Gesetzesvorhaben wie der amerikanische Stop Online Piracy Act (SOPA) oder das multilaterale Handelsabkommen Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA) treiben Zehntausende auf die Straßen, führen zu Hacker-Angriffen auf Regierungs-Websites und zu schwarzen Bildschirmen, wenn Webuser ihre Lieblingsseiten aufrufen wollen. Beide zielen im Kern darauf ab, Betreiber von Websites für alle Inhalte und Verlinkungen ihrer Domain in die urheberrechtliche Haftung nehmen zu können, sie also juristisch verantwortlich und schadenersatzpflichtig machen zu können.
Warum die junge „Screen Generation“ das nicht hinnehmen kann, erläutert Michael Lemster („Freitags um fünf“ auf buchmarkt.de). Er ist als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels und berät Verlage, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen.
Herr Lemster, Sie beobachten sehr kritisch die Richtung, in die sich unsere Börsenvereins-Offiziellen angesichts der aktuellen Debatte um ein zukunftstaugliches Urheberrecht bewegen.

Michael Lemster: Ich begrüße es, wenn jemand Recht Recht nennt und Unrecht Unrecht. Aber Recht ist das eine, Rechtsfrieden das andere. Und warum tun wir uns so schwer, einerseits das Recht durchzusetzen, andererseits diesen Rechtsfrieden herzustellen? Neben der wirtschaftlich motivierten Auseinandersetzung vollzieht sich bei der Diskussion um Gesetze wie den SOPA und das ACTA eine Art „Kampf der Kulturen“, dessen Ausgang auch deshalb so ungewiss ist, weil die traditionellen Medienhäuser (zum Beispiel auch buchmarkt.de) bereits Webmedien sind und weil sie in weiten Kreisen der Gesellschaft ihre Meinungsführerschaft an die Web-Wirtschaft abgeben mussten. In dieser Debatte werden die Medien erstmals als dezidiert parteiisch wahrgenommen und nicht, wie traditionell, als Treiber oder Spiegel der gesellschaftlichen Diskussion.
Kulturkampf hin, Kulturkampf her – Autoren und Verwerter haben doch einen legitimen Anspruch, von ihrer Arbeit leben zu können. In der Diskussion im Netz überwiegt stattdessen die Einstellung, alle Inhalte sollten allen kostenlos zur Verfügung stehen.
Das ist so, leider. Denn einige Tatsachen sollten alle De- und Kombattanten – Web-Wirtschaft, Nutzer, Verwerter und auch Politiker – sinnvollerweise jederzeit im Kopf behalten: Geistige Schöpfungen jeder Höhe sind ein ideeller und wirtschaftlicher Treibstoff jeder Zivilisation. Es gibt daher ein gemeinsames gesellschaftliches Interesse an möglichst günstigen Bedingungen für deren Entstehung.
Dieses „gesellschaftliche Interesse“ wird von der Netzgemeinde ignoriert…
…weil sie von der betriebswirtschaftlichen Seite künstlerischer Produktion nichts weiß und nichts wissen will. Schöpferische Werke – wenn wir nicht von Industriepatenten sprechen – entstehen selten in Unternehmen. Vielmehr werden sie, zumindest die geistig und technisch komplexeren von ihnen, unter hohem Risiko des finanziellen Scheiterns von Einzelpersonen erarbeitet. Das unterscheidet Urheber von Angestellten, die jeden Monat ein Gehalt überwiesen bekommen. Wird die unbezahlte Nutzung nun zum Massenphänomen, müssen Schöpfer ihr Zeitbudget umschichten – sie produzieren dann weniger oder gar nicht mehr. Diesen Weg ist die erfolgreiche und produktive spanische Autorin Lucia Etxebarria ja bereits gegangen: Sie erklärte im Dezember 2011, bis auf weiteres auf das Schreiben neuer Werke zu verzichten.
Das erste prominente Opfer der Internet-Piraterie?
