein großes Vergnügen.

Und was hat das jetzt mit unserer Branche zu tun?

Thomas Mahr: Ähnlich ist es doch mit den E-Books, mit dem elektronischen Lesen. Natürlich weiß ich, dass die technische Faszination einen unwiderstehlichen Reiz ausübt, vor allem für die jüngere Generation. Bald sind alle Bücher automatisch als Datei verfügbar, die man dann auf sein Lesegerät herunterladen kann und – ja – theoretisch lesen könnte. Der Konjunktiv ist an dieser Stelle richtig gewählt, da auf viele aller verkauften Lesegeräte noch kein einziges Buch geladen wurde. Ein leibhaftiges Buch, das auf dem Nachtkästchen oder im Bücherregal tatsächlich vorhanden ist, mahnt ständig, dass es in die Hand genommen und gelesen werden möchte. Ist dies dann geschehen, bleibt es in Erinnerung: Es war der Roman, den man damals im schönen Urlaub in der Toskana dabei hatte oder der Krimi, den man eine ganze Nacht durch ausgelesen hat, und dann hat man am nächsten Morgen verschlafen und kam zu spät zur Arbeit…

Wenn die gleiche Zeit, mit der vor allem die Schüler mit Facebook und Twitter verbringen, für das elektronische Lesen verwendet würde, wäre es mir um die Buchkultur nicht so bange. Wer aber den großen Teil des Tages beruflich oder privat am Computer hängt, wird nicht auch noch leidenschaftlich am Computer Bücher lesen. Nur ein Bruchteil der Internet Nutzer gibt laut einer Umfrage an, dass sie das Netz privat für kulturelle, nicht berufliche Weiterbildung nutzen.

Das geschriebene Wort erhält aber doch nur einen anderen, immateriellen Träger?

Thomas Mahr: Nein. Das geschriebene Wort, die Gedanken, die sich ein Autor gemacht hat, der Wohlklang eines Gedichtes werden beliebig und ohne Wertschätzung bleiben. Der Mensch verliert die große Literatur aus den Augen. Wir brauchen hierzu nur den aus Bewusstsein gekommenen Brief mit der SMS und dem Mail vergleichen. Welche Form und welchen Inhalt ein Brief noch aufwies und wie der Schnelligkeit der modernen Nachrichtenübermittlung doch unsere Sprache geopfert wird!

Und darunter leidet dann die ganze Branche…

Thomas Mahr: Bereits heute werden viele E-Book illegal heruntergeladen, ohne dass der Autor, der Verleger oder gar ein Buchhändler etwas dafür bekommen hätten. Fast 30 Jahre haben wir allen Unkenrufen hier in Langenau getrotzt und versucht, gute Literatur unseren Kunden zu vermitteln und eine der wichtigsten intellektuellen Leistungen des Menschen – das Lesen – zu fördern. Heute empfinde ich mit dem Verschwinden der traditionellen Buchhandlung allerorten, dass das Lesen von Literatur als konspirativerer Sand in den Rädern des spürbaren Kulturzerfalls ein Ende finden wird.

Also ist das E-Book Schuld letztlich am Kulturverfall?

Thomas Mahr: Ganz so apodiktisch würde ich das nicht formulieren. Denn nicht nur das E-Book macht uns Buchhändlern das Überleben schwer. Auch der Versandbuchhandel, oder, um das Kind beim Namen zu nennen, Amazon wird zum Sargnagel dessen, für das uns die Leser überall auf der Welt beneiden – unseren Buchhandel in Deutschland. Auf die „Energiebilanz“ will ich gar nicht näher eingehen, wenn ein Buch, das beim Buchhändler um die Ecke im Stapel liegt, im Internet bestellt wird. Müssen wir uns wundern, wenn bei der Fahrt in den Urlaub unsere Autobahnen mit LKWs verstopft sind, wenn wir uns alles frei Haus liefern lassen? Der Versandhandel ist nicht nur für uns Buchhändler zu Problem geworden, der ganze Einzelhandel vor Ort hat besorgniserregende Umsatzrückgänge, da mehr und mehr das Internet zum Einkaufen genützt wird. Aber wer soll die Schüler einmal ausbilden, wer soll einen Praktikumsplatz zur Verfügung stellen oder eine Tombola unterstützen, wenn es in den Innenstädten nur noch Cafés und Filialen von großen Ketten gibt? Man muss nicht erst an das Ende der Firma Schlecker denken, um zu bemerken, dass die bisher sicheren und qualifizierten Arbeitsplätze im inhabergeführten Einzelhandel zu finden sind. Amazon zahlt einen großen Teil seiner Steuern in Luxemburg, und eine Vielzahl seiner Arbeitskräfte ist von Zeitarbeitsfirmen rekrutiert.

