Home > Gespräche > Bernd M. Scherer über die Bedeutung des Übersetzens

Bernd M. Scherer über die Bedeutung des Übersetzens

Am 23. Mai werden die Preisträger des Internationalen Literaturpreises – Haus der Kulturen der Welt (ILP) bekanntgegeben. Der Preis zeichnet einen Titel der aktuellen internationalen Erzählliteratur aus, der ins Deutsche übersetzt wurde. Wir sprachen mit Professor Dr. Bernd M. Scherer, dem Intendanten des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin über den Preis und die Bedeutung des Übersetzens.

Herr Professor Scherer, der ILP wird in diesem Jahr zum vierten Mal verliehen. Wie ist damals die Idee entstanden, einen neuen Literaturpreis zu kreieren?

Prof. Dr. Bernd M. Scherer
© Peter Adamik

Bernd M. Scherer: Ermöglicht wird der Internationale Literaturpreis durch die Stiftung Elementarteilchen. Vor einigen Jahren kam der Stifter Jan Slovak auf uns zu, weil er die Arbeit unseres Hauses schätzt und weil er uns unterstützen wollte. Und da er ein passionierter Leser ist und sich auch für Fragen der Übersetzung interessiert, haben wir gemeinsam diesen Preis entwickelt.

Was kann der Preis bewirken?

Unser Anliegen ist es die Aufmerksamkeit auf die Vielstimmigkeit weltweiten literarischen Schaffens und die bedeutende Vermittlungsarbeit des Übersetzens zu lenken.

Mit 35.000 Euro ist der ILP recht ansehnlich dotiert.

Ja, 25.000 Euro gehen an den Schriftsteller und 10. 000 Euro an den Übersetzer. Denn uns sind beide Aspekte wichtig. Die Grundidee war, dass Literatur – wie auch andere kulturelle Produktionen – nicht mehr rein national gedacht werden kann. In gewisser Weise gehört zur deutschen Literatur auch die Literatur, die ins Deutsche übersetzt ist. Das ist ein Verständnis von Literatur, wie Goethe es hatte.

Das heißt?

Wir wollen teilhaben an Literatur in unserer Sprache, aber auch an Weltliteratur, die in unsere Sprache übersetzt ist, und die Schriftsteller, die hier leben, beeinflusst. Das ist ja eine Interaktion. Auch die Stoffe, die aus aller Welt – beispielsweise aus dem arabischen Raum – zu uns kommen, stoßen zunehmend auf Interesse, weil diese Lebenswirklichkeiten unsere eigene Realität mehr und mehr prägen.

In diesem Jahr haben 70 Verlage über 140 Titel eingereicht. Übersetzt wurden sie aus 30 Sprachen und sie stammen von Autoren aus 50 verschiedenen Herkunftsländern.

Jeder Verlag aus Deutschland, Österreich und der Schweiz kann bis zu drei Titel einreichen. Zusätzlich kann jedes Jurymitglied weitere Bücher vorschlagen. So repräsentiert die Auswahl zum einen Übersetzungen, die den aktuellen Buchmarkt reflektieren, zum anderen vermittelt die Jury eine gewichtige Außenstimme.

Internationalität ist das Kennzeichen des ILP. Achten Sie auf ausgewogene Verteilung der Herkunftsländer bzw. -sprachen der Titel?

Wir haben die Regeln ganz bewusst weit gefasst. Woher die Bücher kommen, das Welthaltige wollten wir nicht einschränken.

Wie setzt sich die Jury zusammen?

Die Juroren sind von einem unabhängigen Gremium bisher für zwei, ab 2012 für drei Jahre gewählt. Es wird aber nicht die ganze Gruppe ausgetauscht, es gibt überlappende Zeiträume, sodass immer neue Stimmen zum Tragen kommen.

Sprechen die Jurymitglieder die Herkunftssprache?

Das lässt sich nicht zu 100 Prozent abdecken, da aus so vielen Sprachen übersetzt wird, aber wir versuchen die großen Sprachräume abzudecken.

Nach welchen Kriterien beurteilt die Jury die eingereichten Titel?

