Home > Veranstaltungen > Ein Weltuntergang ist anders: Die AG PUB-Jahrestagung sieht gefasste, kämpferische Verleger

Ein Weltuntergang ist anders: Die AG PUB-Jahrestagung sieht gefasste, kämpferische Verleger

Zwar sprühte nur dünner Münchner Nieselregen an die Fensterscheiben des Literaturhauses, aber die branchenpolitische Kulisse glich einer dramatischen Gewitterwand:

Während in den USA und aus Solidarität auch in Italien reichweitenstarke Webportale den Protest gegen den amerikanischen „Stop Online Piracy Act“ SOPA mit Black-outs untermalten, zeichneten sich vor den Augen der Diskutanten langsam die Szenarien und Konsequenzen einer Dekonstruktion des Thalia-Filialnetzes ab.

Beide Nachrichten repräsentierten die zentralen Bedrohungen, denen das Geschäftsmodell der Verlage nicht erst seit gestern ausgesetzt ist: die Enteignung der Verwerter und Urheber durch organisierte Kriminelle und ahnungslose User sowie das Wegbrechen des traditionell wichtigsten und engagiertesten Vertriebskanals: des Fachhandels. Aber bemerkenswert war die kollektiv zur Schau getragene Gelassenheit der anwesenden Manager. Zwar klangen die einleitenden Weckrufe der Verbandsgrößen wie immer, jedoch sehr schnell wurde das Unbehagen abgeschüttelt und man ging zur Tagesordnung über, die nur heißen konnte: Wie stellen wir unter diesen Bedingungen unser Überleben und unsere Zukunftsfähigkeit sicher.

Junge Vertreter verlagsnaher Startups kamen zu Wort: Ina Fuchshuber vom AKEP-Preisträger neobooks erklärt, was der Droemer Verlag davon hat, in eine Self-Publishing-Plattform zu investieren, Joachim Kaufmann führte vor, was man alles auf dem iPad mit Pixi-Büchern machen kann, und Christian Damke von Skoobe versuchte begreiflich zu machen, warum die führenden Publikumsverlage eine eigene E-Book-Plattform benötigen. Noch ein junger Mann kam zu Wort: Tony Stubenrauch, der Nachwuchssprecher des Börsenvereins, der nicht nur eloquent begründete, warum er in der Buchbranche arbeitet (nämlich als Azubi des Aufbau Verlags), sondern auch einen kleinen Wunschzettel an die Adresse der Verlage schickte, dessen Positionen außerhalb der Treibhausatmosphäre von Podium und Auditorium sicherlich für manches Stirnrunzeln sorgen dürften: auskömmliche Bezahlung für den Nachwuchs etwa und Mitsprache in Innovationsprojekten…

Ein total entspannter Dr. Joerg Pfuhl berichtete von den Visionen der Stiftung Lesen zum Welttag des Buches [mehr…]: 33.333 begeisterte Buchleser sollen übers Internet gefunden werden und insgesamt eine Million Bücher an Nichtleser und Selten-Leser verschenken. Auch an diejenigen, die gar kein Buch lesen könnten, selbst wenn sie es wollten, erinnerte er – mehr noch als die Zahl von 7,5 Millionen (darunter 60 % mit deutschsprachigem Hintergrund) schockierte dabei die Untätigkeit der allermeisten politisch Verantwortlichen.

Mit einem Schocker eigener Art wartete schließlich die Frankfurter Verlagsanstalt auf: auf das Podium holte sie ihre Autorin Lucia Etxebarria, die im Dezember verkündet hat, angesichts der epidemischen Ausmaße, die der illegale Download ihrer erfolgreichen Bücher mittlerweile angenommen hat, einstweilen auf das Schreiben zu verzichten und lieber beizeiten eine sichere Lebensgrundlage für sich und Ihre Familie zu suchen. Auslöser war die Tatsache, dass ihr neues Buch bereits illegal als E-Book getauscht wurde, bevor es überhaupt in gedruckter Form vorlag. Als sie ihren Entschluss auf ihrer Facebook-Seite bekanntgab und begründete, reagierten ihre „Fans“ und „Freunde“ nicht etwa mit Verständnis und Solidarität, sondern mit Hass und Aggression, die in der Drohung gipfelte: „Wir wissen, wo deine Tochter zur Schule geht!“

Es sieht so aus, als gäbe es eine Klientel, die nicht nur die Werke der Schriftsteller, sondern sogar deren Arbeitskraft selbstverständlich als frei verfügbare Ressource über für sich reklamiert. So endete die Veranstaltung in der Tonart, in der sie begonnen hatte: dem Entsetzen über die massenhafte Piraterie nicht minder als über das Rechtsbewusstsein der webgebundenen Nutzer.

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