Das Internet als Totengräber des stationären Handels?

Thomas Mahr: Daran kann es ja nun wirklich keinen Zweifel geben. Ich würde mir es wünschen, dass sich jeder vor dem nächsten Mausklick überlegt, ob man sich beim Kauf des nächsten Buches nicht besser auf den Weg in eine, gern natürlich unsere, Buchhandlung machen sollte. Dort sind die Bücher nicht nur virtuell vorhanden, dort kann man sie in die Hand nehmen und im Gespräch mit dem Buchhändler/in vielleicht etwas ganz Neues entdecken. Wir verstehen uns nicht nur als Händler des immer noch interessantesten Kulturguts, sondern auch als eine Bildungseinrichtung.

Sie wollen aber jetzt nicht sagen, dass Sie nur absolute Hochkultur im Laden haben?

Thomas Mahr: Nein. Aber wie ich dem BuchMarkt schon ein vor ein paar Jahren sagte: Zauber-, Drachen- und Vampir-Bücher kann ich nicht mehr sehen. Die Mischung macht es. Es muss Platz sein für das Profane und das Heilige. Mir verschafft es immer noch ein Glücksgefühl, wenn ich dem Irlandreisenden das „Irische Tagebuch“ von Heinrich Böll mitgeben oder dem Kunden, der ein Wochenende in Prag verbringt, Leo Perutz’ „Nachts unter steinernen Brücke“ verkaufen kann. Natürlich habe ich die „Shades of Grey“ auch im Stapel liegen. Aber entscheidend ist die Breite des Sortiments, die Titelkenntnis voraussetzt, und das Engagement für die kleinen Verlage, die das Salz in der Suppe ausmachen. Aber der stetige Blick auf die Wirtschaftlichkeit hat die Sortimente langweilig gemacht. Der Buchhandel hat ja seine Existenzberechtigung deshalb, weil er für die Bedürfnisse seiner Kunden sortiert. Sie „sortieren“ im BuchMarkt ja auch nach Themen, die Ihre Kernzielgruppe interessiert…

Obwohl Sie mit unserer „Literatur-Reise durch die Jahrhunderte“ – ein Überblick der historischen Literatur von der Antike bis in die Neuzeit im Augustheft – ein bisschen unzufrieden waren…

Thomas Mahr: Das war eine schöne Idee. Und – von Haus aus bin ich Historiker – da habe ich schöne Anregungen gefunden. Aber: So ein paar Sachen habe ich doch schmerzlich vermisst, und die zeigen mir, dass da in unserer ganz normalen Wahrnehmung schon einiges weggerutscht ist…

Was denn zum Beispiel?

Thomas Mahr: Bis heute ist in der englischen Presse das „nearly like Feuchtwanger“ ein Gütesiegel für historische Romane. Und dabei kann der Engländer den Namen Feuchtwanger nur mit Mühe aussprechen – weshalb er sich ja dazumal auch Wetcheek nannte. Aber haben Sie auch nur einen Feuchtwanger in Ihrer Aufstellung gehabt?

Vollständigkeit werden wir bei solchen zeitlich geordneten Auflistungen nicht erreichen können…

Thomas Mahr: Natürlich nicht. Aber: Aktuelle Bestseller, die – ich sage es mal vorsichtig – den Klassikern hin und wieder nicht das Wasser reichen können, sehe ich da, aber warum weist man da nicht auch auf einen Döblin hin, auf die Brüder Mann (und gern auch die Kinder Golo und Klaus), die beiden Zweigs, Joseph Roth, Werfel und und und. Nein, es geht nicht um Vollständigkeit, aber die komplette Abwesenheit dieser Autoren stützt meine These, dass wir vieles Gute langsam aus dem Blick verlieren zugunsten des eben gerade Neuen.

Da fällt es schwer, zu widersprechen…

Thomas Mahr: Sehen Sie. Aber jetzt haben wir die notwendige Ergänzung zu Ihrer schönen Übersicht ja hinbekommen…

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