Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an die HoCa-E+-Book-Spezialistin Ute Nöth.
Ute Nöth, seit 2011 Inhaberin von books+, betreut nach beruflichen Stationen bei Books on Demand und beim bunkverlag, einem Zeitschriftenverlag, als Lektorin und Projektmanagerin die enhanced E-Books bei Hoffmann und Campe. Soweit ihre beiden Mädchen ihr Zeit lassen, geht sie ihrem Interesse für jüdische Kultur nach und reist am liebsten nach Israel, wo sie während ihres Studiums der Verlagswirtschaft auch die dortige Verlagsszene kennenlernte. Außerdem schwimmt sie gern in Bücher-, Daten- und richtigen Meeren.
Geht es nach der Meinung von Apple, stammt das beste enhanced E-Book des vergangenen Jahres aus dem Hause Hoffmann und Campe. Glückwunsch! Verraten Sie uns mehr über diese Auszeichnung?

Ute Nöth: Jedes Jahr im Dezember veröffentlicht Apple unter dem Label „iTunes Rewind“ seinen Jahresrückblick und präsentiert die besten und erfolgreichsten Apps, Spiele, Alben, Songs und Filme, die über die Apple-Plattform angeboten wurden. Dieses Jahr wurden unter dem Label „iBookstore Rewind“ erstmals auch die besten deutschen E-Books gekürt. Es gab vier Kategorien. „Bestes Buch + Extras“ wurde das „Schandweib“ von Claudia Weiss aus unserem Verlag.
Was ist das überhaupt genau – ein „enhanced E-Book“?
Ute Nöth: Böse Zungen meinen: Ein E-Book mit Schnickschnack. Ich würde sagen, ein digitales Format, das den klassischen Buchtext klug mit multimedialem Zusatzmaterial bereichert. Ein E-Book lediglich als digitale Replik des Printbuchs zu verstehen, halte ich grundsätzlich für zu kurz gedacht. Zwar ist es in vielen Fällen sinnvoll, Buchinhalte schlicht linear zu präsentieren – aber es gibt eben auch Bücher, bei denen gerade ein multimedialer Zugang das Leseerlebnis verstärkt.
Was darf der Leser, der sich das angereicherte „Schandweib“ kauft, erwarten?
Ute Nöth: Unser enhanced E-Book bietet dem Leser eine Fülle an Zusatzmaterial, das eigens für diesen Zweck erstellt wurde. Vorteilhaft war, dass dem historischen Roman ein reales Schicksal zugrunde lag, nämlich das der Hamburgerin Ilsabe Bunk, die 1702 als „Schandweib“ hingerichtet wurde – weil sie ein Leben in Männerkleidern führte. Entsprechend gibt es Videoaufnahmen mit der Autorin an Originalschauplätzen oder exklusiv eingespielte historische Schandlieder. Die Leser können Einblick in die Originalakten des historischen Falls nehmen und durch Überblendung das historische Hamburg mit heutigem Kartenmaterial abgleichen. Ein in den Text integriertes Glossar, viele Bilder und ein Hintergrundtext vermitteln darüber hinaus Einblicke in die Zeit.
Will ich als Leser das überhaupt alles sehen, hören, wissen – wenn ich einen historischen Roman lese, möchte ich mich doch vielleicht eher einfach dem Sog der Geschichte hingeben.
Ute Nöth: Bei der Zusammenstellung der Anreicherungen galt für uns immer der Grundsatz, dass wir für eine Fokussierung des Lesers und nicht für dessen Zerstreuung sorgen wollen. Der Aufbau ist bewusst gewählt. Bei jedem E-Book gilt es zu entscheiden: integrieren wir die Anreicherungen mitten in den Text, oder stellen wir sie ans Ende? Im „Schandweib“ verweisen wir im Text dezent auf das Glossar und bündeln alle weiteren Materialien im Anhang. Kennen Sie die Situation? Wenn ich von einem Buch fasziniert bin, fällt es mir schwer, das Buch zuzuklappen und ich lese oft noch den allerletzten Rest, im Zweifel sogar die Eigenanzeigen. Diesen Lesertyp wollten wir befriedigen.
Und warum kann HoCa es besser als die anderen Verlage?
