Bereits zum vierten Mal hat die Stadt Offenburg gemeinsam mit der Hubert Burda Stiftung am 13. Mai während einer stilvollen Feierstunde in dem atmosphärisch großartig passenden historischen Erinnerungs- und Veranstaltungsforum „Salmen“ in Offenburg den Europäischen Übersetzerpreis in diesem Jahr an zwei Übersetzerinnen ungarischer Literatur verliehen, „die mit ihrem außerordentlichen Sprachgefühl und Kulturverständnis literarische Werke eines europäischen Landes in die deutsche Sprache übersetzt haben“.

Edith Schreiner (OB Stadt Offenburg) ©Philipp
Den Hauptpreis, eine Trophäe und 15.000 Euro, erhielt die ungarisch-schweizerische Übersetzerin, Schriftstellerin und korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt) Christina Viragh „für ihre sprachliche wie kulturelle Sensibilität in ihren Übersetzungen bedeutender ungarischer Literaturwerke, voran der Werke von Péter Nádas und Imre Kertész”.
Für die bei Rowohlt erschienene Übersetzung von Péter Nádas‘ Trilogie „Parallelgeschichten“ wurde Viragh auch mit dem Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse 2012 ausgezeichnet und jüngst zusammen mit Nádas mit dem Preis „Brücke Berlin”.
Den Förderpreis und 5.000 Euro nahm die sichtlich gerührte und über diese Ehrung hoch erfreute Übersetzerin und Expertin der ungarischen Gegenwartsliteratur Agnes Relle entgegen. „Ihr umfassendes Know-how über Ungarns gesellschafts- wie kulturpolitische Entwicklung sowie die junge ihr besonders am Herzen liegende ungarische Literaturszene, ihre exzellenten Übersetzungen von Autoren wie ebenfalls Imre Kertész oder Attila Bartis, zeichnen sie besonders aus”, so die Jury.

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Beide Preisträgerinnen leben in der Emigration und sind zweisprachig aufgewachsen – eine grundlegende Voraussetzung, wie hervorgehoben wurde, um die vielen sprachlichen grammatikalischen Besonderheiten des Ungarischen und der Befindlichkeiten der Worte und Wörter auch in der deutschen Übertragung zu einem literarischen Hochgenuss werden zu lassen.
Für eine höchst interessante Festrede auf seine Übersetzerin Christina Viragh war eigens Péter Nádas angereist. Die Laudatio hielt die Literaturwissenschaftlerin, Schriftstellerin, Literaturübersetzerin und Kennerin der ungarischen Sprache Ilma Rakusa: „Christina Viragh gehört weder zu jenen übersetzenden Autoren, bei denen alles ein wenig nach ihrem eigenen Stil klingt, noch gehört sie zu jenen literarischen Handwerkern, bei denen alles ein wenig gleich klingt. Sie verkörpert ein Drittes: den emphatisch-souveränen Übersetzer. Besseres kann man sich nicht wünschen“.
Ebenso würdigende Worte auf Agnes Relle fand Christina Viragh als deren Laudatorin. Als Gesandter der ungarischen Regierung sprach Generalkonsul Tamás Mydló ein Grußwort zur Preisverleihung. Diese Preisverleihung war ein Ereignis der Spitzenklasse und das Publikum verließ die Veranstaltung vernehmlich inspiriert, demnächst eine Lesephase ungarischer Literatur einzulegen – mit Übersetzungen von Christina Viragh und Agnes Relle.
Hervorgehoben werden muss die herzliche und stilsichere Moderation des Festakts von Dr. Simon Moser, Fachbereichsleiter Kultur Stadt Offenburg und Geschäftsführer Europäischer Übersetzerpreis sowie die perfekte Organisation und Pressearbeit von Yps Knauber, Inhaberin der Agentur Words in Motion, Gleiszellen.
Die Schirmherrschaft des Europäischen Übersetzerpreises Offenburg 2012 hat Winfried Kretschmann, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg übernommen. „Fremde Kulturen können mit ihren Sprachen oft Stimmungen, Empfindungen und Facetten ausdrücken, für die die eigene Sprache keine Wörter oder Begrifflichkeiten kennt. Übersetzerinnen und Übersetzer machen mit ihrer Arbeit diese andere Sichtweise auf die Welt zugänglich. Leserinnen und Leser erhalten somit einen Einblick in die Besonderheiten einer anderen Kultur, lernen sie besser kennen und verstehen. Gerade Baden-Württemberg hat von diesem intensiven Austausch und den regen Freundschaften mit anderen Ländern, insbesondere unseren europäischen Nachbarn, profitiert“, so Winfried Kretschmann in seinem schriftlichen Grußwort.
Hintergrundinformationen zum Preis:
“Wenn wir aufhören, uns zu übersetzen, hören wir auf, uns zu verstehen, und dann hören wir auf, miteinander zu leben.“ Unter diesem Motto verleiht die Stadt Offenburg seit 2006 alle zwei Jahre den Europäischen Übersetzerpreis. Hinter dieser schlichten Sprachformel verbirgt eine intensive Botschaft, ein Appell für die Anerkennung der enormen Leistung von Literaturübersetzern im Kontext des Europäischen Integrationsprozesses.
Der Europäische Übersetzerpreis Offenburg wird von einer Findungskommission aus Persönlichkeiten des Literatur- und Verlagswesens begleitet: Günter Berg (Hoffmann und Campe), Ulrich Greiner (Die Zeit), Michael Krüger (Carl Hanser Verlag), Prof. Dr. Klaus Reichert (Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung) und Ragni Maria Gschwend (Übersetzerin).
Margrit Philipp, Friedrichshafen