So könnte man es nennen. Wobei ich persönlich mir nicht vorstellen kann, dass die legalen Absätze ihrer Bücher dermaßen dramatisch durch illegale substituiert worden sein sollen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Verfechter einer weitreichenden urheberrechtlichen Freizügigkeit die Interessen von Schöpfern und Verwertern auseinanderdividieren: Hier der Schöpfer, der quasi mit seinem Herzblut schreibt, malt, filmt, singt, was auch immer, und dem die Verbreitung seiner Werke, egal zu welchen Preisen, noch immer über alles geht – man tut ihm quasi einen Gefallen, wenn man sein Werk zum illegalen Download anbietet. Dort der Verwerter, Teil einer „Content-Mafia“, die den Autoren so wenig zahlt, dass es eigentlich fast schon egal ist, ob sie überhaupt noch etwas bekommen. Es sind dermaßen abenteuerliche „Kalkulationen“ selbst ernannter Experten im Umlauf…
Dabei ist das, was die Verwerter den Urhebern zahlen, im Großen und Ganzen fair.
Natürlich, das wird jeder bestätigen können, der eine Verlagskalkulation oder die Gesamtlage der Unternehmen in den Kreativindustrien kennt. Gehälter, Unternehmerlöhne und Unternehmenswerte sind, verglichen mit anderen Industrien, ausgesprochen moderat. Einzelne Ausreißer nach oben belegen nicht das Gegenteil. Diesen Ausnahmen stehen Tausende anderer Unternehmen gegenüber, die im permanenten Überlebenskampf stehen.
Da könnten ja selbsternannte Netzökonomen den umgekehrten Schluss ziehen, die Instanz der Verwerter sei in Wirklichkeit im Absterben?
Ja, wenn sie weiter die Fakten ignorieren. Die Verwerter nehmen den Urhebern einen Teil ihres wirtschaftlichen Risikos ab. Immerhin kommt der Begriff „Verlag“ vom „vorlegen“. Sie zahlen ihnen Vorschüsse und garantieren ihnen definierte Leistungen in der Qualitätssicherung, Produktion, Verbreitung und Bewerbung ihrer Werke. Ungeachtet der weiten Verbreitung des Internets, des E-Publishing und des Print on Demand verdanken nach wie vor mindestens 95 % der erfolgreichen Autoren, Illustratoren, Musiker ihre Durchsetzung der traditionellen Allianz mit den Verwertern. Selbst wenn sich dieser Anteil im Zuge des Self-Publishing-Booms noch erheblich erhöht, werden die Verwerter auf unabsehbare Zeit in der Vermarktung geistiger Schöpfungen ihren Vorrang behaupten – trotz „Pottermore“ und Self-Publishing-Erfolgsstorys wie Amanda Hocking.
Halten Sie Self-Publishing für eine Blase?
Eher für eine Variante. Die meisten etablierten Kreativen wissen doch, dass sie ihren kommerziellen Erfolg nicht zuletzt dem Qualitätsmanagement der Verwerter verdanken –im Gegensatz zur überwiegenden Mehrheit der Nutzer, die sich darüber keine Gedanken machen. Ein Verlagslektor mit seiner umfassenden Bildung und Marktkenntnis, der dafür bezahlt wird, wird seine Arbeit meist besser erledigen als jemand, der das aus Nettigkeit tut, weil der Autor sein guter Kumpel ist, oder ein Käufer, der im Internet zu einem Text einen Kommentar abgibt. Dazu muss man sich nur einmal genug Kommentare im Internet durchgelesen haben. Natürlich könnte alternativ jeder Autor ein Redaktionsbüro beschäftigen. Aber die erfolglosen Newcomer werden nicht auch noch dafür das Geld haben, und die erfolgreichen Bestsellerautoren werden es schwer haben, einen freien Lektor zu finden, der sich traut, entschieden in eine Qualitätsdiskussion zu gehen – einfach aufgrund der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Kunden. Kontroverse Positionen einem Autor gegenüber zu vertreten, fällt selbst in großen Verlagen schwer genug.