Ute Nöth: Ich denke, das fängt schon bei unserer Organisationsstruktur an. Ganz bewusst ist bei uns das Thema „enhanced E-Book“ im Lektorat angesiedelt, dort besprechen wir die Projekte schon sehr früh mit den Autoren, und dort werden auch die Anreicherungen konzipiert. Gleichzeitig findet ein wöchentlicher Jour Fixe zum Thema E-Book statt, der abteilungsübergreifend besetzt ist. Alle Beteiligten setzen sich mit viel Spaß und großer Neugier damit auseinander, was Bücher nun so alles können. Wir wollten ausreizen, was das ePUB-Format technisch hergibt, aber es ging uns nie um Effekte, sondern um mit Bedacht und Sorgfalt ausgewählte Anreicherungen.
Wenn man so viel Zeit und Liebe in gedruckte Bücher steckte, wären diese vielleicht auch besser und erfolgreicher…
Ute Nöth: Ich glaube nicht, dass in gedruckte Bücher – also in den eigentlichen Text – weniger Liebe und Aufwand gesteckt wird. Bei Hoffmann und Campe jedenfalls wird intensiv und fundiert an den Büchern gearbeitet, aber das Papier hat Grenzen, und die wollten wir aufbrechen.
Wie habe ich mir die konzeptionelle Arbeit an so einem Projekt genau vorzustellen?
Ute Nöth: Am Anfang stehen die Buchidee und der Autor. Bereits die Lektoren denken die Möglichkeiten des digitalen Formats mit und diskutieren sie mit dem Autor. Wenn die Begeisterung über diese Möglichkeiten auf den Autor überspringt, kann ihm eine ganze Menge einfallen, entsprechend groß ist dann oft die Menge des Materials, das er beisteuert. So war es auch bei Claudia Weiss. Während dann der Text durchs Lektorat geht, kümmern wir uns um die Aufbereitung und Beschaffung des Materials, die technische Umsetzbarkeit und Dramaturgie der Anreicherungen. Dramaturgie bedeutet, auch mal im Interesse einer redaktionell und technisch überzeugenden Anordnund auf besonders schöne Ideen verzichten zu können.
Erstellen Sie eine Art Storyboard?
Ute Nöth: Wenn Sie es so nennen wollen. Es gibt auf jeden Fall einen dezidierten Plan, der einen Überblick über die Struktur des E-Books verschafft.
Gedruckte Bücher sind ja nicht zuletzt deshalb wirtschaftlich erfolgreich, weil sie technisch gesehen einander sehr ähnlich sind und eine Serienproduktion möglich ist. Wie schaffen Sie es, nicht bei jedem „enhanced“-Projekt das Rad neu erfinden zu müssen und dadurch kostenmäßig irgendwann auf dem Mond zu landen?
Ute Nöth: Von einer Serienproduktion sind wir tatsächlich noch weit entfernt. Ich bezweifle auch, dass es jemals eine wirkliche Serienproduktion von enhanced E-Books geben wird. Aber wir gewinnen schnell Routine im Asset Management, in der Beschaffung und technisch-redaktionellen Aufbereitung und Bereitstellung multimedialer Dokumente. Und wir haben die Schritte unserer Arbeit schriftlich festgehalten, Kontaktlisten erstellt und vieles mehr. Die nächsten Projekte werden sicherlich nur noch halb so aufwändig.
Ihr Fazit: Lohnen sich enhanced E-Books?
Ute Nöth: In vielerlei Hinsicht ja – ausschließlich unter dem finanziellen Aspekt betrachtet: Nein, bisher noch nicht. Obgleich ich ergänzen will, dass das „Schandweib“ zu den bestverkauften E-Books des Verlages zählt. Dazugewonnen haben wir aber ganz enorm in anderen Bereichen. Wir haben in technischer Hinsicht jede Menge Knowhow, Kontakte und Infrastruktur aufgebaut, erhielten begeisterte Leserzuschriften, verstehen jetzt besser, wie man eine so neue Produktform konzipiert und vermarktet – und ganz nebenbei ließ sich das E-Book-Material auch sehr gut bei der Vermarktung des gedruckten Buches einsetzen. Bei Hoffmann und Campe wird es auf jeden Fall auch weitere Bücher mit Extra geben!

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.







