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Anja Kleinlein – ein „Nachruf“

Anja Kleinlein

Am 14. Februar ist Anja Kleinlein im Alter von 86 Jahren in Bad Neuenahr gestorben; am 20. April wäre die legendäre Lübbe-Programmchefin 87 Jahre alt geworden.

Ihr ganzes Arbeitsleben lang war sie eigentlich nur bei Lübbe: Sehr weit über das Pensionsalter hinaus (bis zu ihrem 75. Geburstag) hat sie dort als Cheflektorin das Taschenbuch-Programm geprägt und dabei eine Reihe heutiger Topleute der aktuellen Verlags- und Lektorenszene ausgebildet.
Sie ist bei vielen von uns unvergessen, auch wenn sie aus gesundheitlichen Gründen schon lange gezwungen war, ihre Wohnung in Bergisch Gladbach aufzugeben und in einen Seniorensitz zu ziehen. Bis zuletzt aber hat sie (das Sprechen fiel schwer, aber nicht das Mailen) Kontakt mit „ihrer“ Branche gehalten.
Die Trauerfeier mit anschließender Beisetzung findet statt am Donnerstag, den 23. Februar um 12.30 in der
Trauerhalle Friedhof, 51427 Bergisch-Gladbach Refrath, Kippekausen.

Ihr langjähriger Kollege Walter Fritzsche hatte ihr zu Ihrem 80. Geburtstag einen hinreißenden (Liebes)Brief geschrieben, den wir nun anstelle – da beide nicht mehr unter uns sind -eines Nachrufes auf die Grand Dame der Büchermacher hier veröffentlichen:
’Habemus Papam’
Liebe Anja,
aus dem Schornstein meines ‚Ateliers’ (bis vor drei Jahren: ‚meines Büros’), qualmt weißer Rauch. Seit Tagen fällt Regen, und es ist wieder kalt geworden. So habe ich den Kanonenofen angemacht, mit nassem Holz – daher der Dampf.
Ein gewisses Missgeschick, liebe Anja, hat uns beide in den letzten Jahren buchstäblich woandershin verschlagen, nicht in andere Gegenden, aber wohl in ein etwas verändertes Leben – ins Überleben: ‚survival’ oder ‚super-life’, je nach Übersetzer.

Gepriesen sei das Unkraut! Bei dem Regen sprießt es zwischen den Pflastersteinen auf meinem Hof. Es will einfach nicht vergehen. Darum widme ich Ihnen, liebe Anja, die – vielgeliebt, hoch gerühmt und tief verehrt – ein Leben lang mit roten Rosen überhäuft worden ist, die erste strahlend gelb leuchtende Blüte des Gemeinen Löwenzahns vor meinem Fenster.

Es ist Ihr achtzigster Frühling, stürmisch, heiter, zuweilen ein wenig närrisch, wie es einem Aprilkind gebührt. Vor zweiundzwanzig Lenzen (Wechsel im Ausdruck!) wurde ich Ihnen als ‚der Neue’ im Verlag vorgeführt, und natürlich hätte ich mich fürchten müssen vor dem kritischen Blick der Frau, die als ‚blonde Eminenz’ des Hauses die Fäden zog und die Netze spann, wie es hieß, aber – so versicherten mir meine Gewährsleute mit verklärten Augen – ganz bezaubernd sei und vor allem: ein Vollprofi der Unterhaltungsliteratur. Ich war natürlich alles andere als das und entsprechend eingeschüchtert. Gottseidank aber stimmte das mit dem Zauber, und der wirkte vom ersten Augenblick an. Jaja, lauter Oberflächenreize, ich weiß, aber so war es eben: Keine Frau konnte die Zigarette so elegant in der Hand halten und so aufreizend langsam an die Lippen führen. Keine konnte im Aufstehen den Rock (es war Sommer und glücklicherweise keine Hosenzeit) so beiläufig glätten und im Gehen die Beine so perfekt gebrauchen, als wäre sie eine gelernte Ballerina, die, inzwischen Chefchoreographin, den ‚aufrechten Gang’ nicht verloren hat. Den brauchte sie auch, um auf der zuweilen schlüpfrigen Spur zum Thronsaal des Verlegers nicht auszugleiten.
Eine Dame also wie aus dem Kino von früher – und doch auf der Höhe der Zeit mit ihrem untrüglichen Sinn für eine Literatur, die alles darf, nur nicht langweilen. Von ihr (liebe Anja, ich spreche inzwischen in der dritten Person von einer Frau, die wir beide kennen) habe ich viel gelernt, und sie hat mir vom ersten Tag an entscheidend geholfen, hat mir Autoren – Udo Jürgens, Philipp Vandenberg und viele andere – zugeführt wie eine Kupplerin, damit ich als ius primae noctis ihre Bücher als gebundene ausbrütete. Dahinter winkte, nicht immer, der Taschenbuchlohn. Aber meist. Und bald hatte ich mir angewöhnt, auch vor ‚eigenen’ Erwerbungen mir ihr Urteil nebst Geld zu sichern.
Das Leben erleichtert hat sie mir in dem mir zunächst unvertrauten Milieu vor allem mit ihrer Ironie, die nicht immer sofort zu erkennen war. Gleich zu Beginn einer der berüchtigten Montagskonferenzen verkündete sie, man müsse sich sofort um die ‚Memoiren von Boris Becker’ kümmern. Ich zuckte zusammen: Das ganze Kerlchen hatte zwar am Tag davor Wimbledon gewonnen, war aber gerade mal achtzehn Jahre alt. (Die letzten Memoiren, die ich woanders zu betreuen hatte, waren die von Jean Renoir gewesen, und der war über achtzig.) Die Runde war begeistert von der Idee, nicht ohne einen vorsichtig fragenden Blick zum Verleger, der lächelte wie eine Sphinx. Ich aber muß Anja so erschrocken angesehen haben, daß sie trotz der halb gesenkten Lider, mit denen sie den Beifall hoheitsvoll entgegennahm, mir mit einem sekundenlangen Lächeln aus Mund- und Augenwinkeln zu verstehen gab: Na und? Jeder hat’s doch verstanden!
Die Welt war wieder in Ordnung. Sie war überhaupt meist in Ordnung mit Anja in der Nähe.
Das mögen auch die vielen Autoren und Autorinnen gedacht haben, die in allen möglichen Lebensnöten Zuflucht unter ihrem Schutzmantel gesucht und gefunden haben. Die Frauen: ‚Nicht ohne meine Anja’, und die Männer beiderlei Geschlechts: ‚Habemus Mamam!’
Für mich aber, liebe Anja, bleiben Sie immer die Ballerina! Seien Sie aufs Herzlichste beglückwünscht und umarmt
von ihrem dankbaren alten Walter

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