Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Readbox-Geschäftsführer Ralf Biesemeier.
Ralf Biesemeier ist nach einer Karriere im Software-Marketing und als Business Planning Officer in der Baustoffindustrie Geschäftsführer der readbox publishing OHG, eines Dortmunder Spezialisten für E-Book-Herstellung und -Distribution.
Ihr Unternehmen readbox publishing stellt sich als Technologiepartner für E-Book und Digitalisierung vor. Was macht Sie so sicher, dass E-Books eine Zukunft haben? Marktstudien aus den USA weisen darauf hin, dass der Hardware-Markt seiner Sättigung entgegengeht.

Ralf Biesemeier: Dagegen gibt es aber viele positive Nachrichten über den Absatz von E-Books aus den USA, und gerade meldet The Bookseller, in England habe sich der Absatz verfünffacht.
Und wie erleben Sie den deutschen Markt?
Ralf Biesemeier: Deutschland scheint hingegen im Dornröschenschlaf zu verharren. Die Verkäufe lagen weit unter den Erwartungen. Das Weihnachtsgeschäft scheint nun die Wende gebracht zu haben: Im Dezember haben die E-Book-Anbieter ihren Umsatz im Vergleich zum November teilweise verdoppelt.
Wer versucht, E-Books auf E-Readern zu lesen, ist oft eher enttäuscht über bescheidene Qualität. Es ist aber auch zu erkennen, dass die offensichtlichen Möglichkeiten nicht genutzt werden.
Ralf Biesemeier: Ja, die Qualität der im Handel verfügbaren E-Books ist sehr unterschiedlich. Vielen Verlagen ist nicht klar, welche Funktionalitäten möglich sind und welche Stolperfallen sie beachten müssen.
Woran liegt das?
Ralf Biesemeier: Der Teufel steckt dabei wie so oft im Detail: Elektronische Bücher werden von unterschiedlichen Lesegeräten unterschiedlich interpretiert und angezeigt. Im schlimmsten Fall stimmt die ganze Formatierung nicht, oder Abbildungen sind an der falschen Stelle zu finden. Manchmal ist auch das ganze Layout durcheinandergewürfelt. Bei einigen E-Books wird im Gegensatz zur gedruckten Variante auch ganz auf Illustrationen, Fußnoten oder Stichwortverzeichnisse verzichtet, was dann etwas lieblos wirkt. Dabei sind gerade automatisierte Verlinkungen, Verweise oder kontextabhängige Funktionalitäten die Vorteile der E-Books gegenüber dem gedruckten Buch.
Warum bekommt man auf den E-Readern nicht hin, was auf dem Computer längst funktioniert?
Ralf Biesemeier: Das Problem lässt sich leider nicht mit einem Mausklick beseitigen: Die Bereitschaft ist noch eher gering, einen Gegenwert bereitzustellen, der den teilweise hohen Preis von E-Books rechtfertigen würde.
Aber immerhin muss das E-Book ja gegen das Print-Buch antreten.
Ralf Biesemeier: Im Printbereich greifen Verleger im Regelfall nicht auf das billigste Satzstudio oder den billigsten Drucker zurück, sondern wählen nach Know-how und Leistungspotenzial aus. Schließlich hat der Leser hohe Ansprüche an Lesbarkeit, Einband oder Papiersorte. Am Ende zahlt es sich aus, nicht nur auf den Preis zu achten. Erstaunlicherweise hat sich diese Erkenntnis im E-Book-Bereich offenbar noch nicht durchgesetzt.
Sie meinen, weil Verlage unterstellen, dass Kunden von E-Books eher niedrige Preise erwarten, werden sie nun auch billig gemacht?
Ralf Biesemeier: Viele Verlage wissen nicht, dass hochwertig produzierte E-Books dem Leser mehr Nutzen bieten, für den er auch bereit ist, mehr zu bezahlen. Oftmals erkennen Verlage auch nicht, dass eine scheinbar günstige Produktion gar nicht viel Geld spart, weil ihre E-Books aufwändig nachbearbeitet werden müssen und der damit verbundene administrative Aufwand jeden Kostenrahmen sprengt.
Steht die entsprechende Technik denn schon zur Verfügung?
Ralf Biesemeier: Die Voraussetzungen für die Produktion hochwertiger E-Books sind vorhanden. E-Books können so hergestellt werden, dass sie auf allen Geräten gleich gut funktionieren. Und mit neuen E-Book-Formaten wie epub+, epub3 oder KF8 (Kindle) lassen sich ganz neue E-Book-Inhalte erstellen, die weit mehr als nur die Einbettung von Multimedia ermöglichen und einen echten Mehrwert im Vergleich zu einem gedruckten Buch bieten.
Sind diese Verfahren schon allgemein durchgesetzt?
Ralf Biesemeier: Ein technisch hochwertiges E-Book kann nur mit spezieller Software und vor allem dem nötigen Know-how produziert werden. Hier ist ein Dienstleister hilfreich, der diesen Service bieten kann.
Lassen Sie mich raten: Das hat seinen Preis?
Ralf Biesemeier: Ein guter Dienstleister bietet seinen Service sicher nicht zum Discount-Preis an – genau so wie ein gutes Satzstudio.
Das heißt, das E-Book als Kulturgut verdient es, dass ihm dieser Stempel durch handwerklich hochwertige Verarbeitung aufgedrückt wird?
Ralf Biesemeier: Wenn sich diese Erkenntnis einmal durchgesetzt hat, stehen die Chancen für eine massenweise Verbreitung von E-Books sehr gut.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.