Also bleibt es bei der jahrhundertealten Rollenverteilung. Und beim jahrhundertealten Kampf gegen die Auswüchse der Selbstbedienung. Der STOP ONLINE PIRACY ACT ist ein neuer Höhepunkt in diesem Kampf…
Und er trifft auf einen Gegner, der so ungreifbar ist wie ein Guerrillero – weil das Internet mit seinen neuen technischen Möglichkeiten und seinen niedrigen Schwellenkosten Massenformen der Verbreitung schöpferischer Inhalte geschaffen hat, die das Urheberrecht nicht vorausgesehen hat. Wer früher ein Lieblingsgedicht in sein Album abgeschrieben und dieses seinen engsten Freunden gezeigt hat, schreibt es heute vielleicht in einen Blog mit einer theoretischen Reichweite von Millionen Lesern. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird dieser Blog von nicht mehr Menschen gelesen als früher sein Tagebuch. Der Blogger wird also vermutlich gar nicht daran denken und sicherlich nicht leicht verstehen, warum er dem Rechteinhaber ein Abdruckhonorar zahlen soll. Oder Bildhonorare an Fotografen, deren Werke er im Web zusammengesucht und auf seiner Facebook-Seite von Europa zusammengestellt hat. Vom Standpunkt des Urheberrechts aus ist es übrigens unerheblich, ob ein Bild von einem Starfotografen stammt oder ob jemand beim Provinzfußballverein „Klick“ gemacht hat.
Neue Technik hat also neues Nutzerverhalten hervorgebracht, auf die das Urheberrecht bislang keine Antworten hat?
Wenn vor 30 Jahren jemand von einem Musikstück so begeistert war, dass er es massenhaft auf Kassette kopiert und seinen Freunden gegeben hat, wird ein heutiger Musikfan mit relativ geringem Unrechtsbewusstsein einen Link zum Anhören oder Download mit seinen Freunden teilen. Und damit kommen wir wieder zum „Kampf der Kulturen“: Diese spontane, „piratenhafte“ Kultur der Kommunikation und der kommunikativen Aneignung von Medien ist für die User eine der Hauptattraktionen des Internets und für die Web-Wirtschaft eine Haupteinnahmequelle. Die traditionellen Verwerter können sie nur schwer kontrollieren, obwohl sie öffentlich ist. Daher drängen sie mit aller Macht darauf, die Web-Wirtschaft in eine verschärfte Haftung zu nehmen…
…das ist ja der Kern von SOPA und ACTA…
Genau. Aber die Folge solcher Verschärfung wäre zweifellos ein erheblicher Verlust an Dynamik in diesem Kommunikations-Prozess, der gerade durch seine Dynamik lebt. Deshalb wird weder die Mehrheit der Teilnehmer noch die Mehrheit der Web-Industrie Vorhaben wie SOPA oder ACTA hinnehmen. Die Digitalisierung hat zu einer Inflation des Mitteilungsdrangs in einer ungewissen Zone zwischen privat und öffentlich, zwischen Hobby und Verwertungsabsicht geführt, von der vor allem die Web-Wirtschaft profitiert und die die traditionellen Verwerter zutiefst verunsichert, da sie zumeist diese Zone nicht kennen, nicht verstehen, nicht einschätzen können hinsichtlich ihrer Größe, ihrer Zusammensetzung, ihrer Dynamik. Daher ihre Entschlossenheit, dem Urheberrecht auch im Internet zu voller Geltung zu verhelfen.
Stehen sie auf verlorenem Posten?
Mein persönliches Fazit in diesem Streit, den ich zugegebenermaßen auch mit mir selbst ausfechte: Verwerter muss es geben, Verwerter wird es geben, Verwerter machen im wesentlichen „Fair use“ von den ihnen anvertrauten Gütern. Im Kampf um die Kontrolle des Internets spielen sie aber eine ähnliche Rolle wie die ISAF-Truppen in Afghanistan. „Asymmetrische Kriegsführung“ nennen das die Militärexperten, und die Kollateral-Schäden sind bekannt: 400.000 (oder auch 800.000) Kostenbescheide gegen kleine und kleinste Urheberrechts-Verletzer allein in Deutschland, eine Verschiebung der politischen Kräfte, die eindeutig von unten kommt – Stichwort Piratenpartei – und eine wachsende Entfremdung der politischen Mitte von dem Gedanken, dass auch geistiger Diebstahl Diebstahl ist. Die Kreativ- und Medienwirtschaft steckt in einer Legitimations- und Ertragskrise, aus der das Schwingen juristischer Keulen und politische Lobbyarbeit allein sie vermutlich nicht herausbringen werden. Hier ist weit mehr Kreativität gefragt.