Es gibt zwei Grundkriterien. Uns geht es zum einen darum, Stoffe, die für unsere Gesellschaft interessant sind, die aber hier noch nicht bekannt sind, zu berücksichtigen. Zweitens ist der formale, ästhetische Aspekt im Fokus. Das heißt, die Form spielt eine genauso große Rolle wie der Stoff. Im Idealfall kommt beides zusammen. Insgesamt ist natürlich auch die Entwicklung des Preises im Laufe der Zeit von Bedeutung. Über die Jahre entsteht so ein Gesamtbild herausragender Werke aus aller Welt. Man sollte dabei nicht nur die Preisträger betrachten. Auch die Shortlist repräsentiert eine gewisse Spannbreite übersetzter Literatur, die für uns in dem jeweiligen Jahr bedeutend ist.

Welche Bedeutung kommt der Arbeit der Übersetzer zu?

Die literarische Form ist bei der Vergabe des Preises ein wesentlicher Gesichtspunkt. Daher kommt der Übersetzungsleistung eine große Rolle zu. Alle Übersetzer, die wir bisher ausgezeichnet haben, haben außergewöhnliche Arbeit geleistet, bei der die Frage nach eigenständiger Literatur gestellt werden darf.

Erstmals werden in diesem Jahr Lesungs- und Diskussions-Abende stattfinden, die sich dem Thema „Polyglotteries – Literaturen in Übersetzung“ widmen.

Wir wollen in unserem Haus Einflüsse aus verschiedenen Gesellschaften vorstellen. Da ist das Thema des Übersetzens praktisch in unsere Aufgabe eingeschrieben. Und deshalb wollen wir im Kontext des Preises auch auf die Bedeutung von Vielstimmigkeit und Mehrsprachigkeit aufmerksam machen. Wie schaffen es Übersetzer, zwischen unterschiedlichen politischen und religiösen Systemen sprachlich zu vermitteln, wie werden Texte und Wissen über Zeiten hinweg übertragen?

Übersetzer sind auch Kulturbotschafter. Sollte eine Übersetzung die Kultur der Ausgangssprache wiedergeben oder eher dem kulturellen Hintergrund der Zielsprache angepasst werden?

Das Übersetzen besteht genau darin, diese beiden Aspekte miteinander zu vermitteln. Der Übersetzer muss unter einer sehr genauen Kenntnis der Kultur der Ausgangssprache die sprachlichen Mittel finden, die in der Zielsprache adäquat sind. Man kann russische Literatur ins Deutsche nur dann mit ihren sprachlichen Feinheiten übersetzen, wenn man versteht, welche Bedeutung diese Feinheiten in der Ausgangsliteratur haben. Das ist natürlich eine hohe Kunst.

Unter anderem steht Mirca Cărtărescu mit „Der Körper“ auf der Shortlist. Das Buch führt uns nach Bukarest in eine sehr rumänische Welt. Stößt der Kulturtransfer da an Grenzen?

Ich glaube, dass jede Literatur eigentlich von jedem Rezipienten individuell rezipiert wird. Jeder Leser bringt eigene Erfahrungen mit. Zum Beispiel wird jemand, der in der DDR sozialisiert wurde, bestimmte Texte – etwa über totalitäre Systeme – anders lesen, als jemand der nur in Westdeutschland gelebt hat. Das macht ja gerade gute Literatur aus, dass man nicht sagen kann, es gibt nur diese eine Lesart.

Wo liegt die Grenze der Freiheit beim Übersetzen?

Die lässt sich abstrakt nicht fassen. Das Übersetzen ist ein künstlerisches Handwerk, das man nur bezogen auf die Praxis beurteilen kann und für das es keine generellen Regeln gibt.

Wie ist das Feedback der Verlage auf den ILP?

Die Verlage haben sich von Anfang an gerne beteiligt und viele Titel eingereicht. Das bedeutet für die Jury sehr viel Arbeit. Aber ich glaube, die Verlage verfolgen sehr genau die Preisvergabe und sie verstehen mehr und mehr die Bedeutung dieses Preises. Die Reaktionen sind sehr positiv.

Haben Sie Erfahrung, ob sich der ILP im Verkauf niederschlägt?

Im letzten Jahr, als Michail Schischkin und sein Übersetzer Andreas Tretner den Preis für Venushaar erhielten, konnte die DVA aufgrund des Preises eine neue Auflage herausbringen. Das ist natürlich das schönste Lob, das man für eine Preisverleihung bekommen kann. Der Preis, der Autor und Übersetzer ehrt, und die präzise Arbeit der Jury sind wirklich ein großer Beitrag um deutschsprachige Literatur für Weltliteratur zu öffnen und damit in die deutschsprachige Öffentlichkeit mehr Welthaltigkeit zu bringen.

Die Fragen stellte Margit Lesemann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert